Literarisch arbeitende Gesellschafts- und Demokratietheoretikerin Foto: Peter von Felbert

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat in Tübingen erklärt, wie der Populismus mit unserem Selbstgefühl zusammenhängt.

Tübingen - Alle warten auf Juli Zeh. Große Plakate und Flyer künden in der ganzen Stadt von ihrem Auftritt. Eine der „bekanntesten Schriftstellerinnen Deutschlands“ wie es darauf heißt, redet bei der 15. Tübinger Mediendozentur über „das Turbo-Ich“, den Menschen im Kommunikationszeitalter. Der Festsaal der Neuen Aula ist zum Platzen gefüllt und bleibt dies auch, als verkündet wird, dass sich ihr Auftritt um gut eine Stunde verzögern wird. Die Reise von Juli Zehs uckermärkischem Fluchtwinkel in den Tübinger Hotspot medialer Selbstvergewisserung ist lang, zu lang für die Fahrpläne der Deutschen Bahn.

Schließlich zieht sie ein, mit erhobenen Armen und unter johlendem Beifall, eine selbstsichere Frau in Jeans und Ringelpulli, die mit sichtlichem Vergnügen verfolgt, wie die Tübinger Medienprofis mit der zunächst streikenden Mikrofonanlage ringen. Und weil man noch keine Ahnung hat, was ein Turbo-Ich sein soll, denkt man im Stillen, genau das muss es sein: Bestseller-Autorin, engagierte Bürgerrechtlerin, Rechtsexpertin oder wie sie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen vorstellt, literarisch arbeitende Gesellschafts- und Demokratietheoretikerin, erfolgreich, allpräsent, rampenlichtgestählt.

Juli und Bibi

Doch weit gefehlt. Das Subjekt, dem Juli Zehs Vortrag gilt, ist ein armes Würstchen. Schon als Kind ist es mit Geschichten konfrontiert, in denen sich übergriffige Erzähler wichtiger nehmen als die eigentliche Handlung, was die Rednerin mit der Einspielung eines Bibi-Blocksberg-Hörspiels verdeutlicht. Am Anfang steht nicht mehr das Wort, sondern das Ego. Aber wie soll man Vertrauen in eine gemeinsame Welt gewinnen, wenn sich überall ein Ich mit seinen Befindlichkeiten dazwischen drängt? Wo ist sie geblieben, die auktoriale Instanz von einst, die für verbindliche Zusammenhänge einsteht, zu denen man sich verhalten kann, für Zugehörigkeit, Regeln und Absprachen? Die Antwort gibt eine rasante Erzählung aus unseren Tagen. Und sie hat in der 1974 geborenen Autorin eine ausgebuffte Erzählerin gefunden.

Es ist die Geschichte von einem, der auszog, die selbstverschuldete Unmündigkeit hinter sich zu lassen, und der nur in neue Unmündigkeiten geraten ist. Die Befreiung des Individuums aus allen Zwängen ist auf allen Ebenen vorangeschritten: Religion, Politik – selbst an der Abschaffung der intimsten aller Zugehörigkeiten, der Geschlechtsidentität, werde wacker gearbeitet. Übrig bleibt nur das von allen Bindungen befreite nackte Ich. Es hat auf seinen Schultern zu tragen, was es sonst auf andere Bezugssysteme abwälzen konnte: Sinn, Schicksal, Glück, Unglück, Liebe, Tod. Armes Ego, je mehr Aufmerksamkeit man auf sich selbst richtet, desto größer bläht es sich – für Juli Zeh ein geistesgeschichtlicher Umbruch, schwerwiegender als industrielle und digitale Revolution zusammen.

Das Ich und sein Schicksal

So ist der Protagonist entstanden, um den sich alles dreht. Das Turbo-Ich bedarf ständiger Bestätigung durch Konsum, Selbstverwirklichung oder beruflichen Erfolg. Weil ihm nie die Aufmerksamkeit zuteil wird, die es bräuchte, um sich zu stabilisieren, ist es Ängsten aller Art ausgesetzt. Gereiztheit, Stress, Burnout, Fremdenfeindlichkeit, Empfänglichkeit für Horrorszenarien und Verschwörungstheorien, Optimierungswahn sind der Preis der Freiheit. „Ohne Väter, Götter, Führer, Priester steht jeder Einzelne seinem Schicksal allein gegenüber.“

Soweit mit ordentlich wertkonservativem Zungenschlag die sozialanthropologische Grundlegung. Nun beginnen die eigentlichen Abenteuer. Denn die Welt des Turbo-Ichs, so Zeh, ist mit der Demokratie nur schwer vereinbar. Selbstverständnis und Staatsform klaffen auseinander. Demokratie brauche das Miteinander, Turbo-Ichs konzen­trierten sich auf sich selbst, Demokratie brauche das Wahlrecht, Turbo-Ichs könnten damit immer weniger anfangen: „Sie lesen Parteiprogramme wie Speisekarten“ – wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, sind sie schnell verdrossen.

Kräftiger Farbauftrag

Die Auswirkungen malt die Erzählerin in satten Farben. In den Medien sieht sie einen enthemmten Selfie-Journalismus am Werk. Autoren würden zu wiedererkennbaren Marken aufgebaut, deren Meinung höher im Kurs stehe als die Objektivität der Nachricht. Ebenso die Politik: Auch hier nur noch Menschen, keine Autoritäten. „Warum soll man sich auch von jemand regieren lassen, der so verletzlich ist wie man selbst?“ Der Verlust von Ansehen, Achtung und Respekt ist in beiden Fällen die Folge der Subjektivierung, hier als Politikverdrossenheit, dort als Lügenpresse-Parole.

Schließlich die digitale Sphäre, die eine Möglichkeit der grenzenlosen Individualisierung eröffne: „Das Internet ist eine Ich-Maschine, der größte Narzissmus-Generator der Welt.“ Schade eigentlich. Das Prinzip Wikipedia habe gegen das Prinzip Facebook verloren: die Vision kollektiver Weltdarstellung sei von totaler Selbstdarstellung verdrängt worden, mit dem paradoxen Effekt, dass der entfesselte Individualismus dem Konformismus immer ähnlicher werde – Facebook als eine Art Rating-Agentur für Menschen.

All diese Entwicklungen zusammengenommen aber ergäben nichts anderes als ein narrensicheres Rezept zur Herstellung von Rechtspopulismus. Der Ruf nach Grenzen sei Ausdruck der infantilen Persönlichkeitsstruktur des Turbo-Ichs – „fragen Sie Horst Seehofer“. Demgegenüber gelte es die richtigen Grenzen zu ziehen: die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum, die Grenze zwischen Ich und Du.

Die Erzählung mündet in den Schlussappell, sich weniger wichtig zu finden: „Schluss mit der Versponnenheit in die eigenen Belange.“ Und in dem aufbrandenden Beifall könnte man meinen, die Menschen im Kommunikationszeitalter hätten im großen Stil zu der Gemeinschaftlichkeit zurückgefunden, zu der sie doch gar nicht mehr in der Lage sein sollen. Oder handelt es sich auch dabei um Konformismus?

Denn bei allen treffenden Diagnosen im Einzelnen kann man den Verdacht nicht ganz beiseite wischen, dass die Geschichte über die Gegenwart, die Juli Zeh so pointensicher entwickelt, selbst Teil der Wirklichkeit ist, die sie entwirft. Denn natürlich ist auch ihr Vortrag nichts anderes als ein Kommentar zur Zeit, ein Meinungsbeitrag. Und in der langen Liste der Selfie-Journalisten, die sie anführt, fehlt nur ein Name. Es ist ihr eigener.

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