Der neue Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD steht. Friedrich Merz ist Bundeskanzler. Wie blicken junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter der Gen Z auf die neue Regierung?
Eine Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland rechnet damit, dass die Vorhaben der neuen schwarz-roten Bundesregierung die jüngere Generation belasten werden. Das zeigt eine kürzlich durchgeführte Befragung des Meinungsforschungsinstitut YouGov. Zwar plant die Koalition unter Friedrich Merz einige Änderungen, die auch jungen Menschen zugute kommen sollen. Laut aktuellem ZDF-Politbarometer zweifeln dennoch rund zwei Drittel der Befragten an dem versprochenen Politikwechsel.
Doch wie sehen junge Menschen selbst ihre Interessen von der neuen Regierung vertreten? Und wie blicken sie in die Zukunft?
„Es kommt ganz darauf an, wie alt die Befragten sind, wie sie leben und welche Ausbildung sie durchlaufen“, sagt Florian Czak, der sich mit dem Stuttgarter Kreativnetzwerk und Verein für demokratische Bildung „Demokratie feiern“ für politische Bildung bei jungen Menschen einsetzt. „In Stuttgart gibt es viele junge Menschen, die extrem privilegiert aufwachsen und es gibt die, die diese Chance nicht haben. Deshalb unterscheiden sich die Perspektiven auf ihre Zukunft oft deutlich.“
Klimawandel, Krieg und Armut als persönliche Ängste
Laut Florian Czak, der Politik-Workshops mit seinem Netzwerk für Jugendliche anbietet, gibt es junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die politische Themen ausblenden und mehr im Hier und Jetzt leben, wohingegen sich andere verstärkt mit Politik auseinandersetzen. „Sorgen machen sich alle von ihnen – sie bekommen die Nachrichten ja mit“, so Czak.
Laut Studien hegten viele Menschen in Deutschland zwar Zukunftsängste was Gesellschaft und Weltpolitik angeht, gleichzeitig glaube die Mehrheit, dass ihr persönliches Leben sich dennoch verbessere. Das sei bei jungen Leuten anders. „Viele junge Menschen haben Angst vor persönlichen Folgen politischer Entwicklungen. „Für sie ist beispielsweise der Klimawandel eine akute Bedrohung, die er ja auch ist.“ Die jungen Menschen fühlten sich aber deutlich persönlicher davon betroffen als ältere Generationen, „denn sie haben ihre gesamte Zukunft noch vor sich“.
So auch der 20-jährige Ruben Schäfauer, ehemaliger Sprecher des Jugendrats in Stuttgart-Vaihingen. „Mit Blick auf den Koalitionsvertrag fehlt mir völlig die Hoffnung und die Perspektive darauf, dass sich etwas zum Guten verändert“, sagt er und spricht damit vielen jungen Stuttgarterinnen und Stuttgartern der „Gen Z“, also der Altersgruppe, die zwischen 1995 und 2010 geboren ist, aus der Seele.
Junge Stuttgarter fühlen sich nicht vertreten
Viele der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sowohl politisch interessiert sind als auch wenige Berührungspunkte mit politischen Themen haben, fühlen sich von der neuen Regierung wenig gesehen, ihre Interessen bislang häufig nicht berücksichtigt. Gleichzeitig schwingt die Hoffnung mit, etwas verändern zu können.
Die 19-jährige Ela Er, die sich bis Februar dieses Jahres im Stuttgarter Jugendrat und dem Jugendgemeinderat in Stuttgart engagiert hat und nun als Beirätin für Gleichstellungsfragen in Stuttgart tätig ist, zeigt sich besorgt. „Ich befürchte, dass die Interessen der jungen Generation nicht wirklich priorisiert werden“, sagt sie. „Das verstehe ich zum Teil auch, denn das Land hat gerade auch andere Probleme. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass unsere Interessen, Wünsche und Anregungen künftig untergehen könnten. Meiner Meinung nach sind die Prioritäten zurzeit falsch gesetzt.“
„Tropfen auf den heißen Stein“
Im Koalitionsvertrag sind konkrete Vorhaben geplant, die die Situation von jungen Menschen in Deutschland verbessern sollen – etwa das Wahlrecht ab 16 Jahren, eine WG-Garantie sowie Investitionen in Kitas und Schulen. Doch diese Vorhaben reichen jungen Stuttgarterinnen und Stuttgartern nicht – und sie lindern nicht deren Zukunftssorgen.
