Teilnehmer einer Nazi-Demonstration am Berliner Ostkreuz im März 2025. Foto: IMAGO/Eventpress

Junge, rechtsextreme Netzwerke erhalten in den letzten Jahren Zulauf. Der Sozialpädagoge Frank Greuel erklärt, warum diese Szene für junge Männer attraktiv ist.

Junge rechtsextreme Netzwerke erhalten in den letzten Jahren viel Zulauf. Vor zwei Wochen wurde eine Gruppe von fünf jungen Menschen zwischen 14 und 21 Jahren vorläufig festgenommen. Sie steht unter Verdacht, eine mutmaßliche Terrorgruppe gegründet zu haben und gezielt Sprengstoffanschläge gegen Asylbewerberheime sowie politisch Andersdenkende geplant zu haben. Das Team Recherche der ARD hat zum Beispiel seit dem vergangenen Jahr rund 100 aktive rechtsradikale Gruppen auf sozialen Netzwerken ausgemacht. Der Pädagoge Frank Greuel vom Deutschen Jugendinstitut beschäftigt sich mit Extremismus bei Jugendlichen. Im Interview erklärt er, warum diese Gruppen in den letzten Jahren wieder mehr Zulauf bekommen haben.

 

Herr Greuel, in einem jüngsten Fall rund um ein rechtsextremes Netzwerk waren auch Jugendliche unter den Beschuldigten – teils erst 14 oder 15 Jahre alt. Nicht das erste Netzwerk. Warum nehmen diese Fälle zu?

Es ist teilweise kein ganz neues Phänomen, dass so junge Menschen sich politisch nicht nur artikulieren, sondern auch kriminell, teils sogar terroristisch agieren. Man kennt das bereits auch aus den 90er Jahren, damals war Rechtsextremismus bereits eine Art Jugendkultur, vor allem in Ostdeutschland. So eine rechtsextreme Jugendkultur haben wir in Deutschland nun lange nicht mehr gehäuft gesehen. Und jetzt sieht man sie wieder, zum Teil auch mit diesen 90er-Jahren-Bezügen – mit Springerstiefeln und abrasierten Haaren.

Was ist aus Ihrer Sicht heute anders als damals?

Neu ist meiner Ansicht nach die Art des Auftretens, früher waren diese Gruppen lokal und autonom organisiert, heute sind sie stark über soziale Netzwerke vernetzt. Neu ist auch das Auftreten bei Demonstrationen sowie die Zurschaustellung des Ablehnens jeglicher Formen von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt.

Hat das besonders unter Jugendlichen wieder zugenommen?

Wenn man sich Einstellungsuntersuchungen anschaut, dann sieht man, dass rassistische und menschenfeindliche Haltungen in etwa gleich stark verbreitet waren. Da sieht man jetzt keine besondere Spitze, auch bei Jugendlichen nicht. Aber diejenigen, die entsprechende Haltung haben, scheuen sich offenbar immer weniger, die nach außen zu geben. So wird selbstverständlich der Begriff ‚Remigration’ verwendet, der ja nichts anderes bedeutet, als Menschen zu deportieren in die Länder, wo sie vermeintlich hingehören.

Frank Greuel forscht zu Extremismus unter jungen Menschen am Deutschen Jugendinstitut. Foto: Privat

Was was macht diese Bewegungen für Jugendliche wieder attraktiv?

Je mehr diese Dinge öffentlich artikuliert werden, umso mehr werden sie von Jugendlichen rezipiert. Jugendliche sind ein Stück weit Spiegel der Gesellschaft. Wenn eine Gesellschaft sich zunehmend offener rassistisch artikuliert, dann tun das Jugendliche auch. Jugendliche zeigen aber nun häufig ein anderes Verhalten: eine höhere Risikobereitschaft, auch bei Gewalttaten. Und wenn Jugendliche ein entsprechendes Denken verinnerlicht haben, dann tragen die das mehr auf die Straße, dann werden sie gewalttätiger, dann wird es – und das sieht man jetzt eben – auch terroristischer.

Die Szene wirkt sehr männlich dominiert.

Rechtsextremismus ist seit jeher ein männlich geprägtes Phänomen. Wenn man sich die Demonstrationen anschaut, dann sieht man, wenn überhaupt, ist vielleicht ein Drittel der Teilnehmenden weiblich – oft sogar nur ein Zehntel. Das ist so, weil Rechtsextremismus ein Phänomen ist, das stark vom Männlichkeitsdenken geprägt ist. Und das eine Überlegenheit des männlichen Geschlechts behauptet.

