Christian Schneeweiß als Ferdinand und Lea Ruckpaul als Luise Foto: Mirbach

Wolfgang Michalek inszeniert im Nord Schillers „Kabale und Liebe“ zur Aufführung. Seziert wird eine empathielose Gesellschaft.

Stuttgart - Am Ende robben die Liebenden aufeinander zu, bäuchlings keuchend, ihre Arme und Beine sind vom Gift bereits gelähmt. Wie wundgeschossene Soldaten der Liebe kriechen sie im Staub. Doch selbst im Augenblick ihres Todes kommen das Bürgerkind Luise und der Adelsspross Ferdinand nicht zusammen, eine Getränkekiste steht ihrer Vereinigung auf der Bühne im Schauspiel Nord im Wege. Zu guter Letzt stirbt jeder allein. „Kabale und Liebe“ gehört nicht zu den besten Theatertexten Friedrich Schillers. Es ist ein Jugendwerk voller Pathos. Das morbide Trauerspiel eines Flüchtenden, vollendet 1783 nach dem unfreiwilligen Exodus aus Stuttgart, ein Fanal gegen die Tyrannenmacht eines Herzogs Karl Eugen. Und weil Schiller nicht lange fackelt, die verhängnisvolle Beziehung der Stadtmusikantentochter Luise mit dem Präsidentensohn Ferdinand lediglich als Mittel zum Zwecke des Protestes an der Ständegesellschaft betrachtet, verzichtete der Dichter auf Liebesgeplänkel. Der erste Kuss? Fand lange vor dem ersten Akt statt. Wenn überhaupt, dann wird im Jenseits geträumt. „Kabale und Liebe“ ist die Chronik eines angekündigten Todes.

Unstillbare Sehnsucht

Obwohl die Lovestory eine schwache Behauptung ist, konzentriert sich der Regisseur Wolfgang Michalek am Samstag bei der Premiere in der Staatstheaterspielstätte Nord genau auf diese Leerstelle. Und indem er die Vorlage strafft sowie Liebe durch Begehren ersetzt, kann er „Kabale und Liebe“ neu lesen, als ein Stück über eine unstillbare Sehnsucht, die Einsamkeit.

Ferdinands erster Auftritt ist symptomatisch. Zur hypnotischen Melodie von „Purple Rain“ von Prince hüpft er mit Samtjacke und hautenger Jeans auf die fast leer geräumte Bühne. Man nimmt ihm vieles ab, nur eines nicht: den Romeo. Bei Christian Schneeweiß ist Ferdinand ein hyperaktiver Ego-Prinz. Dieser Junge schwafelt schneller, als er denkt, klatscht in die Hände wie bei einem Live-Act, wirft blinde Blicke wie Rosen um sich, sucht in allem nur sein Spiegelbild. Er ist verliebt in die Pose. Seine Opposition gegen den Plan des Vaters, Lady Milford zu ehelichen, gerät zu heftig. Bei Schiller ist Ferdinand ein Schwankender, der flüstert: „Ich liebe, Mylady – liebe ein bürgerliches Mädchen.“ Bei Schneeweiß wird die berühmte Erwiderung halb gespuckt, halb geschrien. Die Empörung als narzisstisches Stilprinzip.

Anders als Ferdinand, der vor allem sich selbst sexy findet, entwickelt der Haussekretär Wurm eine perverse Lust an der Selbstzerstörung. Rachel Ohm verkörpert den Katalysator des Intrigenstadls als emotionalen Kühlschrank. Ein Buchhalter mit Ärmelschoner und strähnigem Haar, der weiß, dass er bei den Luises dieser Welt keine Chance hat und deswegen als Wurm Fäulnis verbreitet. Ohm reduziert die Mimik auf eine starre Maske, eine unmenschliche Chiffre, der die Banalität des Bösen eingeschrieben ist. Wenn Wurm mit dem Präsidenten (wunderbar dämonisch: Jürgen Lingmann) Schicksal spielt, erinnern die beiden an andere Zerstörerpaare der Theatergeschichte: Mephisto und Faust, Othello und Jago.

Liebe wäre Freiheit

Und Luise? Die Tochter des Stadtmusikanten Miller ahnt, dass Liebe eine Idee ist. Ein Hirngespinst. Lea Ruckpaul spielt Luise als selbstbewusste junge Frau, die ihrem Lover intellektuell überlegen ist. Mit jeder Textsilbe, mit jeder Körperfaser versucht sich das Energiebündel Luft zu verschaffen, auch in der Doppelrolle als Lady Milford. Klaustrophobisch reagiert sie auf die Begrenzungen ihres weiblichen Körpers wie auch auf das Korsett der engstirnigen Gesellschaft. Als der ekelhafte Wurm sie bedrängt, klettert sie den Theatervorhang empor. Wenn Ferndinand sie berühren will, plumpst sie wie ein Kartoffelsack auf den Boden. Diese Luise will keine Projektionsfläche für Herrenfantasien sein. Erfüllte Liebe, das wäre Freiheit. Entgrenzung. Und die gibt es nicht.

Oder vielleicht doch? Als Ruckpaul kurz vor ihrem Selbstmord den Abschiedsdialog mit ihrem Vater (Michael Stiller) spricht, nein: zelebriert, werden die Augen feucht, nicht nur auf der Bühne. Auch weil zwei Menschen unendlich weit entfernt voneinander sitzen, in Einsamkeit leiden, nie eins werden. Stark.