Denn laut einer Umfrage im Rahmen der Shell-Jugendstudie 2024 haben junge Menschen vor allem Angst vor Krieg in Europa, Armut und Umweltverschmutzung. Das zeigt sich auch in den Gesprächen mit den jungen Stuttgarterinnen und Stuttgartern. „So großartig etwas für junge Leute ist im neuen Koalitionsvertrag nicht dabei“, sagt Ruben Schäfauer. „Was sich interessant anhört, ist, dass es eine Garantie auf Studierendenwohnungen und einen Zuschuss zum Führerschein geben soll. Das sind aber eher Tropfen auf den heißen Stein“, so der 20-Jährige. „Es ist nichts dabei, was unsere Zukunftssorgen lindert.“ Grundsätzliche Themen wie der Klimaschutz kämen zu kurz, findet er.
Die neue Koalition zwischen Union und SPD hält laut Koalitionsvertrag zwar am Ziel der Klimaneutralität bis 2045 fest, gleichzeitig will sie die Pendlerpauschale erhöhen und die Luftverkehrssteuer senken. Für viele junge Leute problematisch. Und: Viele dieser Pläne stehen unter Vorbehalt. So wird das Wahlalter etwa noch „geprüft“, das Deutschlandticket könnte in einigen Jahren teurer werden.
Klimapolitik – ein Thema mit viel Gewicht
„Letztendlich geht es auf lange Sicht um unsere Existenzgrundlage. Ich frage mich, ob die Politiker nicht verstehen, dass der Klimaschutz existenziell für dieses Land und seine Wirtschaft ist“, so Ruben Schäfauer. „Der Preis, den wir dafür zahlen, wird künftig so viel höher sein, wenn man sich nicht jetzt damit beschäftigt, sondern es immer weiter vor sich herschiebt.“
Einen verstärkten Fokus auf das Thema Klimaschutz vermisst auch die Stuttgarterin Anna-Lena Sonntag in der Politik. Die 25-jährige Studentin engagiert sich bei dem gemeinnützigen Verein „Team Tomorrow“, der zivilgesellschaftliches Engagement stärken und Brücken zwischen Jugend und Politik bauen will.
Sonntag hat auch beim Studium der Empirischen Politik- und Sozialforschung viele Berührungspunkte mit politischen Themen. „Im Wahlkampf hat man gesehen, dass Klima überhaupt keine Rolle mehr gespielt hat“, findet sie. „Klar, es ist normal, dass in Zeiten weltpolitischer Unruhen manche Dinge relevanter sind, aber letztendlich sollten auch die anderen Probleme wieder mehr in den Fokus rücken.“
Dieser Meinung ist auch Ela Er. „Ich habe das Gefühl, dass das Thema Klimapolitik ab jetzt untergehen wird. Ich verstehe nicht, wie dieses Thema so in den Hintergrund gedrängt wird.“
„Ich habe große Bedenken, dass ich es gar nicht mehr bis zur Rente schaffe“
In den Gesprächen mit Anna-Lena Sonntag, Ela Er und Ruben Schäfauer wird deutlich, welche Rolle der Klimaschutz für sie spielt. Bei der Frage, wie sie auf das Thema Rente blickt, wiegelt Anna-Lena Sonntag ab: „Meine größte Sorge ist es nicht, mal keine Rente zu bekommen, mich besorgen eher weltpolitische Themen, also was unsere Umwelt angeht“, so die 25-Jährige. Bereits in der Legislaturperiode der Ampel-Regierung habe man gemerkt, dass Klima-Themen zunehmend nach hinten gerückt seien, so Anna-Lena. „Wenn es thematisiert wurde, dann nur sehr negativ geframed, Stichwort Heizungsgesetz.“
„Ich habe große Bedenken, dass ich es nicht mal mehr bis zur Rente schaffe, weil das Leben so viel weniger lebenswert wird – weil der Planet immer weiter zerstört wird und sich immer mehr Konflikte zutragen“, sagt sie. Die Sorge um die Klimapolitik und den Klimawandel seien deshalb weit größer als die um ein künftig funktionierendes Rentensystem.
Die Hoffnung, dass die neue schwarz-rote Regierung daran etwas ändern wird, ist bei den jungen Stuttgartern gedämpft.
Um die Rente sorgt sich die Jugend nicht
Auch für Ruben Schäfauer ist die Rente nicht das Hauptthema. „Ich habe das Gefühl, dass man sich auf das Rentensystem in Deutschland, wenn es dann auch bei mir so weit ist, nicht mehr verlassen kann“, sagt er. „Für unsere gesamte Generation sehe ich da aktuell eher schwarz. In Zukunft muss man sich als junger Mensch wahrscheinlich anderweitig absichern.“
Gleichzeitig ist ein Sparplan bis ins hohe Alter für ihn noch nicht in Sicht. „Das Geld, das ich jetzt spare, spare ich dann doch eher noch für kurzfristige Investitionen – beispielsweise fürs Studium“, so Schäfauer.
