Wutachschlucht im Schwarzwald Foto: dpa

Jugendliche wissen wenig über die Natur. Ein Stadtkind wird im Wald eines Besseren belehrt.

Stuttgart - Ein matschiger Weg erstreckt sich vor mir. Er ist gesäumt von lauter Bäumen. Einige Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch das Geäst, treffen auf dem Boden auf und lassen die glitschigen Schleimspuren der Nacktschnecken glänzen. Igitt!

Willkommen im Wald. Für jemanden, der Zwölf-Zentimeter-Absätze bequemen Sneakers vorzieht und lieber in Modezeitschriften blättert, statt Pilze zu sammeln, ist dieser Ort ein unerforschtes Gebiet. Trotz anderer Lesegewohnheiten ist mir neulich der Jugendreport 2010 in die Hände geraten. Was ich da sah, verschlug mir die Sprache. Die Studie erklärt uns, die wissbegierige Generation Lebenslauf, doch tatsächlich zu verblödeten Naturbanausen. Und noch schlimmer: Die Antworten geben den Autoren der Studie recht. So glauben nicht wenige, dass Kühe H-Milch geben und Holz im Baumarkt wächst und nicht im Wald.

In einem eben solchen bin ich nun und will herausfinden, wie viel Naturwissen ein Stadtkind braucht - und wozu überhaupt. Zwischen lauter Bäumen spickt das Haus des Waldes in Stuttgart-Degerloch hervor. Eine Horde Kinder rennt in den Wald und kommt kurz darauf mit einer Handvoll Blättern und Blüten zurück. Andere hantieren mit Sieben und einer Pampe, die aussieht wie verdorbener Haferbrei. "Sie schöpfen ihr eigenes Papier", erzählt mir Berthold Reichle, Leiter des Hauses des Waldes.

Bei solchen Aktionen können Kinder den Lebensraum Natur auf eigene Faust entdecken. Dieser direkte Kontakt ist es, der sich laut Reichle am besten ins Gedächtnis einprägt. "Wir wollen hier keine trockenen Theorien predigen, der Wald ist selbst ein pädagogischer Raum." Er möchte unter den jungen Leuten wieder ein Verständnis dafür wecken, wie die Natur mit unserem Alltag zusammenhängt. Ohne sie hätte großen Dichtern wie Goethe vermutlich die Inspiration für ihre Lyrik gefehlt. Ohne Holz gäbe es weder Möbel noch Häuser. Die bräuchten wir aber auch nicht mehr, denn ohne Fleisch und Pflanzen aus der Natur müssten wir verhungern.

Kühe sind lila und das Holz kommt aus dem Baumarkt

Es ist genau diese Verbindung der Natur mit der eigenen Lebenswelt, die vielen jungen Leuten heute fehlt. Laut dem Jugendreport wissen nur vier Prozent der 3000 Befragten zwischen 11 und 15 Jahren, dass die Rohstoffe, aus denen ein Handy gemacht ist, zu 100 Prozent aus der Natur kommen. Reichle, der selbst Vater ist, wundert das nicht: "Die Kühe sind lila, das Holz kommt aus dem Baumarkt - das ist ja genau das, was der Einkauf mit den Eltern und die Medien vermitteln." Die Frage, woher denn alles ursprünglich komme, wird dabei viel zu selten gestellt. Dabei können wir ohne die Natur nicht überleben - und das nicht wegen der Handys.

Warum wir solche Fragen nicht mehr stellen? Rainer Brämer, Natursoziologe an der Universität Marburg, ist seit 1997 mit dem Jugendreport Natur beauftragt. Er sieht die Ursachen der Wissenslücken bei der Vermittlung. "Die direkte Natur wird nicht mehr wahrgenommen. Stattdessen ist die entfernte Savanne in Afrika, die in einer TV-Doku gezeigt wird, viel interessanter." Mediale Wahrnehmung statt direkten Kontakts mit der Fichtenblüte im Wald.

Seit Jahren beobachten Brämer und sein Team das Naturverständnis der Jugendlichen und haben bei ihnen das sogenannte Bambi-Syndrom diagnostiziert. "Ihr Naturverständnis ist verkehrt. Viele denken, dass die Nutzung der Natur schädlich ist", sagt Brämer. Was nachhaltig bedeutet, hat damit ausgerechnet die Generation nicht verstanden, die Umweltschutz sonst so gut findet. Der Jugendreport belegt das mit Zahlen: Für 71 Prozent ist "Keine Pflanzen ausreißen oder beschädigen" nachhaltiger Umgang mit Wald und Flur. Aber die Natur ist nun mal dazu da, um genutzt zu werden. Nur sollte eben nicht mehr gejagt oder geerntet werden, als auch wieder nachkommt.

Im Degerlocher Haus des Waldes können Kinder und Jugendliche bei verschiedenen Angeboten wieder direkter mit der Natur in Kontakt kommen. Auch die BUND-Jugend in Stuttgart ist eine gute Anlaufstelle für alle, die nicht als Naturbanausen abgestempelt werden wollen. In diesem Jahr veranstaltet sie etwa einen Naturtagebuch-Wettbewerb. Für den Anfang reicht auch schon mal ein Spaziergang durch den Wald. Ohne MP3-Player, dafür aber mit offenen Augen. Dann tritt man auch nicht auf schleimige Nacktschnecken.

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