In Konstanz gibt es auf dem Stephansplatz fetten Sound – und Saft und Brezeln von der Stadt. Foto: Hanser

So versuchen die Narrenhochburgen im Südwesten zu verhindern, dass die Fasnacht für viele Schüler in der Notaufnahme endet.

Konstanz - Wenn an Fasnacht sturzbetrunkene Jugendliche in der Singener Kinderklinik eingeliefert werden, kennt der Chefarzt Andreas Trotter kein Pardon. Man kümmere sich um diese Patienten, überwache sie, damit sie nicht an Erbrochenem erstickten, und lege Infusionen. Ein grausiges Erwachen bleibe ihnen aber nicht erspart. Denn zum Kopfweh gesellt sich die peinliche Feststellung, dass sie Windeln tragen. „Die bekommt hier jeder dieser Patienten verpasst“, sagt Trotter. Dann werden die Eltern angerufen.

Der schlimmste Arbeitstag im Jahr

Für das Klinikpersonal in den Fasnachtshochburgen sind Jugendliche mit Blutalkoholwerten zwischen 1,5 und 2,5 Promille an den närrischen Tagen ärgerliche Routine. Sie bänden personelle Ressourcen, belegten Betten, manche – Mädchen wie Buben – seien aggressiv, meint Trotter. Sein Konstanzer Kollege Peter Gessler erklärte den Schmotzige Dunschtig vor zwei Jahren gar zum „schlimmsten Arbeitstag im Jahr“. Bei der Fasnacht zuvor war ihm am Donnerstag um 8.30 Uhr der erste 15-jährige Komarauschpatient gebracht worden.

Seither hat sich viel zum Besseren gewendet. „Der Trend geht in die richtige Richtung“, sagt Trotter. Waren in den vergangenen Jahren in Singen im Schnitt acht bis zehn Jugendliche am Fasnachtsdonnertag gebracht worden, sank die Zahl im vergangenen Jahr auf fünf. Ähnlich ist es in Konstanz und anderswo. Denn die Städte haben in Zusammenarbeit mit den Narrenzünften und den Eltern in den vergangenen Jahren viel getan, um das Problem zu lösen.

Stadt spendiert Saft und Brezeln

In Konstanz waren, wenn man so will, Gelbwesten die Lösung. Die streifen sich Eltern und Mitarbeiter des Jugendzentrums (Juze) über ihre Kostüme. Zugleich wird auf dem zentralen Stephansplatz eine fette Soundanlage installiert. „Die Jugendlichen sollen ja feiern“, sagt Petra Rietzler vom Gesamtelternbeirat. Nur zu sagen „Trunke wird nix“ habe kein Erfolg. Die Erwachsenen mischen sich nun nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit kostenloser Verpflegung unter das junge Publikum. „Der Donnerstag beginnt früh. Viele haben da nicht einmal gefrühstückt. Dann trinken sie ihre hochprozentigen Mischgetränke. Etwas in den Magen zu bekommen, wirkt da Wunder“, sagt Rietzler. Die Stadt lässt sich das einiges kosten. 1500 Brezeln und ebenso viele alkoholfreie Getränke habe man bestellt, sagt der Juze-Leiter René Grüßer.

Kräftig feiern, früh genug aufhören

„Wer tanzt und Spaß hat, trinkt weniger“, sagt Eva-Maria Beller vom Jugendamt der Nachbarstadt Radolfzell. Der Hemdglon­ker­umzug, der am Mittwochabend stattfindet, befand sich wegen Alkoholexzessen und Schlägereien in einer ernsten Krise. „Wir wollen Brauchtum statt Party“, schimpften die Narren. Doch gemeinsam mit dem Jugendgemeinderat fand sich ein Kompromiss. Jetzt steht auf dem Münsterplatz eine Bühne, auf der sich Guggenmusiken und närrische Tanzgruppen mit einem DJ abwechseln. „Wir sind begeistert von unserem Ansatz“, sagt Beller. Es gebe kaum noch Probleme. „Kräftig feiern und früh genug aufhören“, beschreibt sie das Konzept. Um 23 Uhr geht die Musik aus, und die Linienbusse fahren in die Stadtteile.

