Chiara (13) bekommt bei der Testwahl einen Stimmzettel von Wahlhelfer Elvin, Joachim hakt die Teilnahme auf der Namensliste ab. Foto: STZN

In der Albert-Schweitzer-Schule in Fellbach erleben Teenager ihre erste Wahl. Das Schüler-Votum birgt Überraschungspotenzial – auch weil es zeigt, wie Jugendliche politisch ticken.

Es geht um nichts an diesem Freitag – und doch ist im Kunstraum der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) eine gewisse Aufregung spürbar. Gerade eben hat Johanna (14) einen ausgefüllten Stimmzettel in den Schlitz der Wahlurne gesteckt – eine Premiere für die Schülerin aus der 8b. „Ich hatte voll Angst, dass ich einen Fehler mache“, sagt die Teenagerin nach dem erfolgreichen Testlauf und atmet auf.

 

„Juniorwahl“ nennt sich das Format, bei dem tausende Schülerinnen und Schüler im Südwesten im Unterricht fürs Leben lernen. Zwei Tage vor der realen Landtagswahl führen sie in ihrer Schule eine Probeabstimmung durch, um selbst zu erfahren, wie das mit dem Kreuzchen in der Wahlkabine funktioniert.

Die Juniorwahl zeigt Teenagern, wie die Sache mit den Kreuzchen funktioniert

Mehr als 100 Bildungseinrichtungen in Baden-Württemberg sind an dem von der Landeszentrale für politische Bildung organisierten Projekt beteiligt, auch im Rems-Murr-Kreis macht eine ganze Reihe von Schulen bei der Simulation mit. Wochenlang drehte sich im Unterricht alles um das Thema „Demokratie“, jetzt wird das theoretische Wissen in die Praxis umgesetzt – mit Wahlbenachrichtigung, Ausweis und auf hellblaues Papier gedruckten Stimmzetteln.

„Ihr macht kein Herz und malt keine Blume, ich macht einfach nur zwei Kreuze“, hat die 8b von ihrem Lehrer mit auf den Weg bekommen. Paarweise geht es nach der Großen Pause in den Kunstraum, wo die Wahlhelfer Elvin, Eren und Joachim – allesamt Neuntklässler – mit den Stimmzetteln und einer Namensliste warten.

Wahlkabinen im Kunstraum der Albert-Schweitzer-Schule. Foto: STZN

„Es ist gar nicht so einfach, so einen Ablauf einzuführen, wenn jemand gar keine Berührungspunkte mit Wahlen hat“, sagt Nargis Ridinger. Die Geschichtslehrerin ist an der Gemeinschaftsschule im Teilort Schmiden als Ansprechpartnerin mit für die Juniorwahl verantwortlich und berichtet von den Vorbereitungen auf den Testlauf. Eigenständig sollten die Schülerinnen und Schüler der Albert-Schweitzer-Schule die Wahlprogramme der Parteien recherchieren – und sich eine Meinung bilden, welcher Kandidat die eigenen Standpunkte wohl am besten vertritt.

Da hat sich der eine mehr Gedanken gemacht, der andere offenbar weniger. Bei Maja und Chiara, beide 13 Jahre alt, geht die Sache mit dem Kreuzchen in rasantem Tempo, im Handumdrehen ist der Wahlzettel ausgefüllt und in den Schlitz gesteckt. Auch Johanna ist die Nervosität nicht anzumerken, die Stimmabgabe funktioniert reibungslos.

Erfolgreiche Premiere: Johanna hat ihren Stimmzettel schnell ausgefüllt. Foto: STZN

Bei einem ihrer Klassenkameraden hingegen scheint die Meinungsbildung erst in der Wahlkabine einzusetzen. Gut zehn Minuten braucht der mit einem Neymar-Trikot in den brasilianischen Nationalfarben zur Stimmabgabe schreitende Jugendliche, um seinen Stimmzettel auszufüllen – die Entscheidung, wer zu seinen fußballerischen Vorbildern gehört, hätte ihn vermutlich weit weniger rätseln lassen als die Frage nach den politischen Präferenzen.

