Julia Jentsch jagt als Berchtesgadener Kommissarin Ellie Stocker mit Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) in den Alpen einen Serienkiller. Foto: Sammy Hart/Sky Deutschland

Julia Jentsch lässt sich selbst von einem Schneesturm nicht so schnell aus der Fassung bringen. Da kommt ihr der Alpenkrimi „Der Pass“, in dem sie einen Killer jagt, ganz gelegen. Auch wenn sie sonst eher vorsichtig ist, wenn es darum geht, sich auf Serien einzulassen – beruflich und privat.

Stuttgart - Julia Jentsch liebt die Abwechslung. Vor einigen Jahren hat sie sich deshalb gegen ein festes Theaterengagement entschieden. Und früher hat sie sich deshalb auch dagegen gesträubt, in TV-Serien mitzuspielen. Doch Zeiten ändern sich. Vor kurzem erst hat die 40-Jährige in Hans-Christian Schmids Krimiserie „Das Verschwinden“ eine Mutter gespielt, die nach ihrer verschwundenen Tochter sucht, jetzt jagt sie in der Thrillerserie „Der Pass“ als Kommissarin einen Serienkiller.

Frau Jentsch, Sie spielen zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit eine Hauptrolle in einer TV-Serie. Ist das Zufall?

Ich denke, das ist schon der Tatsache geschuldet, dass es zurzeit einen Serienboom gibt, dass das Serienformat wiederentdeckt und erneuert wurde und dass Produktionen heute eine ganz andere Qualität haben als früher.

Schauen Sie selbst gerne TV-Serien?

Hin und wieder entstehen bei mir auch so eine Art Sog und eine Serienlust. Ich bin aber kein Serienjunkie. Es passiert bei mir nicht so schnell oder so leicht, dass ich mir ganze Nächte um die Ohren schlage, um eine ganze Serie am Stück zu schauen. So etwas ist auch nicht so leicht mit dem normalen Leben zu vereinbaren, wenn man morgens früh aufstehen muss. Ab und zu erwischt es mich aber schon.

Wann hat es Sie zuletzt erwischt?

Es ging mir so bei der ersten Staffel von „Top of the Lake“. Und bei der ersten Staffel von „Broadchurch“. Die hatte ich zwar nicht in einer Nacht, aber in zwei Nächten durch. Es wäre mir auch bei „The Handmaid’s Tale“ so gegangen – wenn da alle Episoden auf einmal verfügbar gewesen wären. Da konnte ich aber nur drei Folgen am Stück schauen, und ich war ein bisschen enttäuscht, dass es zu dem Zeitpunkt noch nicht mehr gab.

„Top of the Lake“, „Broadchurch“ und „The Handmaid’s Tale“ haben gemeinsam, dass starke Frauenfiguren im Mittelpunkt stehen – und dass keine der Serien aus Deutschland stammt. Gibt es zu wenig gute deutsche Serien mit starken Frauenfiguren?

Gute Frage. Ich weiß nicht, ob ich mich damit wirklich genug auskenne, um mir ein Urteil zu erlauben. Ich habe aber schon das Gefühl, dass es auch hier immer wieder spannende Frauenfiguren gibt. Das heißt aber nicht, dass es nicht gut wäre, wenn es noch viel mehr gäbe.

Auch „Die Brücke“, die skandinavische Serie, die das Vorbild für „Der Pass“ war, wird von einer starken Frauenfigur bestimmt.

Ja, ich kannte „Die Brücke“ und auch das US-Remake bevor ich die Rolle übernommen habe. Die Folgen, die ich gesehen habe, fand ich sehr gut gemacht und total spannend. Zur Vorbereitung für „Der Pass“ habe ich mir die Serie aber nicht noch einmal angeschaut. Letztlich ist die einzige Verbindung zwischen den beiden Serien, dass eine Leiche auf einer Grenze gefunden wird und dass Teams aus zwei Ländern zusammen ermitteln. Sonst gibt es eigentlich keine Parallelen.

In „Die Brücke“ wird eine Leiche auf der Öresundbrücke gefunden, die Malmö und Kopenhagen verbindet. In „Der Pass“ liegt der Tote in den Alpen auf der schneebedeckten Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Das dürften Dreharbeiten unter extremen Bedingungen gewesen sein?

