13.000 ziemlich junge Menschen feiern am 15. Juli 2000 auf dem Stuttgarter Pragsattel eine riesige Hip-Hop-Party. Foto: Kraufmann

1996 begann mit der Gründung des 0711-Kollektivs das Stuttgarter Hip-Hop-Wunder. Vier Jahre später steigt am Pragsattel die größte Hip-Hop-Party, die die Stadt je gesehen hatte.

Am 15. Juli 2000 steht Stuttgarts Jugend vor der musikalischen Gewissensfrage: Gehst du zu Kim Frank und Echt? Oder zu Freundeskreis? Massive Töne, Afrob, Absolute Beginner? 13.000 Menschen entscheiden sich für die Hip-Hop Open am Pragsattel.

 

Es ist kein Zufall, dass beide Open-Air-Events – die Arena of Sound am Schlossplatz und das Hip-Hop Open auf einem Parkplatz neben der Rheinstahlhalle (heute das Zuhause des Theaterhauses) – am gleichen Samstag stattfinden. SWR, Four Music und 0711-Büro wollten eigentlich zusammen was auf die Beine stellen. Aber das gestaltet sich zäh. Also sagt sich Stuttgarts Hip-Hop-Kolchose: Wir machen was eigenes. Mit MTV. Nur ein bisschen beleidigt kontert der SWR: „Hip-Hop passt sowieso nicht in die Musikausrichtung von SWR 3.“ Na dann.

Es ist groß, was die damals gerade mal vier Jahre alte 0711-Schaltzentrale um Johannes „Strachi“ Strachwitz da aufzieht: „Das größte eintägige Hip-Hop-Open-Air-Festival Deutschlands“ soll am Pragsattel steigen. Zehn Tage vorher sind die Hip-Hop Open schon ausverkauft. Ein Ticket kostet 48 Mark, am Einlass bieten Rap-Enthusiasten 150, um doch noch reinzukommen. Zum ersten Mal gibt es schließlich in Stuttgart, der Mutterstadt des deutschen Hip-Hops, ein echtes Großereignis des reimenden Sprechgesangs. Oder, wie ein extra aus Köln angereister, 16-jähriger Hip-Hop-Fan es formuliert: „Alder, wann hat man schon mal die Chance, alle korrekten Hip-Hop-Acts auf einem fetten Konzert zu erleben?“

Um 11 Uhr eröffnen Sprachlabor den Festivaltag

Einlass ist um 10 Uhr, es strömen die Kids in Baggypants, Kapuzenpullis, Basecaps und Fischerhüten. Das Wetter ist nicht ganz so, wie ein Julitag sein könnte, deshalb müssen die Skateboarder und BMXler auf ihre Performance verzichten. Denn eigentlich sollten alle Elemente des Hip-Hop auf dem Pragsattel vertreten sein – wie einst bei den ersten Jams im Jugendhaus.

DJ Thomilla an den Plattentellern. Foto: Kraufmann

Sprachlabor eröffnen um 11 Uhr den Festivaltag. Anschließend spielen Deine Quelle und Breite Seite ihre Sets. Von Gentleman aus Köln gibt es ein Stündchen Reggae-Freestyles. DJ Thomilla steht an den Plattentellern, die Geschwister Meli und Marcy von Skills en Masse rappen, Afrob ruft der Menge zu: „Was geht ab, Stuttgart? Gibt’s hier Hip-Hop-Fans?“ Und ob es die gibt. Hände in der Luft, 13.000 Köpfe nicken und die Sonne kommt auch noch raus. Hip-Hop-Seligkeit.

Am späten Nachmittag kommen Fünf Sterne Deluxe auf die Bühne – mit „dem Sound aus Hamburg-City, dem die Leute vertrau’n“ – und bringen die Menge mit „Türlich, türlich“ zum Springen. „Hände hoch, das ist ein Überfall“, rappen anschließend die Jungs von Massive Töne – dabei schwenken doch schon alle ihre Arme im Takt von rechts nach links im honigfarbenen Sommerabendlicht.

Max Herre von Freundeskreis auf der Bühne am Stuttgarter Pragsattel. Foto: Kraufmann

Als die Absoluten Beginner ihr Set starten, ist über den Stuttgarter Pragsattel die Dämmerung hereingebrochen. „Rock on“ muss man der Menge nicht zweimal sagen, die brodelt nämlich längst. Und dann: „Esperanto“ schmettert Joy Denalane mit souliger Stimme und einem dicken Schal um den Hals der Feiermeute entgegen. Die Freundeskreis Allstars haben die Bühne betreten. Max Herre trägt Collegejacke und Strickmütze, denn inzwischen ist es empfindlich frisch an diesem ungewöhnlich kühlen Sommerabend. DJ Friction macht die Scratches und Samples, die Band sorgt für den entspannten Klangteppich, auf den Max Herre, Sékou, Gentleman und Afrob ihre Reime von „All Apologies“ oder „Wenn der Vorhang fällt“ droppen.

2018 sprachen Max Herre, DJ 5ter Ton und viele andere mit uns über das Stuttgarter Hip-Hop-Wunder:

Um 23 Uhr muss Schluss sein. Bevor die Freundeskreis Allstars aber zusammenpacken, schaut Max Herre noch über die 13.000 und sagt: „Ich hatte schon Schiss, dass wir eine aussterbende Spezies sind. Aber cool, dass Ihr alle da seid.“

Die legendären Hip-Hop Open

Wie es weiterging
2001 ziehen die Hip-Hop Open ins Kickers-Stadion auf der Waldau. Legendär: Der Auftritt von LL Cool J im Platzregen. Im Jahr drauf findet das Festival ein neues Zuhause im Reitstadion am Wasen. 2009 ziehen die Hip-Hop Open nach Mannheim um – das Auftreten der Stuttgarter Polizei war den Machern zu massiv gewesen. Nach zwei Jahren Pause kommt das Format 2012 zurück nach Stuttgart. 2015 ist Schluss, das Festival schreibt tiefrote Zahlen. 2023 gibt es doch noch mal eine Neuauflage – in verschiedenen Stuttgarter Locations. Eigentlich soll es dann 2024 ein Abschieds-Hip-Hop Open geben. Aber es fällt aus.