Im Verhörraum: Der Schriftsteller Katurian ist verhaftet worden, ihm droht die Exekution. Foto: Eibner-Pressefoto/Stefan Rosenfeld

Wie fühlen sich Willkür und fehlende Meinungsfreiheit an? Die Junge Bühne spürt diesen Fragen in ihrem neuen Stück nach. „Der Kissenmann“ hat am 5. September Premiere.

Ein Verhörzimmer in einem Land, von dem nur bekannt ist, dass es totalitär regiert wird: Der Schriftsteller Katurian (Bennet Weber) ist verhaftet worden und sitzt mit einem schwarzen Sack über dem Kopf auf einem Hocker in einer Menge Malerfolie auf der dunklen Bühne. Ihm droht die Exekution.

 

Polizeiinspektor Tupolski (Moritz Keller) und sein Kollege Ariel (Noah Schreiner) verhören, verhöhnen und foltern ihn. Ähnlich wie Josef K. in Kafkas „Prozess“ weiß Katurian nicht recht, was er verbrochen hat. Er hat aber die Ahnung, dass es mit seinem Werk zu tun haben könnte, weil etliche seiner Geschichten auf einem Stapel auf dem Tisch des Inspektors liegen.

Es geht um Mord und ein vermisstes Mädchen

Mit feinen und groben und vor allem vollkommen unberechenbaren Methoden versuchen Tupolski und Ariel, Katurian zum Reden zu bringen, der nervös seine Hände knetet, aber auch wutentbrannt rebelliert. Die Polizisten spielen guter Cop (Tupolski: scheinbar zivilisiert, aber tatsächlich äußerst perfide), böser Cop (Ariel: brutal und mit kurzer Zündschnur). Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es um den Mord an zwei Mädchen und ein weiteres vermisstes Mädchen geht.

Die Mordumstände folgen den Plots von Katurians sehr düsteren und teils szenisch dargestellten Geschichten mit jungen, weiblichen Opfern. Auch ein kleines Mädchen (Anisa Huwwa/Lea Fiedler) geistert scheinbar ungerührt mit Spielsachen über die Bühne.

Die Lichtstimmungen, die unter anderem von acht kreisförmig angeordneten Scheinwerferkegeln an der Rückwand der Bühne hervorgerufen werden, verstärken die unheilvolle Atmosphäre. Vor allem aber setzt Tobias Ruschers und Lea Fiedlers düstere Inszenierung auf das starke Spiel der Akteure.

Noah Schreiner ist neu dabei, die anderen haben bereits schon ein oder mehrere Male bei der Jungen Bühne mitgewirkt, und Bennet Weber ist ein Urgestein der Gruppe. Das Ensemble, das mit Profis Stücke auf die Bühne bringt, bildete sich nach 2013 im Zusammenhang mit der Gründung der Sindelfinger Biennale.

Wie fiel Tobias Ruschers Wahl auf das Stück? Ein Kollege hat ihn darauf aufmerksam gemacht, und angesichts der heiklen Weltlage sah er nun den Zeitpunkt gekommen, mit Martin McDonaghs „Kissenmann“ ein Stück gegen den Faschismus inszenieren.

Ein kleines Mädchen geistert scheinbar ungerührt mit Spielsachen über die Bühne. Foto: Eibner-Pressefoto/Stefan Rosenfeld

Ruscher möchte den Zuschauer in seinem Stück spüren lassen, wie sich Willkür und fehlende Meinungsfreiheit anfühlen. „Ich möchte aber keinen Gassenhauer wie ‚Die Welle‘ oder ‚Die Blechtrommel‘ zeigen“, sagt Ruscher. Das 2003 im Londoner National Theatre uraufgeführte Stück – teils Politdrama, teils Thriller, teils schwarze Komödie – war McDonaghs Durchbruch, er erhielt für den Dramentext mehrere Auszeichnungen, etwa den Laurence Olivier Award. Heute kennt man den irischen Regisseur auch als Filmautor und Regisseur („Brügge sehen und sterben“ 2008, „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ 2017).

Sind die blutigen Beweisstücke echt?

„Der Kissenmann“ passt auch in anderer Hinsicht in die Gegenwart, nämlich in Bezug auf Fake News und Vorspiegelungen falscher Tatsachen, denn nach und nach stellen sich drängende Fragen: In welcher Beziehung steht Katurian zu einem weiteren Gefangenen (Patrick Wehrbach)? Sind die blutigen Beweisstücke, mit dem die Polizisten die Folter des Nebenmanns bezeugen, echt? Und die Mädchen? Woher rührt Katurians Faible für grausige Geschichten, was sind die Vorgeschichten der Figuren?

„Es ist ein repressives System und ein Kreislauf der Gewalt, aus dem es keinen Ausweg gibt“, beschreibt Tobias Ruscher das Szenario, in das die Figuren verstrickt sind. Groteske Plot-Twists sind garantiert.

Spieltermine und Warnung

Termine
Premiere ist an diesem Freitag, 5. September, im Theaterkeller Sindelfingen, Vaihinger Straße 14. Weitere Spieltermine folgen am 6., 9., 11., 12., 16., 18. und 19. und 20. September jeweils um 20 Uhr, die Vorstellung am 7. September beginnt um 18 Uhr.

Warnung
Die Regisseure empfehlen für die Zuschauer ein Mindestalter von 16 Jahren. Für Epileptiker ist wegen des Stroboskop-Lichts Vorsicht geboten. Warnung
Tickets ab 15 Euro gibt es im Vorverkauf online über reservix.de