Ich habe das Drehen in der Natur sehr genossen. Es gab nur einen Tag, an dem uns ein Schneesturm überrascht hat. Da konnten wir nicht da hin, wo wir hin wollten. So ein spektakuläre Naturereignis ist faszinierend, macht aber alles ein bisschen komplizierter. Wir mussten stets auf das Wetter reagieren und haben schon mal den Drehplan umgeschmissen, weil es geschneit hat oder der Nebel so stark war, dass ein Außendreh nicht möglich war.

Ich vermute, so viel Aufwand hätte eine deutsche TV-Serie früher eher nicht betrieben. Hätten Sie sich vor zehn Jahren vorstellen können, in einer Serie mitzuspielen?

Eher nicht. Vor allem weil ich Angst gehabt hätte, zu schnell das Interesse an der Figur zu verlieren, mit der ich mich bei einer Serie eine sehr lange Zeit auseinandersetzen muss. Ich schlüpfe lieber immer wieder in neue Rollen.

Ist das der größte Unterschied zwischen der Arbeit an TV-Serien und Kinofilmen? Dass man sich bei Serien intensiver mit einer Figur auseinandersetzen muss, weil es insgesamt mehr Drehtage gibt und man viel mehr Zeit hat?

Viel mehr Zeit hat man beim Fernsehen nicht. Es gibt vielleicht Ausnahmen, aber mein Eindruck ist, dass es beim Fernsehen doch noch einen ziemlichen Zeitdruck gibt, dass man sich oft ein, zwei Drehtage mehr wünscht, um das Pensum zu entzerren. Bei den Dreharbeiten für einen Kinofilm hat man für einzelne Szenen stets mehr Zeit.

Also doch lieber Kino als TV-Serie?

So würde ich das jetzt auch nicht sagen wollen. Bei einer Serie verbringt man ja dann doch insgesamt eine längere Zeit mit einer Figur, entdeckt während der Arbeit neue Aspekte der Persönlichkeit, die man dann vielleicht noch ins sein Spiel einbringen kann. Da kann man auch mal was ausprobieren, weil man die Figur nach einigen Drehtagen ganz gut kennt. Das macht die Arbeit spannend. Ich kann nicht sagen, dass das eine toller ist als das andere. Ich wünsche mir bei jedem Projekt, dass mich die Figur, die ich spiele, und die Geschichte, die erzählt wird, interessieren, und dass wir genug Zeit haben. Wenn das gegeben ist, ist es egal ob es sich um eine TV-Serie, einen Fernsehfilm oder einen Kinofilm handelt.

Und was ist mit dem Theater? Sie waren ja bis 2008 Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen.

Oh, ja, ich vermisse das Theater sehr. Ich habe mich zwar damals gegen ein weiteres festes Engagement am Theater, aber nicht prinzipiell gegen das Theater entschieden. Dass das Theater dann nach und nach immer weniger wurde, ist einfach so passiert, und es liegt keinesfalls daran, dass mir das Theater nichts mehr bedeutet. Ich finde immer noch, dass das Theater ein ganz eigener, ganz besonderer Teil des Schauspielerberufs ist. Ich weiß noch nicht wie und wann, aber ich hoffe und wünsche mir, dass sich da mal wieder etwas ergibt.

Julia Jentsch und „Der Pass“

Person
Julia Jentsch wurde 1978 in Berlin geboren und lebt inzwischen in einem Dorf in der Schweiz. Sie war mehrere Jahre Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen. 2002 wurde sie von „Theater heute“ als beste Nachwuchsschauspielerin geehrt. 2005 bekam sie für ihre Rolle in dem Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ auf der Berlinale den silbernen Bären – sowie den Deutschen und den Europäischen Filmpreis. 2018 erhielt sie für ihre Rolle in der Serie „Das Verschwinden“ den Deutschen Fernsehpreis

Serie
In dem Thriller „Der Pass“ wird in den Alpen an der deutsch-österreichischen Grenze eine Leiche gefunden. Die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (Julia Jentsch) und ihr österreichischer Kollege Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) ermitteln gemeinsam. Als eine weitere Leiche auftaucht, wird deutlich, dass hier ein Serienkiller am Werk ist.

Ausstrahlung
Von Freitag, 25. Januar, an wöchentlich um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky 1. Alle Episoden sind zudem über Sky Ticket und Sky Go verfügbar.

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