Das erklärt auch die besondere Aggression gegenüber queeren Menschen.

Da fühlen sie sich besonders angegriffen, weil queere Menschen diese traditionelle Männlichkeitsbilder grundsätzlich hinterfragen. Ein Mann, der sich in Frauenkleidern wohlfühlt, ist in deren Augen eine absolute Provokation. Für junge Männer ist Rechtsextremismus attraktiv, weil er in diesen Fragen Eindeutigkeit bietet. Diese Unsicherheit, die junge Männer verspüren, wenn sie zu Männern werden: Wer bin ich als Mann? Was hat man eigentlich für Eigenschaften? Da muss ich mich nicht auf die Suche begeben, sondern weiß sofort: Ich bin ein harter Mann, ein tougher Mann, ein überlegener Mann – mir macht Schmerz und Kälte nichts aus. Aber das darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sehr wohl Mädchen und Frauen gibt, die für diese Ideologie empfänglich sind.

Weil sie von der Rollenfixierung profitieren – im Sinne von: klare Aufgaben, sichere Partnerwahl.

Genau. Und die verschiedenen Zumutungen für eine moderne Frau, die werden erst mal minimiert. Man muss sich nicht darum kümmern: Wie vereinbare ich Karriere, Kinder und Familie? Sondern: ‚Familie und Kinder – das ist deine Bestimmung. Mehr brauchst du nicht’.

Viele sahen Jugendliche lange als eher links – vor allem durch die Bilder von „Fridays for Future“. Haben wir jetzt eine Gegenbewegung?

Ich glaube, was wirklich lange Zeit übersehen wurde, ist: Die Fridays-for-Future-Jugend ist sehr präsent und sichtbar – aber sie ist nur ein Teil der Jugendlichen. Das ist ein sehr spezifisches Milieu, mehr Mädchen und junge Frauen, viele sind Abiturientinnen. Und die haben Sichtweisen vertreten, die nicht gut ankommen in Milieus, die sich über Konsum definieren. Jetzt mal ganz platt gesprochen: Der junge Auszubildende, der gerade seine Mechaniker-Lehre macht, sein erstes Geld verdient…

Ist die Zugehörigkeit zur Szene eher temporär, also Teil einer Phase?

Für manche Jugendliche hat das einen Wert, sie probieren das vielleicht mal aus. In der Mehrzahl der Fälle wird man feststellen, dass rechtsextreme Gruppen als Jugendgruppen nicht zwingend eine Aussage über eine feste ideologische Gesinnung sind. Es gibt viele Attraktivitätsmomente von rechtsextremer Jugendkultur, die sind allgemeiner Natur: Es geht um Gruppen, um Gemeinschaft, um Erlebnisse. Und rechtsextreme Jugendkultur bietet jede Menge Erlebnisse. Es geht um Zusammengehörigkeit – das sind allgemeine Faktoren. Natürlich kommt da häufig eine gewisse Nähe zu rassistischen Haltungen dazu. Aber man sollte nicht davon ausgehen, dass jeder Jugendliche in dieser Szene ein überzeugter Nationalsozialist ist.

Gruppendynamik spielt eine größere Rolle als Überzeugung?

Konkurrierende Jugendgruppen – das ist ein ganz altes Thema. Das kennt man von früher, wenn auf den Dörfern zur Kirmes wechselseitig die Dörfer besucht und dort Krawall gemacht wurde. Das wissen wir aus der Forschung zum Rechtsextremismus. Die Auseinandersetzung mit anderen Jugendgruppen funktioniert oft als Raumaneignungskonflikt – wem gehört der Platz, die Tanke, das Viertel. Und wer hat die Mädchen für sich.

Zur Person

Leben
Der Pädagoge Frank Greuel hat an der Universität Erfurt Erziehungswissenschaften studiert. Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut (DJI). Im Jahr 2009 wurde er zudem über die „Ethnozentrische Einstellungen bei Aussiedlerjugendlichen in Thüringen“ an der Universität Erfurt promoviert.

Forschung
Seine Arbeitsgebiete sind die politische Sozialisation, Radikalisierung im Jugendalter und die Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung und Extremismusprävention. (nay)