Julen Merino, Vorsitzender des Cannabis Social Clubs Stuttgart, begrüßt zwar das Zwei-Stufen-Modell zur Legalisierung, übt aber auch Kritik. In einem offenen Brief an Cem Özdemir (Grüne) werden Verbesserungen vorgeschlagen. Welche das sind, sagt er im Interview.
In sogenannten Cannabis Social Clubs (CSC) soll man als Mitglied künftig bis zu 50 Gramm Cannabis legal erwerben können. Das ist einer der Punkte, die das Zwei-Stufen-Modell zur Legalisierung vorsieht, welches vor knapp drei Monaten von Karl Lauterbach (SPD) und Cem Özdemir (Bündnis 90 / Die Grünen) vorgestellt wurde. Der CSC in Stuttgart begrüßt zwar das Einlenken der Bundesregierung, dessen Vorsitzender Julen Moreno sieht in dem Gesetzesentwurf aber noch Verbesserungspotenzial.
Herr Merino, wie viele neue Mitglieder hat der CSC in Stuttgart seit der Bekanntgabe des Eckpunkteplans zur Zwei-Stufen-Legalisierung von Cannabis gewonnen?
Aktuell sind es 400 Mitglieder. Mit großer Wahrscheinlichkeit stimmt diese Zahl aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels schon gar nicht mehr. Es werden täglich neue Mitgliedsanträge gestellt.
Wie viele Mitglieder hatte der CSC denn die Jahre zuvor, als die Legalisierung noch nicht so sehr im Fokus stand wie jetzt?
Da waren wir konstant um die 50 Mitglieder.
Also ein enormer Zuwachs. Sind Sie stolz darauf?
Stolz würde ich jetzt nicht sagen. Wir freuen uns natürlich, dass das Thema omnipräsenter diskutiert wird und der Aktivismus aller CSCs in Deutschland endlich Früchte trägt. Trotzdem gilt es noch einen langen Weg bis zur vollständigen Legalisierung und vor allem Entkriminalisierung von Cannabis zu gehen.
Gemessen an dem rasanten Anstieg Ihrer Mitgliederzahlen könnte man meinen, dass durch den neuen Gesetzesentwurf die Menschen dem Thema angstfreier entgegentreten?
Vermutlich, aber ich würde da nicht allzu viel hineininterpretieren. Hierzulande wurde schon immer gekifft und das in jeder Bevölkerungsschicht. Dass die Politik jetzt einlenkt und sich dem Thema nun nicht ganz verschließt und Möglichkeiten für eine Cannabis-Legalisierung aufzeigt, räumt mit dem Stigma eventuell ein wenig auf. Aber wie gesagt: Hypothesen, die sich nicht überprüfen lassen.
Wie überraschend kam die Meldung des Zwei-Stufen-Modells zur Cannabis-Legalisierung für Sie als CSC eigentlich?
Sehr überraschend. Wir als CSC arbeiten gerade auch Tag und Nacht, um die Erwartungen der Bundesregierung zu erfüllen.
Sie haben erst neulich einen offenen Brief an den Grünen-Politiker Cem Özdemir geschrieben. Können Sie uns über den Inhalt aufklären?
Es geht um den Gesetzesentwurf und darum, dass wir Verbesserungsvorschläge anbieten. Genauer gesagt in vier Punkten. Die Einschränkung von Anbauflächen, die Forderung eines polizeilichen Führungszeugnisses für die Vorstände eines CSC, ein geplantes Werbeverbot und eine sehr weitreichende Dokumentationspflicht. Zum Werbeverbot muss ich sagen, dass wir das analog zur Tabakwerbung auch durchaus gut finden, es darf uns als CSC aber nicht einschränken, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Beim polizeilichen Führungszeugnis haben wir uns gefragt, ob auch Braumeister zum Brauen von Bier so etwas vorlegen müssen. Müssen sie übrigens nicht. Den offenen Brief kann man noch einmal in voller Länge auf unserer Homepage nachlesen.
Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen mehr Steine als notwendig in den Weg gelegt werden?
Ja, ich finde den aktuellen Gesetzesentwurf völlig überreguliert, bei einigen Punkten fühlt es sich an, als würde die Bundesregierung CSCs so kompliziert machen wollen, dass keine Clubs eröffnet werden.
Sind Sie denn schon mit der Bundes- oder Landesregierung im Austausch, um sicherzugehen, dass Stufe eins des Legalisierungsplans genauso abläuft wie gewünscht?
Wir stehen schon im Austausch mit der Landesregierung und haben in ein paar Wochen einen Vor-Ort-Termin.
Was muss Ihrer Meinung nach sowohl auf politischer als auch auf Club-Ebene passieren, damit all die Erwartungen, die an den CSC gestellt werden, erfüllt werden können?
Der Gesetzesentwurf sollte an den genannten Punkten angepasst werden, damit die notwendige Menge an CSCs entstehen können, denn pro Club dürfen jeweils nur 500 Mitglieder aufgenommen und auch nur an diese darf Cannabis abgegeben werden. Bei Millionen von Konsumenten in Deutschland ist das eine logistische Mammutaufgabe.
Obwohl die Politik nun bei dem Thema einlenkt, gibt es dennoch Gegenstimmen. Wie gehen Sie damit um, und was wollen Sie den Kritikern mit auf den Weg geben?
Es werden endlich mehrere Millionen Cannabiskonsumenten in Deutschland vom Schwarzmarkt geholt und entkriminalisiert. Die Qualität der Blüten kann sichergestellt werden, und jeder bekommt dann den THC-Gehalt, den er konsumieren möchte. Außerdem werden dem Staat mit der Legalisierung über 4,7 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung stehen. Dagegen gibt es keine sinnvollen Argumente.
Anbaugemeinschaften für den Eigenbedarf
Organisation
CSCs sind Anbaugemeinschaften von Konsumenten, die ihren Eigenbedarfsanbau gemeinschaftlich organisieren oder dort, wo der Anbau von Cannabis noch nicht erlaubt ist, die Legalisierung des Anbaus von Cannabis zum Eigenbedarf anstreben. Weitere Informationen unter https://csc-stuttgart.org
Vorstand
Julen Merino ist 26 Jahre alt, kommt aus Herrenberg und ist von Beruf System- und Serveradministrator. Er ist seit einem halben Jahr Vorstandsvorsitzender des Cannabis Social Clubs in Stuttgart.