Kein Alkohol bis 25 Jahre

Die Verbannung von hochprozentigen Alkoholika steht überall im Zentrum der kommunalen Maßnahmen. Die Aufklärung der Händler trage Früchte, sagt der Sprecher der Stadt Singen, Achim Eickhoff. Noch kurz vor Fasnacht seien vom Team der Kriminalprävention Jugendliche zu Testkäufen in der Stadt ausgeschickt worden. „Es gab erstmals keine Verstöße gegen die Jugendschutzregeln“. sagt Eickhoff. Besonders rigoros hält es die Narrenhochburg Rottweil, und das schon seit zehn Jahren. „Wer unter 25 Jahre alt ist, bekommt am Donnerstag in der Innenstadt keinen Alkohol“, sagt der Narrenmeister Christoph Bechtold. Damit soll verhindert werden, dass junge Erwachsene Alkohol an ihre jüngeren Freunde und Geschwister abgeben. Zuletzt schloss sich sogar der Discounter Lidl dieser Selbstverpflichtung an. Der Alkoholverkauf sei nur noch mit Sicherheitspersonal zu bewältigen gewesen, sagt Bechtold.

Disco und Saitenwürstle

Auch in Rottenburg war der Donnerstag der Sorgentag. Dann fluten die Schüler nach der Schulbefreiung die Stadt. Seit drei Jahren veranstalten die städtische Jugendvertretung und die Narrenzunft auf dem Marktplatz ein Programm mit Disco und Kostümwettbewerb. Zwei Euro kostet der Eintritt, dafür gibt es kostenlos alkoholfreie Getränke und Saitenwürstle.

Licht in dunklen Gassen

In Offenburg haben die Narren ihren Großkampftag schon hinter sich. 30 000 Menschen kamen vor einer Woche zu einem Treffen. „Es gab keinen harten Alkohol an den Ständen“, sagt Stefan Schürlein vom Stadtmarketing. Gegen zwei Betreiber, die gegen die Auflagen verstießen, wurde vorgegangen, ihr Alkohol weggesperrt. „Das Problem sind nicht die organisierten Narrengruppen. Die haben ihre Jugendlichen im Griff“, sagt Schürlein, der mit viel Aufwand auch im Umfeld des eigentlichen Festgeländes für geordnete Verhältnisse sorgen ließ. Das THW stellte in dunklen Gassen und Parks Strahler auf. „Die ganze Stadt war hell beleuchtet“, sagt Schürlein.

Narri Narro – aber ohne k.o.

Am Hochrhein bereitet den Verantwortlichen ein neuer Trend Sorgen. Jugendliche Schnapsleichen habe es zuletzt kaum gegeben, sagt eine Sprecherin des Waldshuter Klinikums. Jedoch sind jüngst beim Narrentreffen im kleinen Albbruck fünf Personen k.o-Tropfen verabreicht worden. „Narri Narro – aber ohne k.o.“, heißt eine Kampagne, die daraufhin innerhalb weniger Tage gestartet wurde. Man habe Plakate und Infomaterial hergestellt, sagt Silke Padova vom Kinder- und Jugendreferat der Stadt. Bei der „Hoorige Mess“ am Fasnachtssamstag in Tiengen, einer der größten Veranstaltungen am Hochrhein, werde man mit einem Stand vertreten sein. Auch eines der Albbrucker Opfer beteilige sich. „Die Angst vor dem Unsichtbaren ist groß.“

Beim Umzug auf dem Trockenen

Die Stadt Wernau (Kreis Esslingen) hat ein Verbot von hochprozentigen Getränken während des Faschingsumzugs erlassen. Der Grund: Im vergangenen Jahr ist es in der Faschingshochburg zu Schlägereien und Übergriffen durch betrunkene Menschen gekommen, ein 13 Jahre altes Kind musste sogar mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus gebracht werden. Beim Umzug am Samstag, 2. März, dürfen zwischen 10 und 20 Uhr Getränke mit mehr als 15 Volumenprozent Alkohol sowie branntweinhaltige Getränke weder verkauft, konsumiert noch mitgebracht werden. Das Verbot gilt entlang der Umzugsstrecke sowie an den umliegenden Plätzen und Flächen.

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