Laut einer Umfrage würden gerne mehr Menschen in Teilzeit arbeiten. Aber was bedeutet das ganz praktisch und finanziell? Eine Stuttgarter Physiotherapeutin gibt Einblick.
Weniger arbeiten, mehr leben: Die Stuttgarter Physiotherapeutin Vanessa (Name von der Redaktion geändert) hat sich für bewusst für einen Teilzeit-Job entschieden. Sie arbeitet 30 Stunden pro Woche und hat sich bewusst gegen die Vollzeitstelle entschieden. Und das nicht, weil sie Kinder versorgen muss oder Angehörige pflegt, die 31-Jährige will schlicht mehr Zeit für sich haben und auch ihre eigene Gesundheit nicht vernachlässigen.
„Einfach mehr Energie“
Seit fünf Jahren arbeitet sie als Physiotherapeutin. „Jeden Tag habe ich viele verschiedene Menschen unter meinen Händen, im Minutentakt kommen neue Patienten – das ist unheimlich intensiv“, beschreibt sie ihren Alltag. Mit der Vollzeitstelle sei sie abends oft völlig erschöpft gewesen, ohne Energie für Sport oder Freunde. Eine Fortbildung brachte sie schließlich dazu, ihre Stunden zu reduzieren – und sie blieb dabei. „Es hat finanziell funktioniert, und ich habe so einfach mehr Energie.“ Gerade in einem körperlich fordernden Beruf sei es wichtig, die eigenen Kräfte einzuteilen. „Es geht ja auch darum, bis ins Alter durchzuhalten.“
Für Vanessa bedeutet Teilzeit nicht Verzicht, sondern Lebensqualität: „Ich will mein Leben genießen und auf mich achten, auch wenn ich mich etwas einschränken muss – ein Buch lesen am Abend, Sport machen, etwas Kreatives tun.“ Teilzeit verschafft ihr mehr Flexibilität: Mal kommt sie schon um 14 oder 15 Uhr nach Hause, hat noch Energie für Sport, Freunde oder eigene Projekte. „So kann ich das Leben genießen“, sagt sie.
Wie viel verdient Vanessa?
Ob das auch finanziell funktioniert – gerade in einer teuren Stadt wie Stuttgart? „Ich verdiene rund 2.100 Euro netto“, erzählt sie. Vanessa teilt sich mit ihrem Freund eine kleine Zweizimmerwohnung, gemeinsam zahlen sie 650 Euro Miete. Bei einer höheren Miete, sagt sie, wäre es wohl deutlich schwieriger, sich das Leben in Teilzeit zu leisten. Weitere Ausgaben hält sie bewusst niedrig: „Ich gehe selten essen, koche selbst, mache mir Vesperbrote, gehe joggen statt ins Fitnessstudio – so kann man viel sparen.“ Ein Minijob bringt zusätzlich 200 Euro netto, die Arbeitszeit könne sie sich gut einteilen. So bleibt genug übrig, um sich kleine Wünsche zu erfüllen, etwa für einen Urlaub.
Dass sie mit ihrer Entscheidung, die Stundenwochen zu reduzieren, nicht alleine dasteht, zeigen aktuelle Zahlen: Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) meldete kürzlich, dass die Teilzeitquote im zweiten Quartal auf 40,1 Prozent gestiegen ist – ein neuer Rekordwert. Auch eine repräsentative Befragung des Online-Karrierenetzwerks Xing unter 2.000 Beschäftigten zeigt: 67 Prozent würden ihre Arbeitszeit gerne weniger arbeiten.
Während aus der Politik zunehmend Forderungen nach längeren Arbeitszeiten laut werden, sehen das viele Arbeitnehmer anders: 64 Prozent halten zusätzliche Arbeitsstunden für wirtschaftlich nicht nötig – im Vorjahr waren es noch 58 Prozent. Unterschiede gibt es zwischen Geschlechtern und Generationen: 68 Prozent der Frauen lehnen längere Arbeitszeiten ab, bei den Männern sind es 60 Prozent.
Aber wie steht es um die Altersvorsorge? Eine Frage, die viele junge Menschen gerne von sich wegschieben. Vanessa hingegen denkt durchaus darüber nach, was sie später finanziell erwarten wird: „In Hinblick auf das Thema Rente mache ich mir sehr viele Sorgen, denn ich bin ein sehr sicherheitsliebender Mensch.“ Ihr Eindruck: Junge Menschen müssten ihre Absicherung fürs Alter ohnehin selbst in die Hand nehmen, da sie sich auf die gesetzliche Rente nicht verlassen könnten.
Die Entscheidung für Teilzeit stößt in ihrem Umfeld auf gemischte Reaktionen. Freunde und Familie zeigten Verständnis, bei Patientinnen und Patienten hingegen stoße sie manchmal auf Skepsis. „Es wird unterschwellig das Gefühl vermittelt, man tue nicht genug. ‚Schaffa, schaffe, Häusle baua‘ – das steckt einfach in vielen Leuten drin.“, sagt sie. Aber selbst wenn sie mehr arbeiten würde, wäre es quasi unmöglich, sich Eigentum zu leisten, schätzt sie die Lage ein.
Die finanziellen Anreize fehlten schlicht: „Ich habe einfach keine Lust mehr auf Vollzeit, nur um netto 500 Euro mehr zu verdienen. Für mich ist das nicht reizvoll.“ Gleichzeitig warnt sie aber auch und riet einer Kollegin kürzlich: „Fang lieber nicht mit Teilzeit an, sonst kommst du nicht mehr raus.“ Es sei eben auch eine Frage der Gewohnheit.
Über Geld sprechen gilt als Tabu. Wir wollen das ändern und regelmäßig mit jungen Menschen über ihre Finanzen und ihren Beruf sprechen. Ihr wollt uns eure Geschichte (gerne auch anonym) erzählen? Dann schreibt uns: stadtkind-stuttgart@mhs.zgs.de