Julian Knoth aka Peter Muffin Dada, Noiserock und Stimmungsschwankungen

Von Gunther Reinhardt 

Julian Knoth mit seinem Projekt Peter Muffin bei einem Auftritt im Merlin in Stuttgart. Foto: Isabel Thalhäuser – Fragmente Deutschland
Julian Knoth mit seinem Projekt Peter Muffin bei einem Auftritt im Merlin in Stuttgart. Foto: Isabel Thalhäuser – Fragmente Deutschland

Zwischen Kapitalismuskritik, Klangcollage und konkreter Poesie. Julian Knoth, Bassist und Sänger der Band Die Nerven, wagt sich mit seinem Projekt Peter Muffin dahin, wo es wehtut und verdingt sich nebenbei als Netzwerker des nicht nur musikalischen Stuttgarter Untergrunds.

Stuttgart - Julian Knoth kann ganz viel ein bisschen. Zum Beispiel Schlagzeugspielen. „Ein paar Takte halte ich zumindest durch“, sagt er. Das genügt aber völlig. Aus einigen Bumm-Bumm-Tschas wird ein Loop, und aus dieser nervösen Endlosschleife schließlich ein Song. Zumindest wenn Knoth auch noch Bass-, Gitarren- und Gesangsspuren aufgenommen hat. Das Ergebnis sind Songs, die „Hier bleibe ich stehen“, „Es zieht vorbei“ oder „Die ganze Nacht schon“ heißen – und die Julian Knoths Soloalbum namens „Ich und meine 1000 Freunde“ füllen – eine Platte, die der Bassist und Sänger des Stuttgarter Noiserock-Trios Die Nerven unter dem Namen ­Peter Muffin aufgenommen hat.

Ein Soloalbum, oh je! In den guten alten Zeiten des Rock’n’Roll war ein Soloalbum stets der Anfang vom Ende. Wenn ein Sänger oder ein Gitarrist glaubte, ohne seine Band eine Platte machen zu müssen, stand das für einen Zerfallsprozess, der meistens früher als später zur Auflösung der Band führte. Doch inzwischen ist der Rock’n’Roll abgewirtschaftet und die Idee der Band als einzig gültige rockmusikalische Lebensgemeinschaft wird längst infrage gestellt. Der Pop liebt es heute musikalisch polygam und feiert die Auflösung der Formen. Und Julian Knoth kann das beweisen.

Einer von drei hyperaktiven Kreativköpfen

„Die Nerven haben immer schon eher projektmäßig gearbeitet“, sagt er. Und dass er als Peter Muffin unterwegs ist, dass Kevin Kuhn auch bei den Wolf Mountains trommelt, dass Max Rieger nicht nur diverse Bands produziert, sondern auch mit All die Gewalt sein eigenes Soloprojekt hat, ist keinesfalls ein Problem, sondern der Beweis dafür, dass diese hyperaktiven Kreativköpfe viel zu fleißig sind, um sich mit nur einer künstlerischen Konstellation zufrieden zu geben.

Die ersten Peter-Muffin-Songs sind 2010 entstanden. Da gab es Die Nerven noch gar nicht. Bevor Max Rieger 2016 nach Leipzig zog, nahm er mit Knoth die Songs auf, die eher Fragmente, Skizzen waren. „Max hat ein bisschen Ordnung in dieses Durcheinander an Ideen gebracht“, sagt Knoth. Ralv Milberg, der Stammproduzent der Stuttgarter Noiserock-Szene, saß an den Reglern, hat die Aufnahmen gemastert. „An ihm gibt es einfach kein Vorbeikommen“, sagt Knoth.