Viel wichtiger auch für den 20-Jährigen: die Frage, wie die Welt künftig in Sachen Klimaschutz aussieht. „Zumindest seitens der Wissenschaft sagt man ja, dass viele Kipppunkte nicht mehr so weit entfernt sind. Da ist die Frage, wie es in 60 Jahren, auch in Anbetracht globaler Krisen und Kriegen aussehen wird – ob mir die Rente dann überhaupt noch großartig etwas bringt.“
Was die Infrastruktur im Land angeht, zeigt sich Schäfauer jedoch hoffnungsvoll. Die neue Regierung hat angekündigt, das Deutschlandticket für 58 Euro pro Monat erst einmal beizubehalten – auch wenn es ab 2029 dann wieder teurer werden könnte. Zudem setzt die Regierung laut Koalitionsvertrag auf Innovation und den Emissionshandel, will aber auch erneuerbare Energien ausbauen. Darüber hinaus wird die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes – auch als „Heizungsgesetz“ bekannt – neu aufgelegt.
Infrastruktur ausbauen: Schienen oder Autobahnen?
„Da gibt es ja jetzt das Sondervermögen. Seit vielen Jahren ist klar, dass Brücken im Land saniert werden müssen und dass die Infrastruktur der Bahn unheimlich schlecht ist. Das ist ein Problem, das ja auch mit dem Klimaschutz zusammenhängt“, sagt der 20-Jährige. „Da habe ich einerseits das Gefühl, dass da mittlerweile auch die CDU aufgewacht ist und sieht, dass man so etwas mit Schulden finanzieren kann, weil es eine langfristige Investition ist. Im gleichen Atemzug habe ich aber auch die Sorge, dass wieder viel in Straßen investiert wird anstatt in andere Infrastruktur.“
Neben Klimapolitik und Infrastruktur stehen auch sozialpolitische Themen für junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter ganz oben auf der Agenda. Auch hier sehen sie Nachholbedarf seitens der Politik.
Soziale Themen wieder in den Fokus rücken
„Insgesamt finde ich es schwierig, dass die neue Regierung und der Koalitionsvertrag unter dem Aspekt von Krieg, Waffenlieferungen und Migration entstanden ist“, sagt Anna-Lena Sonntag. Es sei wichtig, über die Konflikte in der Welt zu diskutieren – in welchem Ausmaß beispielsweise Waffen geliefert werden – aber letztendlich sollten auch die alltäglichen, gesellschaftlichen Probleme wieder mehr in den Fokus rücken, so die 25-Jährige.
„Es gibt genug Menschen, die sich ihre Miete nicht leisten können, genug Eltern, denen die Unterstützung fehlt. Als Studentin merke auch ich selbst, wie wenig Geld man zur Verfügung hat und dass alles teurer wird. Viele Leute sind frustriert, weil sie das Gefühl haben, dass nichts mehr für sie getan wird.“
Einer von ihnen ist der 19-jährige Andrej, der sich über das Angebot der Mobilen Jugendarbeit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva) zum Thema geäußert hat. „Ich wünsche mir mehr bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen, die nicht so viel verdienen“, erklärt er. „Überall wird gebaut, aber wir bekommen die Wohnungen trotzdem nicht.“
Der 19-Jährige beklagt zudem zu geringe Ausbildungsgehälter und zu wenige Stellen für Schulabgänger, die zwar keinen guten Abschluss haben, aber motiviert sind und gerne eine Ausbildung beginnen würden. „Ich möchte mal ein Auto haben, eine Familie gründen und auch in den Urlaub gehen können. Dafür verdiene ich aber zu wenig. Und mit meinem Abschluss bekomme ich keinen besseren Job.“
„Ich wünsche mir mehr Parks zum Sport machen“
Eine befragte Gruppe von Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren fordert einen Mindestlohn in Höhe von mindestens 21 Euro sowie Steuersenkungen. Auch niederschwellige Angebote für junge Menschen in der Stadt sind Dinge, die jungen Stuttgarterinnen und Stuttgartern, die befragt wurden, fehlen. „Ich wünsche mir mehr Parks zum Sport machen und vergünstigte Kulturangebote“, sagt ein 16-Jähriger, der lieber anonym bleiben möchte. Eine Gruppe von 15- bis 17-Jährigen wünscht sich ebenfalls mehr Anlaufstellen für Jugendliche zum Freunde treffen und Sport treiben.
