Trinken, bis der Arzt kommt – dieser Trend ist bei Kindern und Jugendlichen nach Erkenntnissen des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg ein rückläufiges Phänomen.
Waiblingen - Trinken, bis der Arzt kommt – dieser Trend ist bei Kindern und Jugendlichen offenbar ein rückläufiges Phänomen. Laut Erkenntnis des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg jedenfalls ist die Zahl der Heranwachsenden bis einschließlich 19 Jahre, die mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten, zwischen den Jahren 2012 und 2013 um rund zwölf Prozent gesunken. Auch im Rems-Murr-Kreis ist diese Entwicklung zu beobachten. Laut Angaben des Waiblinger Landratsamts ist man von dem traurigen Rekordjahr 2009, in dem rund 160 Klinikeinlieferungen registriert worden waren, mit zuletzt 110 Fällen (minus 29 Prozent) deutlich entfernt.
Der örtliche Suchthilfekoordinator, Holger Hackel, führt das zunächst auf eine landesweite Maßnahme zurück. Das im März 2010 eingeführte Alkoholverkaufsverbot in der Zeit zwischen 22 und 5 Uhr mache sich deutlich in der Statistik bemerkbar. Zuvor, in den Jahren 2007 bis 2009, sei ein Anstieg der Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen im Rems-Murr-Kreis um 33 Prozent verzeichnet worden. Im Jahr 2007 war in Baden-Württemberg der gesetzliche Ladenschluss aufgehoben worden.
Auswirkungen auf die positive lokale Entwicklung haben nach Meinung von Holger Hackel aber auch örtliche Maßnahmen gehabt. So hätten sich die Städte und Gemeinden im Rems-Murr-Kreis dazu verpflichtet, Feste nur dann zu erlauben, wenn sich die Veranstalter zur Einhaltung des Jugendschutzes verpflichteten. Zu derlei Anlässen werde nicht nur entsprechendes Informationsmaterial für die Veranstalter bereitgestellt, der kommunale Ordnungsdienst kontrolliere auch, ob der Jugendschutz tatsächlich eingehalten werde.
Mit im Boot der Suchtprävention ist die Polizei. Diese ist dafür sensibilisiert, angetrunkene Jugendliche, die im öffentlichen Raum angetroffen werden, bei Bedarf auf Kosten ihrer Eltern nach Hause zu chauffieren und darüber das gemeindliche Ordnungsamt zu informieren. Von dort werden an die Erziehungsberechtigten „blaue Briefe“ verschickt, in denen nicht nur über das jeweilige Vorkommnis berichtet, sondern auch auf Beratungsangebote verwiesen wird. Der Erfolg dieser konzertierten Maßnahme schlage sich nicht nur in der allgemeinen Statistik nieder, „es gibt auch nur selten Wiederholungstäter“, sagt Holger Hackel.
Ähnliches gelte auch für einen weiteren Interventionsbaustein. Im Rahmen des Projektes (Hart am Limit), das im Kreis vor fünf Jahren initiiert wurde, bekommen Jugendliche, die in einer der beiden Rems-Murr-Kliniken wegen einer Alkoholvergiftung behandelt werden, noch am Krankenbett Besuch von einem Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle und die Eltern Hinweise für geeignete Hilfe oder gar Therapie. Zudem zeigten „mannigfaltige suchtpräventive Angebote“ der Jugendarbeit und anderer pädagogischer Einrichtungen Wirkung, betont der Suchhilfekoordinator Hackel.
Bei allem Erfolg, an Werte wie im 2001, als das Phänomen Komasaufen in der Statistik seinen drastischen Anfang nahm, ist man noch deutlich entfernt. Weit mehr als doppelt so hoch (plus 136 Prozent) ist die Zahl der registrierten jugendlichen Alkoholmissbräuche nach wie vor auch im Rems-Murr-Kreis. Die absolute Zahl ist freilich ohnehin nur das, was über die Krankenhauseinlieferungen bekannt wird. Die Dunkelziffer liegt laut Experten noch deutlich höher.