Christoph Kern ist der neue württembergische Jungwinzer des Jahres Foto: Gottfried Stoppel

„Turmrössle“ und „Ross Solitude“ heißen zwei der Tropfen aus Stuttgarter Trauben, für die Christoph Kern zum Jungwengerter des Jahres gekürt worden ist.

Kernen - Als er nach der Traube greift/die bereits perfekt gereift/schäumt das Wasser plötzlich auf/das Ungetüm – es steigt herauf.“ Jeder Wein erzähle immer auch eine kleine Geschichte, sagt Christoph Kern zu den Zeilen, die zum Riesling namens Neckarkarpfen im Büchle über seine Weinlinie, die Edition Kesselliebe, stehen. Für sein Bekenntnis zu Stuttgart, dessen Lage im Kessel und die Trauben, die dort teils an ziemlich steilen Hängen wachsen, ist der 30-jährige Nachwuchswengerter aus Kernen jetzt vom Württembergischen Weinbauverband zum Jungwinzer des Jahres 2018 gekürt worden.

Zu jedem Wein eine Anekdote in Reimform

Jene Trauben, die der Fischer sich am Neckarufer gegriffen hat, die seien trotz Attacke des Neckarkarpfens weitgehend unversehrt geblieben, heißt es in der zum Wein gehörenden, paargereimten Anekdote. Die vom feurigen Karpfenatem gedörrten Rieslingtrauben hätten zu einer Entdeckung geführt, die man in schwäbischen Landen unter dem Namen Zibeben kenne.

Ja, die Kesselliebe, die komme im Rommelshausener Weingut Wilhelm Kern, das einst an der Ecke Cotta-/Tübinger Straße mitten in Stuttgart beheimatet war, natürlich von Herzen, sagt Christoph Kern, und damit auch die Überlegung, wie man die mit erheblichem Aufwand an den steilen Lagen im Cannstatter Zuckerle oder hinter dem Max-Eyth-See produzierten Tropfen besser vermarkten kann. Was ihn außerdem so richtig befremdet habe bei seinen diversen Aufenthalten in der Ferne: Stuttgart werde dort quasi wahrgenommen, wie einer der schlimmsten Orte der Welt, geprägt von Feinstaub, Stuttgart 21 und Langeweile. Als quasi kreativer Glücksfall sei zum Wunsch nach Abhilfe die Tatsache gekommen, dass in das alte Kern’sche Stammhaus vor einiger Zeit die Galerie Kernweine eingezogen sei, mit einigen kreativen Bekannten, mit denen er sich im Herbst 2016 zwecks Vermarktung der Kesselweine zusammengesetzt habe. „Wir haben einfach drauflosgesponnen, das Stuttgarter Pferdle auseinandergenommen und immer wieder neu zusammengesetzt.“

Das Einhorn ziert der Fernsehturm

Herausgekommen ist die Edition Kesselliebe, für die drei Stuttgarter Familienweingüter die Trauben liefern, die schon Jahrzehnte zu den Lieferanten der Kernener Kellerei gehören. Der trockene Samtrot heißt „Wasn Hasn“, der kämpferische „Neckarkarpfen“ ist ein feinherber Riesling mit gewissem Säurebiss, den fruchtigen Rosé ziert ein Rössle, das zu einem mit Fernsehturm behornten Einhorn mutiert ist. Das Feuerseepferdle und ein Rosensteingänsle zieren den fruchtig ausgebauten Rivaner und den Trollinger-Lemberger. Und zum im Holzfass gereiften Cabernet Franc vom Cannstatter Berg namens „Ross Solitude“, bei dem das Stuttgarter Rössle ein herzogliches Hirschgeweih trägt, gibt es im zugehörigen Weingeschichtle eine besondere Liebeserklärung: „Fürsten gibt es keine mehr/Hirsche dafür umso mehr/Was ist außerdem geblieben?/Ein edler Tropfen, den wir lieben.“

Beim Vertrieb ihrer Kesselliebe, für die auch in sozialen Medien beim Zielpublikum junge Weinfreunde viel geworben wird, gilt das Hauptaugenmerk dem Kessel. Die Tropfen seien in der Stuttgarter Gastronomie stark vertreten, berichtet der Jungwinzer, der etwa in der Schweiz und in Neuseeland Erfahrung gesammelt, in Geisenheim Weinbau- und Getränketechnologie studiert, einen Master in Unternehmensführung draufgesattelt hat und 2017 voll ins vom Vater und Onkel geführte Unternehmen eingestiegen ist.

Kern habe seine Edition „Kesselliebe“ als Hommage an die Stuttgarter Stadtkessel-Lage hochprofessionell inszeniert und sehr „zeitgemäß skizziert“, hieß es jetzt bei der Verleihung des Jungwinzerpreises des Württembergischen Weinbauverbandes in der Laudatio. Auch unter Nutzung sozialer Medien erzähle die „urbane Weinlinie“ Geschichten mit Lokalbezug und erschließe der Weinkellerei Kern ein zusätzliches Kundensegment für das auch ein etwas höheres Preisniveau gewählt werden könne.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: