Julianna Herzberg und das Stuttgarter Theater La Lune Frieden geht durch den Magen

Von Petra Mostbacher-Dix 

Julianna Herzberg im „La Lune“ Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Julianna Herzberg im „La Lune“ Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Immer die passende Suppe: Das Theater La Lune von Julianna Herzberg ist Bühne, Kulturcafé, interkulturelle Plattform und Suppenbar in einem.

Stuttgart - Libyen, Stuttgart - Senegal, Mali, Eritrea: Ländernamen prangen an der Wand, Kreise breiten sich auf dem Boden aus. Drei Kerzen leuchten in den Farben der französischen Flagge. „Die Installation ist von Markus Ege, sie gedenkt der Anschläge gegen Flüchtlinge und all derer, die im Mittelmeer ihr Leben ließen. Das hier ist unser Kunstraum“, erklärt die Schauspielerin Julianna Herzberg.

Sie schiebt den Vorhang am Ende des niedrigen Dachkämmerchens zur Seite. Geräte für Licht- und Tontechnik kommen zum Vorschein, und man sieht ein Fensterchen zum Zuschauersaal des Theaters La Lune. Oder besser zum Gastraum? Das kleine Theater, das Julianna Herzberg im Dezember 2013 beim Stuttgarter Ostendplatz eröffnete, bietet nicht nur abends für fast fünfzig Zuschauer Stücke, Konzerte, Lesungen.

Tagsüber verwandelt sich das hohe Eingangsfoyer des Jugendstilbaus in ein Kulturcafé mit Suppenbar. Dann kommt ein buntes Völkchen zum Mittagstisch: Nachbarn, Freunde, Fremde, Banker, Handwerker, Schauspieler, Künstler, Geflüchtete, Betuchte und weniger Betuchte löffeln täglich wechselnde Suppen, frisch zubereitet aus regionalem Bio-Gemüse. „Suppe wärmt Leib und Seele, erinnert an Familie.“ Herzberg lächelt. „So etwas hatte in Stuttgart gefehlt.“

Herzberg arbeitet auch mit Kindern aus Flüchtlingsheimen

Nicht nur Liebe, auch Frieden scheint durch den Magen zu gehen. Und es ist ein Ort des Friedens, den Herzberg schaffen will. „Eine Insel, offen für jeden, wo alle gleich sind, wo Vorurteile und Angst schwinden, ein Ort, wo Religion keine Rolle spielt.“ Daher hat sie auch das Format „Theater La Lune Interkultur“ geschaffen, eine „Open Stage“ für Geflüchtete und alle, die etwas zu sagen haben. Jeden zweiten Mittwoch im Monat können sich Künstler „in ihrer Sprache und Kunst ausdrücken, es ist eine Plattform der Kulturen“.

Nachdruck schwingt mit in der Stimme der zierlichen Frau. Ihre Locken wippen, als wollten sie das bestätigen. Utopie? „Menschen müssen sich begegnen können, dann baut sich Angst ab.“ Herzberg ist keine, die ausweicht. Sie spricht sanft, aber mit starker Stimme. Auch mit Kindern aus Flüchtlingsheimen arbeitet sie. Im Projekt „Grenzenlos“, das vom Kulturamt gefördert wurde, entstand das Stück „Arm und Reich“, in dem die Kinder Masken entwickelten.

Das Theater residiert in einer früheren Bäckerei

Flucht hat sie selbst erlebt. Geboren 1980 in Eisenach, lebte sie neun Jahre in der DDR. Kurz bevor die Grenzen öffneten, flohen ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder. „Sie sagten uns, wir gehen nach Ungarn zu einer Hochzeit“, erinnert sie sich. Sie begriff, dass es eine Reise ohne Wiederkehr sein würde – für sie ein Abenteuer, für die Eltern ein Fiasko. Die Ehe zerbrach, das Verhältnis zur kämpferischen Tochter war schwierig. Bei einem Urlaub im Frankreich lernte Herzberg, 13-jährig, ihre „Maman“ kennen – und blieb einfach. Die Künstlerin zog sie auf, unterstützte sie beim Schauspielstudium, erst in Avignon, dann an der Brecht-Schule in Rostock. Zu Deutschland hatte ihr Ludwig Flaszen geraten, Mitgründer des Grotowski-Theaterlaboratoriums. Eine weitere Weiche stellte der palästinensische Schauspieler und Theatermacher Saleh Bakri, den sie auf dem Theaterfestival in Avignon traf. 2006 besuchte sie seine Familie, als israelische Kampfjets den Libanon bombardierten, die Hisbollah-Raketen in Israel einschlugen. Zurück in Deutschland war ihr klar, das Theater Junge Generation in Dresden kann es nicht mehr sein. In der Elbestadt gründete sie 2010 mit Veronika Steinböck das Projekttheater La Lune, spielte parallel in Stuttgart an der Tri-Bühne.

„Drei Jahre pendeln waren genug“, so Herzberg. Außerdem wollte sie die „Reise nach Jerusalem“ aufführen. Ein Einpersonenstück auf Französisch und Deutsch, in dem sie ihr Reisetagebuch aus Israel verarbeitete, die Bombenangriffe und das Ringen um Frieden. „Es war Zeit für einen Neuanfang!“ Ihr syrischer Ehemann folgte ihr nach Stuttgart, wo sie ein eigenes Theater plante. Eine Fügung, dass sie die einstigen Bäckereiräume im Jugendstil entdeckte. „Wir haben alles selbst renoviert.“ Die Ausstattung sammelten sie bei Theatern, so manches Möbelstück auf dem Flohmarkt.

Das kleine interkulturelle Theater hofft auf städtische Förderung

Auf ihre Bühne holt Julianna Herzberg Musiker, Schauspielensembles und Autoren aus Stuttgart, Deutschland, dem Ausland. „Stücke zum Nachdenken und Diskutieren, Recherchetheater wie etwa ‚Just a little bit racist’: Das interessiert mich. Nach Grotowski ist Theater Labor und Experiment, Leben, Wandel, neue Perspektiven.“

Neue Perspektiven hat Herzfeld auch selbst. Über zwei Jahre habe sie in der Küche gestanden, die Suppenbar vorangebracht. „Ich will selbst wieder spielen, ein eigenes Ensemble aufbauen.“ Einen Gastronom hat sie schon gefunden, der sie entlastet. Auf eine städtische Förderung hofft sie – als kleines, interkulturelles Theater. Für ihren kleinen Sohn ist Interkultur längst Alltag, er wächst dreisprachig auf: mit Deutsch, Syrisch und Französisch.

Theater La Lune, Haußmannstraße 212, ab sofort zurück aus der Sommerpause. Infos: www.theaterlalunestuttgart.de

Lesen Sie jetzt