Auch Ela Er und Ruben Schäfauer sehen Defizite bei sozialen Fragen. Gerade die Studienfinanzierung sei ein Thema, das im Koalitionsvertrag zu wenig Platz finde, so Ruben Schäfauer. Ela Er sorgt sich darüber hinaus um fehlende Unterstützung was das Wohnen und die Armut im Alter angeht. „Ich kenne Alleinerziehende, die davon betroffen sind oder sein könnten. Und man kann nichts tun.“ Sie zieht Parallelen zur Migrationspolitik. „Wenn man alle Menschen rausschickt, die ins Rentensystem einzahlen, ist es nur logisch, dass wir alle am Ende mit weniger dastehen.“
Zwar strebt die neue Regierung einen Mindestlohn in Höhe von 15 Euro an. Ob die Erhöhung tatsächlich in Kraft tritt, muss allerdings erst von der Mindestlohnkommission entschieden werden. Auch in „Junges Wohnen“ will die schwarz-rote Regierung investieren, etwa mit einer „WG-Garantie“ für Auszubildende und Studierende. Wann das passieren soll, ist allerdings noch unklar. Zudem will die Regierung den Führerschein vergünstigen, Familien sollen mit mehr Elterngeld unterstützt werden.
„Als Frau mit Migrationshintergrund bin ich nicht sehr optimistisch“
„Ich bin wirklich gespannt, wie glaubwürdig das alles ist und inwiefern die Versprechungen umgesetzt werden“, so Ela Er. Das Vertrauen in die Regierung sei bei vielen jungen Menschen nicht vorhanden. „Ich bin jung, ich bin eine Frau und habe zudem einen Migrationshintergrund – mit Blick auf die Union und Friedrich Merz in der neuen Regierung, bin ich da nicht sehr optimistisch.“
In ihrem Umfeld in Stuttgart spüre sie von vielen Seiten Ablehnung aufgrund ihres Migrationshintergrunds. Es beruhige sie zwar, dass die AfD jetzt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde. Dennoch hofft Ela, dass damit weitere Schritte einhergehen. „Es ist nicht nur meine Sorge, wie es Frauen in unserem Land geht, sondern auch Menschen mit Migrationshintergrund, die Hilfe brauchen.“
Junge Generation zunehmend politisch aktiv – aber auch radikal
Anna-Lena Sonntag blickt diesbezüglich ebenso mit Sorge in die Zukunft – auch, was die eigene Generation angeht. „Ich kann nicht verstehen, wie man als junger Mensch rechts wählen kann, weil ich immer dachte, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben“, sagt sie.
Die „Spaltung der Jugend in verschiedene Extreme“, wie Ela Er selbst es nennt, besorgt sie ebenfalls. „Das macht mir Angst, denn es ist auch ein Resultat der Politik“, so Ela. Gerade rechter Populismus auf sozialen Medien wie Instagram oder Tiktok müsse bekämpft werden. Sie selbst habe den Jugendrat-Instagram-Kanal betreut und rechte Anfeindungen hautnah erlebt. „Durch die sozialen Medien radikalisieren sich zum Teil sehr junge Menschen von 13 bis 14 Jahren. Da würde ich mir wünschen, dass die Politik sich besser darum kümmert.“ Es müsse mehr Angebote zu politischer Bildung geben. „Was bislang - auch in Stuttgart - getan wird, ist zwar gut, in der aktuellen Zeit reicht das aber nicht aus.“
Der 16-jährige Justus, der sich über die Mobile Jugendarbeit Stuttgart äußert, wünscht sich passend dazu: „Mehr Akzeptanz für andere Meinungen“.
„Uns fehlt die Empathie-Bereitschaft“
Auch das Problem des Generationenkonflikts zwischen Jungen und Alten schwinge dabei mit, sagt Florian Czak. „Dadurch findet eine Blasenbildung statt. Oft fühlen sich jüngere Menschen von älteren nicht ernstgenommen.“
Was eng mit diesem Generationenkonflikt heute zusammenhänge, sei das Thema Digitalisierung, so Czak. Junge Menschen bewegten sich natürlicherweise in einer viel digitaleren Welt als ältere. „Auf der einen Seite sind die Jüngeren so immer am Zahn der Zeit, gleichzeitig verliert die Gesellschaft durch die Digitalisierung viele Menschen, die sich damit nicht mehr auseinandersetzten wollen oder können“, erklärt er.
