Das Juventus Stadium ist der Spielort der Partie am Dienstag. Foto: IMAGO/Marco Canoniero/IMAGO

Wenn der VfB Stuttgart an diesem Dienstag in der Champions League gegen Juventus Turin antritt, dann trifft er auf einen der traditionsreichsten Clubs Italiens. Wir stellen die Alte Dame des italienischen Fußballs vor.

Wenn der VfB Stuttgart auf Juventus Turin trifft (Dienstag, 21 Uhr/DAZN), dann ist es das erste Aufeinandertreffen der beiden Traditionsclubs überhaupt. Moment mal, werden die Älteren unter uns denken, Stuttgart und Turin, da war doch mal was? Richtig, im Jahr 1979 traf der VfB im Europapokal auf den Torino AC, der heute als FC Turin firmiert und aktuell in der Serie A Italiens nur knapp hinter Juventus steht, dem großen Stadtrivalen. Die Schwaben setzten sich in Hin- und Rückspiel dank eines 1:0-Heimsiegs und einer 1:2-Niederlage nach Verlängerung in Turin durch, das entscheidende Auswärtstor erzielte damals VfB-Legende Hermann Ohlicher, der in wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag feiern wird.

 

Historisch Wissenswertes zu Juventus Turin

Dass „La Vecchia Signora“, die Alte Dame Juventus, heutzutage wieder erstklassig und international spielt, war vor gut 20 Jahren so nicht abzusehen. Damals 2006 gab es „Calciopoli“ – einen Skandal riesigen Ausmaßes. Im Zentrum des Sturms rund um strukturellen Sportbetrug stand „Lucky Luciano“ Moggi, der damalige Juventus-Generaldirektor. Durch Abhörprotokolle flog alles auf. Dass Moggi der Strippenzieher war, war bereits lange Zeit vermutet worden. Sein Spitzname ging nicht zufällig auf Salvatore Charles „Lucky“ Luciano zurück, einen der ersten Mafia-Bosse im New York der 1920er Jahre. Der Betrug mafiösen Ausmaßes kam ans Licht, der manipulative Moggi wurde lebenslang gesperrt, und Juventus wurde – als aktueller Meister wohlgemerkt, die Schwarz-Weißen hatten erst den Scudetto gewonnen – zwangsrelegiert, musste in der Saison darauf in der Serie B und mit 30 Minuspunkten auf dem Konto starten.

Infolge des Zwangsabstiegs verließen einige Leistungsträger wie Fabio Cannavaro, Gianluca Zambrotta, Lilian Thuram, Zlatan Ibrahimovic und Patrick Vieira den Verein. Der neue Trainer Didier Deschamps stellte mit einer Mischung aus erfahrenen Stars und jungen Spielern eine Mannschaft zusammen, die den Aufstieg in die Serie A schaffen sollte. Darunter war auch ein gewisser Mauro Camoranesi, der wenig später ein eher unrühmliches Intermezzo beim VfB Stuttgart haben sollte. Das gelang, doch erst ab 2011 fand Juventus zurück zu alter Stärke.

Region, Stadt und Stadion

Dass dies überhaupt gelingen konnte, hat viel mit der Familie Agnelli zu tun. Die Agnellis waren nicht nur lange Zeit Besitzer des Clubs, sondern auch in Besitz des Automobilkonzerns Fiat, eines der größten Arbeitgeber des Industriestandortes in Norditalien. Agnelli-Spross Andrea übernahm die Juve-Präsidentschaft 2010 und führte den Club bis November 2022. Unter seiner Führung schrumpfte sich der Club gesund und stellte sich damit wirtschaftlich auf ein solides Fundament. Dazu gehört auch der Auszug aus dem ehrwürdigen Stadio Olimpico Grande Torino, das man auch aus Kostengründen verließ, und dass man stattdessen das 2011 eingeweihte, kleinere, aber besser vermarktbare Juventus Stadium bezog, das heute als Allianz Stadium firmiert. In dieser rund 41 000 Plätze fassenden Arena wird das Spiel an diesem Dienstagabend stattfinden. Es folgte eine Phase der Dominanz, in den Saisons 2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19, 2019/20 holte man den italienischen Titel – und gab so seinen Fans und der stolzen Stadt Turin, Hauptstadt der Region Piemont, ihr Selbstwertgefühl zurück.

Die aktuellen Protagonisten

Der Kader von Juventus ist vielleicht – abseits des noch immer wegen Dopings gesperrten Paul Pogba – nicht mehr gespickt mit den ganz großen Namen des Weltfußballs, dafür aber mit jeder Menge Qualität. Teun Koopmeiners, Nicolo Fagioli, Manuel Locatelli, Ex-VfB-Angreifer Nicolas Gonzalez oder Sturmtank Dusan Vlahovic sind Namen, die man kennen sollte oder aber sich unbedingt merken muss. Bekannte Namen sind auch die Söhne berühmter Väter – Kephren Thuram, Timothy Weah und Francisco Conceicao. Aus Deutschland kennen werden manche Weston McKennie (ehemals Schalke 04) und den gebürtigen Regensburger Kenan Yildiz, der einst aus der Jugend des FC Bayern nach Italien wechselte und nun Nationalmannschaftskollege von VfB-Kapitän Atakan Karazor im türkischen Team ist. Trainiert werden die Schwarz-Weißen von Thiago Motta, der zuletzt den FC Bologna zu ungeahnten Höhenflügen anleitete und als eine der heißesten Aktien auf dem Trainermarkt gilt.

Der Spielstil

Der ehemalige Nationalspieler Italiens mit brasilianischen Wurzeln krempelt Juve spielerisch komplett um. Vorbei die Zeiten des bleiernen, defensiv orientierten Catenaccio, der unter Vorgänger Massimo Allegri im klassisch-italienischen Spiel gespielt wurde. Mottas Juve will variablen Offensivfußball zeigen, der die Tradition aber dennoch nicht vernachlässigt. Noch scheint etwas Sand im Getriebe, doch die Bilanz von vier Siegen, vier Unentschieden und 11:1 Toren spricht für sich. Juventus ist bisher noch ungeschlagen in Italiens höchster Spielklasse. Eine schwere Aufgabe für den VfB, ähnlich einzuordnen wie Real Madrid.