Ernst Jandl trifft auf Noiserock

Eine wunderbare Unordnung der Diskurse herrscht aber auch nach Max Riegers musikalischen Aufräumarbeiten immer noch auf der Platte. Den Songs auf „Ich und meine 1000 Freunde“ haftet weiterhin etwas wundersam Verwirrtes, Unfertiges, etwas Ruinenhaftes an. „Das war ein Lernprozess für mich“, sagt Knoth, „ich war mir lange nicht sicher, ob man aus den Ideen wirklich was machen kann, habe dann aber gemerkt, dass es sich lohnt, daran zu arbeiten.“ Entstanden ist so ein herrlich sprödes, collagenhaft zusammengestückeltes Lo-Fi-Album. „Es ist sprunghaft und launisch, mal aggressiv, mal melancholisch und immer wieder irgendwie unverständlich“, sagt Knoth, „eigentlich ist da alles drin, was mich selbst ausmacht. Das Album ist genauso wie ich.“ Er vertont seine eigene Unsicherheit, die Paranoia, die Frustration, die Aggression: „Das reicht dann bis zum allgemeinen Abkotzen à la The Fall“.

Knoth führt in seinen Liedern eine musikalische Selbstzersplitterung vor. Wunderbar wie er in „Es zieht vorbei“ ein Lamento in einen heftigen Streit eskaliert. „Was haben wir nicht gelacht“ wird in vielen Bedeutungsebenen nach Jandl-Art durchkonjugiert. Sprachkritik, Konsumkritik, Kapitalismuskritik – all das steckt drin in den Songs, die passend zu Knoths Stimmungsschwankungen mal nach Noiserock, mal nach Pop klingen, Funkgrooves, Spoken Word oder Hip-Hop ausprobieren. Und immer wieder bemüht er sich darum, seine Songs wie kleine theatralische Inszenierungen klingen zu lassen.

Kunst, die im Entstehen ist

Dazu passt, dass Knoth versucht, sich ­die Stuttgarter Untergrund-Szene zu erschließen und sich dort zu vernetzen – nicht nur musikalisch. Mal ist er in Sara Dahmes hübschen Gesprächsreihe in der Sammlung Froehlich zu Gast und bemalt mit ihr das Cover von „Ich und meine 1000 Freunde“, mal steht er mit dem Fake-Jazz-Kollektiv Yum Yum Club auf der Bühne des Kammertheaters.

Knoth, der ja auch schon mit den Nerven in Armin Petras’ Inszenierung von „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen ­manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ in Berlin und Stuttgart Theater ­gespielt hat, und früher hin und her gezogen ist, lebt jetzt zwei Jahren fest in Stuttgart und schwärmt von der Stadt: „Überall trifft man hier auf Kunst, die im Entstehen ist“ sagt er. Daran sind die Nerven nicht ganz unschuldig: „Ich glaube, dass wir hier ein Gefühl für Schrägheit etabliert haben, dass wir Möglichkeiten freigemopst haben.“ Und die Musik sieht er nur als seinen Ausgangspunkt. Knoth wünscht sich eine Vernetzung der Stuttgarter Szenen. Er will nicht zwischen Musik, Kunst und Performance unterscheiden. „Mir ist Ambivalenz, Diversität, Offenheit und das Interdisziplinäre wichtig“, sagt er „ich will, dass nicht alles glatt, und nicht alles nur Oberfläche ist.“

Der Butzen ist das beste am Apfel

Und obwohl Peter Muffin als Soloprojekt begonnen hat, ist Julian Knoth kein Eigenbrötler. Inzwischen ist aus der Ein-Mann-Show eine Band geworden. „Ich bin stärker, wenn ich jemand im Rücken habe“, sagt er.

Schließlich gibt es noch so viele andere Baustellen, auf denen er sich rumtreibt. So hat er inzwischen auch ein eigenes seltsames Plattenlabel gegründet zusammen mit einem Kumpel von der Münchner Band Friends of Gas. Dort bringt er unter dem Motto „mit erhebenen Mittelfingern und dem Drang den begrenzten Labelhorizont zu erweitern“ skurrile Alben befreundeter Musiker gerne auch auf Kassette heraus. „Butzen“ heißt das Label in Anspielung an das legendäre Beatles-Plattenlabel namens Apple. „Außerdem“, sagt der Mann, der viel ein bisschen kann, „finde ich die Idee gut, dass die einen den Butzen wegschmeißen, während andere finden, dass der das beste am Apfel ist.“

Das Peter-Muffin-Album „Ich und meine 1000 Freunde“ ist bei Treibender Teppich Records/Butzen Records erschienen. „Fake“, das neue Album von Knoths Band Die Nerven, wird am 20. April veröffentlicht.

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