Urkunden für die scheidenden Sprecher des Jugendrates überreicht BM Peter Pätzold an Gözdem Göksu, Semir Duman und Firat Yurdakul (von links). Foto: Lichtgut/Julia Schramm

Angst um die Demokratie? Dagegen hilft eine Begegnung mit den Stuttgarter Jugendräten: Im Stuttgarter Rathaus haben fast 500 junge Leute eindrucksvoll Lust auf Verantwortung und Bürgersinn demonstriert.

Stuttgart - Das weiß man auch im Rathaus zu schätzen: „Sie sind die Grundlage für die demokratische Gesellschaft“, bescheinigte Baubürgermeister Peter Pätzold den 197 neu gewählten Jugendräten und ihren 127 Stellvertretern genau wie den 186 Jugendlichen, die nach zwei oder sogar drei Amtszeiten ausscheiden. OB Fritz Kuhn hatte zur Verabschiedung und Begrüßung geladen, seine Gäste dann 20 Minuten warten lassen und die Gastgeberrolle schließlich an Pätzold delegiert, der sie geradezu mit Begeisterung ausfüllte: Mit Lob für die erfrischende Direktheit bei der Formulierung von Anliegen und Wünschen, Respekt fürs Bohren dicker Bretter und mit großem Dank für das Engagement, das leider nach seiner Erfahrung gerade in Schulen mit hohem Anspruch enttäuschend wenig Interesse finde.

Wahlberechtigt sind alle Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, das waren in diesem Jahr 22 500 in allen Stadtteilen und -bezirken. Darunter Laura Heghi, 15, und Isabel Schäfers, 16, beide aus dem Neuen Leibniz- Gymnasium in Feuerbach und gerade gewählt. Was wollen sie durchsetzen in diesem Gremium, das seit 2013 auch Anträge und Anfragen direkt an den OB richten kann? „Wir brauchen einen Zebrastreifen an unserer Schule“, sagt Laura. Nicht zuletzt wegen der vielen Elterntaxis, die das Überqueren der Klagenfurter Straße zu einem gefährlichen Manöver machten, erklärt sie. Isabel findet, dass in Feuerbach dringend ein Jugendcafé eingerichtet werden sollte. Außerdem sollen die Jugendlichen bei der Neugestaltung des Spielplatzes bei der Hattenbühlschule mitreden dürfen. Und überhaupt: „Wir wollen uns einbringen und ein bisschen was verändern“, betonen beide.

Jugendliche wünschen sich einen bezahlbaren VVS-Tarif

Viele Projekte haben die Jugendräte in den letzten zwei Amtsperioden realisiert, wie Moderator David Rau, Stuggi.TV-Chefredakteur, zwischen Auftritten des klugen Poetry Slammers Nikita und der Sängerin Katharina Djevic mit einer Video-Show demonstrierte: Podiumsdiskussionen zur Kommunalwahl, den 24-Stunden-Lauf zugunsten von Kindern, Street Art, den Feuerbach-Cup oder gemeinsames Kochen. Auf die Frage, was sie sich von den Jugendräten wünschen, hatten Jugendliche auf der Königstraße genug Antworten: eine längere Freibad-Saison. Tipps für Umwelt- und Klimaschutz. Und vor allem: einen bezahlbaren VVS-Tarif.

„Kein Thema war so präsent wie der ÖPNV“, bestätigt die scheidende Jugendrätin Julia Heisele und erinnert daran, dass der Nachtbus der Hartnäckigkeit des Jugendrat-Sprechers Semir Duman zu verdanken sei. Ihr Appell an Minh Thy Huyng, die eine dritte Amtszeit anstrebt, und alle Nachfolger: „Macht weiter, bleibt hartnäckig, lasst das Thema nicht sterben, nutzt das bisschen Macht, das wir haben.“ Denn das nächste Ziel ist ein 24-Stunden-Service des ÖPNV.

Kleiner Seitenhieb gegen den OB

Gut, dass die scheidenden Sprecher Semir Duman, Gözdem Göksu und Firat Yurdakul, allesamt Beispiele für gelungene Integration, Mut machen können: „Bitte macht was aus eurer Amtszeit, es bringt einen weiter. Und ihr bekommt jede Menge Hilfe: In den Bezirksbeiräten, in Ämtern, im Rathaus. Von allen. Bis auf einen.“ Aha! Der OB hat hier offensichtlich wenig Freunde. Zwei seiner potenziellen Nachfolger, Veronika Kienzle und Martin Körner, zeigten schon mal Präsenz.

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