„Ich musste mich unter drei Parteien entscheiden. Das war ganz schön schwierig“, gibt der Sport-Fan zu Protokoll, als der Stimmzettel endlich in der Wahlurne steckt. Bei anderen Mitschülern hat die Testwahl übrigens schon vor dem Gang ins Wahllokal zu leichten Schweißausbrüchen geführt. Obwohl selbst das Krankenkassen-Kärtchen gelten würde, haben sie am Wahltag kein Ausweis-Dokument parat. „Kann mir meine Mutter schnell noch ein Bild von meinem Pass aufs Handy schicken? Sonst kann ich ja gar nicht mitwählen“, wird im Klassenzimmer gefragt.

Demokratie beginnt mit dem Mitdenken: Maja (13) bekommt ihren Stimmzettel für die Testwahl. Foto: STZN

„Die Juniorwahl zeigt: Demokratie beginnt nicht erst mit 16 oder 18 – sie beginnt mit Interesse, Mitdenken und Mitmachen“, heißt es bei der Landeszentrale für politische Bildung über die Testwahl, die als eines der größten Schulprojekte in Deutschland gilt. Seit der Einführung im Jahr 1999 haben sich mehr als 7,4 Millionen Jugendliche an der Simulation beteiligt – und noch vor dem Erreichen des Wahlalters einen demokratischen Prozess kennengelernt.

„Ich gehe am Sonntag auf jeden Fall wählen“, sagt Wahlhelfer Joachim. Der Blondschopf aus der neunten Klasse ist bereits 16 – und profitiert bei der echten Landtagswahl von der Herabsetzung der Altersgrenze. Johanna hingegen wird bereits erwachsen sein, wenn sie die erste Möglichkeit zur politischen Beteiligung hat.

Da auch in der Schule geheim gewählt wird und es keine pädagogische Einflussnahme aufs Abstimmungsverhalten geben soll, sorgt das Warten aufs Ergebnis aber auch beim Lehrkörper für eine gewisse Nervosität. Veröffentlicht wird das Resultat der Juniorwahl am Sonntag um 18 Uhr – so lange müssen Nargis Ridinger und ihre Kollegen mit der Sorge leben, dass die Kreuzchen im jugendlichen Überschwang bei extremen Parteien gesetzt werden.

Bei der Testwahl landete die Links-Partei 2025 bei 25,3 Prozent

Bei einer Probeabstimmung zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr hatte auch an der Albert-Schweitzer-Schule beispielsweise die Links-Partei die Nase vorn. Mehr als 25 Prozent erhielten die Genossen – ein Ergebnis, dass in den Wohngebieten rund um die Gemeinschaftsschule sicher nicht die Mehrheitsmeinung spiegelt.

Doch vielleicht gehört auch das zum Lernprozess der politischen Willensbildung. „Wenn wir die Juniorwahl jetzt nicht machen, sind viele Jugendliche aus der Schule raus, bevor sie diesen demokratischen Prozess kennenlernen“, sagt Nargis Ridinger.

Bei der Juniorwahl am Freitag geht mit landesweit 20,8 Prozent übrigens die CDU als Wahlsieger hervor, die Grünen landen bei 18,9 Prozent und die AfD bei 16,3 Prozent. 12,4 Prozent erhält bei der Testabstimmung die SPD, nicht weit dahinter folgt die Links-Partei mit 11,7 Prozent. Die FDP hätte den erneuten Einzug in den Landtag mit 6,6 Prozent ebenfalls sicher. Auffallend ist die hohe Zustimmung für die Kleinparteien: Unter die Rubrik „Sonstige“ fallen satte 13,4 Prozent der von den Schülern abgegebenen Stimmen.