Nicht die Welt der Alpen, sondern der Frankfurter Flughafen ist Ausgangspunkt der „Heidi“-Interpretation im Jes. Foto: dpa

Die Geschichte der vor Optimismus strotzenden Heidi begeistert seit jeher Groß und Klein. Mit dem Stück „h.e.i.d.i.“, das an diesem Samstag Premiere feiert, versucht das Junge Ensemble Stuttgart eine Inszenierung mit aktuellen Bezügen.

Stuttgart - Bedrohliche, fast verstörende Musik begleitet das Geschrei eines jungen Mannes, der mit wirren Worten wie „spooky“ und „creepy“ um sich wirft und über die Bühne taumelt. Hinter ihm deuten große neon­farbene Buchstaben den Frankfurter Flughafen als Kulisse an. Plötzlich steigt eine weitere Dame in das Geschrei mit ein und fährt gitarrespielend mit einem Schreibtischstuhl über die Bühne.

Wer diese Szene sieht, kann erahnen, was Regisseur Klaus Hemmerle meint, wenn er im Gespräch nach dem Probenbesuch bei „h.e.i.d.i.“ sagt, seine Inszenierung der „Heidi“-Geschichte sei heutiger und würde deshalb mit den Erwartungen der Zuschauer brechen.

Tatsächlich erwartet der Zuschauer ein kleines, kulleräugiges Wesen inmitten einer landschaftlichen Idylle aus Bergen und Wald auf der Bühne. Denn so kennt man Heidi nicht nur aus der japanischen Anime-Serie aus dem Jahre 1974, sondern auch aus der kürzlich angelaufenen Serie des ZDF, das den Klassiker grafisch überarbeitet, die Niedlichkeit noch gesteigert hat.

Inszenierung bricht mit Erwartungen

Ganz anders die Inszenierung im Jungen Ensemble Stuttgart in der Regie von Klaus Hemmerle, die an diesem Samstag Premiere feiert. Bei dieser „Heidi“-Interpretation wird nicht nur hinsichtlich der Rollenverteilung mit Erwartungen gebrochen, sondern auch die Verortung des Geschehens infrage gestellt.

Ganz nach dem Prinzip der offenen Verwandlung schlüpfen die Schauspieler in immer andere Rolle und sollen laut Hem­merle zeigen, „dass sich der Mensch in alles verwandeln kann, was er in sich hat. In ­jedem von uns steckt eine Heidi.“

Was zunächst schwammig und etwas pathetisch klingt, erweist sich mehr und mehr als treffend. Hemmerle instrumentalisiert bei diesem Ensemble-Projekt die Figur des Waisenmädchens Heidi, das seine Heimat verlassen muss und dadurch eine Art Identitätsverlust erleidet. Er fragt: „Was passiert mit einem Menschen, der seiner ­Wurzeln beraubt wird? Wie kann man eine Heimat in sich selbst finden, wenn eine Rückkehr in die wirkliche Heimat unmöglich scheint?“

Zuwanderung, Identitätsverlust, Sehnsucht

Geleitet durch Fragen dieser Art entstand frei nach dem Roman des ausgehenden 19. Jahrhunderts von Johanna Spyri ein Stück, das sich mit Zuwanderung, Identitätsverlust und Sehnsucht in der Ferne beschäftigt. Den Ausgangspunkt findet das Stück deshalb auch in Frankfurt, das sinnbildlich für Verstädterung und Landflucht stehen soll.

Parallel versuchte Christian Schönfelder, mit der ­Dramaturgie des Stückes betraut, das Bewusstsein für die Kräfteverhältnisse in Spyris Werk zu schärfen. So steht im Zentrum des Geschehens die Kraft der Frauen, die nicht zuletzt durch die Darstellung einer emanzipierteren Heidi, einer reflektierten Tante Dete sowie durch die tiefgründige Klara entstehen soll.

Die Idylle der Berge, in der sich Heidis frühere Kindheitstage abgespielt haben, wird allein in Rückblicken angedeutet, denn Hemmerle versteht „die Idylle als etwas, vom dem man träumt, wenn man sich in der Ferne befindet“.

Kommunikation über Livemusik

Begleitet wird das Stück, dessen Kommunikation auch viel über Musik funktioniert, von Kompositionen von Frank Kuruc. So wird insbesondere das Thema der Sehnsucht viel über live gespielte Musik kommuniziert, denn es ist das Bild des musizierenden Alm-Öhis in den Bergen, an das sich Heidi in der Ferne immer wieder erinnert.

Ob und wie es der zugewanderten Heidi in Frankfurt gelingt, eine Heimat in sich selbst zu finden, zeigt das Stück von diesem Samstag an im Jungen Ensemble Stuttgart. Klaus Hemmerle immerhin sieht den Sinn des Theaters „in der­ ­Materialisierung von Träumen“.

Premiere hat „h.e.i.d.i.“ am 18. April um 18 Uhr im Jes (Stuttgart, Eberhardstraße 61). Kartentelefon: 07 11 / 21 84 80 18.

Hintergrund: Johanna Spyris „Heidi“ – ein Welterfolg im Wandel der Zeiten

Hintergrund: Johanna Spyris „Heidi“ – ein Welterfolg im Wandel der Zeiten

1880 und 1881 erscheinen die beiden Kinderbücher „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ und „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ der Schweizer Autorin Johanna Spyri (1827–1901). Die Bände gehören bis heute zu den bekanntesten Kinderbüchern der Welt.

Erzählt wird, wie das Waisenmädchen Heidi zu seinem einsiedlerischen Großvater auf eine Alm im Kanton Graubünden gebracht wird. Ihre Tante Dete bringt sie zu dem Alpöhi genannten Mann. Drei Jahre später aber soll Heidi in Frankfurt Gesellschafterin eines gelähmten Mädchens werden. Selbst verliert Heidi darüber jedoch ihren Lebensmut.

Die Rückkehr in die Berge verspricht Besserung – tatsächlich erholt sich das ­Mädchen wieder. Doch nicht nur ihr, auch der gelähmten Klara bringen die Berge neues Glück.

In mehr als 50 Sprachen übersetzt

Bis heute wurden die „Heidi“-Bücher in mehr als 50 Sprachen übersetzt und mehrmals verfilmt. Nachdem die Urheberrechte abgelaufen sind, erscheinen immer mehr „Heidi“-Bücher und -Geschichten, die jedoch mit Spyris Heidi teilweise nicht mehr viel gemeinsam haben. Mehr und mehr geht vor allem Spyris gerne unterschätzter selbstbewusster Blick des Mädchens auf die Welt verloren.

Neben einigen Spielfilmen wird vor allem die Zeichentrick-Serie „Heidi“ bekannt, eine japanische Anime-Serie von Zuiyo Enter­prise aus dem Jahr 1974. Sie schafft eine zeitlose Aktualität, entzieht die Figuren damit aber auch komplexeren Zusammenhängen.

Die japanische Serie ist nun Grundlage einer Neufassung als 3-D-Version im Auftrag des ZDF. Das Ergebnis enttäuscht jedoch, die Sequenzen wirken eher lieblos.

Wer sich sein eigenes Bild von Johanna Spyris „Heidi“ ­machen möchte, greift am besten zur „Heidi“-Buchausgabe des Anaconda -Verlages (enthält beide Bände im Originaltext).