„Das führt dazu, dass es noch weniger Gesprächsgrundlagen zwischen den Generationen gibt.“ Er wüsste beispielsweise nicht, wie er seinen Eltern erklären könne, was ein Meme ist. „Für junge Menschen ist ein Meme aber häufig eine Kommunikationsgrundlage.“
Zudem fehle häufig die Empathie-Bereitschaft, also der Versuch, sich in die Situation des Gegenübers hineinzuversetzen. So entstünden Missverständnisse zwischen den Generationen, so Czak. Er wirft den Politikern vor, sich mit den Themen der Jugendlichen nicht wirklich auseinandergesetzt zu haben.
Das sei nicht das Signal, das die jungen Menschen jetzt gebrauchen könnten. „Für viele junge Menschen fühlt es sich nicht so an, als ginge es der Regierung aktuell um die Menschen in Deutschland, sondern darum an der Macht zu sein.“
Doch von Resignation kann keine Rede sein. Anna-Lena Sonntag und Ela Er beobachten ein zunehmendes politisches Interesse bei jungen Stuttgarterinnen und Stuttgartern. „Ich habe das Gefühl, dass meine Generation wieder politischer wird – für ein Bewusstsein, was es eigentlich bedeutet, in einer Demokratie zu leben und für seine Rechte einzustehen“, sagt Anna-Lena Sonntag. „Ich sehe sehr viel Engagement von jungen Stuttgarterinnen und Stuttgartern – das gibt schon Hoffnung“, so Ela Er.
Auch Ruben Schäfauer zeigt sich optimistisch. „Grundsätzlich bin ich Optimist. Ich denke, dass wir in Deutschland einen starken Staat und eine gut funktionierende und wehrhafte Demokratie haben“, sagt er. „Trotzdem macht man sich natürlich Gedanken, wenn man sieht, dass die AfD laut Umfragen die stärkste Kraft ist. Das ist schon beängstigend.“
Sichtweise auf Migration ändern
Mit Blick auf das Thema Migrationspolitik fordern junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter einen Perspektivwechsel. „Ich wünsche mir von der Politik, dass sie mit dem Thema Migration anders umgeht“, so Anna-Lena Sonntag. „Es wird viel über kriminelle Migranten gesprochen und dabei geht verloren, dass das nicht für alle gilt und es hier auch um Menschen geht“, findet sie. Es brauche Debatten über Migrationspolitik – „ gerade mit dem Erstarken von rechts. Es sollte wieder einen menschlicheren Blick auf das Thema geben.“
Dieser Meinung ist auch Ruben Schäfauer. „Die Migrationsdebatte ist meiner Meinung nach ein künstlich aufgeblasenes Thema“, sagt er. „Man muss Menschen, die aus anderen Ländern flüchten, Schutz bieten.“
Florian Czak pflichtet dem bei. „In der Wahlperiode wurde die ganze Zeit nur über Migration gesprochen. Ich glaube nicht, dass das das wichtigste Thema ist.“ Er verweist auf bürokratische Prozesse im Land, die durch Optimierung und Entbürokratisierung auch das Thema Migrationspolitik einfacher gestalten könnten.
Von der Migrationspolitik kommen viele der befragten Jugendlichen auf das Thema Krieg zu sprechen. „Wir haben Angst vor einem dritten Weltkrieg“ sagt etwa eine Gruppe von 15- bis 17-Jährigen. Fragen und Aussagen wie „Fliegt auch auf uns bald eine Bombe?“, „Ich hoffe, es gibt keinen Krieg“, „Ich habe Angst vor den Großmächten“, „Man sollte das Militär stärken“, „Ich wünsche mir ein sicheres Deutschland“ häufen sich.
Politik ist jetzt am Zug
In den Gesprächen mit den Jugendlichen und jungen Leuten aus Stuttgart wird deutlich: Ein grundlegendes Vertrauen in die neue Regierung sowie Optimismus für die Zukunft fehlen.
Gerade junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die sich mit Politik beschäftigen, sehen die Klimapolitik vernachlässigt. Bei ihnen, aber auch bei Jugendlichen, die nicht unbedingt in einem politisch interessierten Umfeld unterwegs sind, zeigt sich die soziale Unzufriedenheit. Angst vor dem Klimawandel, Armut und Krieg sind omnipräsent. Damit das nicht so bleibt, ist nun die neue Regierung am Zug, ihre Versprechen jungen Menschen gegenüber einzulösen.