Die Renninger Werkrealschülerinnen und -schüler müssen die Sozialversicherungsabzüge von einem konkreten Gehalt selber ausrechnen – und bekommen es gut hin. Foto: Simon Granville

Die Deutsche Rentenversicherung schickt ihre Beraterinnen und Berater an öffentliche Schulen. Was bringt das jungen Menschen?

Die gesetzliche Rente als Thema in einer Serie über Geldanlagen für Jüngere? Das erscheint auf den ersten Blick gleich in zweifacher Hinsicht deplatziert. Erstens, weil die Rente keine Anlageform für Geld ist, über das der Besitzer verfügt und das er anlegen möchte. Zweitens, weil die Rente von Jüngeren ähnlich weit weg ist wie der Mond von der Erde. Andererseits: Die zumindest für alle angestellten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gesetzlich vorgeschriebenen Abschläge vom Gehalt für die Rentenversicherung werfen beim Erreichen des entsprechenden Alters auch was ab. Damit es das Optimum wird, kann eine frühzeitige Beschäftigung zumindest nicht schaden.

 

Dieser Ansicht ist auf jeden Fall die Stuttgarter Rentenberaterin Michelle Oberhoffner: „Regelmäßig kommen Menschen mit Ende 50/Anfang 60 in die Beratung und bekommen dann einen Schock, wie wenig das ist“, berichtet die 26-Jährige. Oft wird dann erst klar, dass es gut gewesen wäre, auch privat etwas anzusparen, Nachweise über Ausbildungszeiten aufzuheben, oder Einzahlungen für verpasste Jahre nachzuholen, was nur bis zum 45. Lebensjahr geht. Andersherum meinen in Jugendstudien wie der Metall-Rente gerade einmal 31 Prozent von 2500 Menschen zwischen 17 und 27 Jahren, einen „sehr guten“ oder „guten“ Wissensstand beim Thema Altersvorsorge zu haben.

100 Beratende sind an den Schulen in Baden-Württemberg unterwegs

Um solchen Defiziten vorzubeugen, versucht die Deutsche Rentenversicherung (DRV) auch in Baden-Württemberg Mitarbeitende schon an Schulen zu schicken, verstärkt seit 2022. Im Schuljahr 2024/25 kam es tatsächlich zu 46 Einsätzen, davon mit 19 der größte Anteil an Berufsschulen. Eine von rund 100 Beraterinnen und Beratern dieses Programms mit dem Namen Rentenblicker ist „Bachelor of Law in Public Management“ Oberhoffner, die in dieser Nebentätigkeit zusammen mit Kollegin Martina Neul in der zehnten Klasse Friedrich-Schiller-Werkrealschule in Renningen zu Gast ist.

Rentenberaterin Michelle Oberhoffner bespricht mit den Schülerinnen und Schülern mehrere fiktive Fallbeispiele. Foto: Simon Granville

Das Duo profitiert davon, dass Lehrer Matthias Zeitler das Thema „Steuerzahler und Leistungsempfänger“ aus dem Lehrplan des Landes sauber vorbereitet hat. Die Klasse mit 20 Schülerinnen und Schülern macht fast keinen Fehler, als sie Begriffe wie „Berufsinformationszentrum“, „Berufsgenossenschaft“ oder „Reha“ den fünf DRV-Bereichen Rentenversicherung, Unfallversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Arbeitslosenversicherung zuordnen sollen. Überhaupt ist der überwiegende Teil der Klasse äußerst aufmerksam, mehrere Schülerinnen und Schüler melden sich ausdauernd. Das Motto „Heute checken, was morgen zählt“, erfüllen sie locker.

Jeder Monat zählt bei der Rentenversicherung

Das ist auf jeden Fall mal jeder Monat, sagen Oberhoffner und Neul. „Jeder Monat zählt“ im sogenannten „Versicherungsleben“, bis zu acht Jahre Schul- und Studienzeit ab dem 17. Lebensjahr, drei Jahre Erziehungszeit pro Kind und auch Zeiten der Arbeitslosigkeit, wenn man denn als arbeitssuchend gemeldet ist. Martina Neuls Rat lautet: „Zeugnisse und Bescheinigungen gut aufbewahren.“ Damit man später im Versicherungsverlauf möglichst jeden Monat belegen kann. Der Rat, dass man den Verlauf überhaupt prüfen soll, gehört dazu.

Auch dass zum Beispiel die Krankenkasse für einen einzahlt, wenn man länger krank ist, oder die Pflegekasse eines zu pflegenden Angehörigen, um den man sich dauerhaft kümmert, sind Themen der Doppelstunde. Das Rentenblicker-Duo erläutert eine fiktive Brutto-Netto-Gehaltsabrechnung mit den Abzügen der Sozialversicherung nach dem Motto „Brutal viel – net so viel“.

Schüler: Das Wissen gibt mir Sicherheit für die Zukunft

Die beiden Mittzwanzigerinnen lassen nicht unerwähnt, dass die Rente an sich „ein paar Schwierigkeiten“ hat , da die Einzahlenden immer mehr Rentnerinnen und Rentner finanzieren müssen. Deshalb, sagt Michelle Oberhoffner, sei „Altersvorsorge ein wichtiges Thema, bei dem man früh anfangen sollte“. Neben der gesetzlichen Altersvorsorge am besten auch mit betrieblicher und privater Altersvorsorge. Letztere wird in zwei Minuten abgehandelt, da die beiden Rentenblickerinnen auch nicht empfehlen sollen, ob man das besser mit einer Riester-Rente oder einem Aktien-Fonds tut. Aber die Botschaft ist klar: „Wer im Alter seinen Lebensstandard erhalten will, muss zusätzlich vorsorgen.“

Mit fiktiven Fallbeispielen und eindringlichen Ratschlägen („Keine Ausreden“ beim Thema-auf-die-lange-Bank-schieben, „Schulden vermeiden“) und Hinweisen etwa auf die Haftpflichtversicherung treffen Oberhoffner und Neul bei einem Großteil der Werkrealschüler offenbar einen Nerv. „Das hat was mit dem Leben zu tun“, begründet Alessia (15) nach der Stunde, weshalb sie den beiden gut folgen konnte. Die ebenfalls 15-jährige Lena hält Rente auch für ein wichtiges Thema: „Meine Eltern wurden erst viel später damit konfrontiert.“ Genau wie sie sagt der ein Jahr ältere Leon: „Das Wissen gibt mir Sicherheit für die Zukunft“, und: „Es sollte in der Schule früher drankommen.“ Die Deutsche Rentenversicherung kann sich freuen. Erst jüngst hatten in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey unter 3200 Befragten 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen angegeben, dass ihnen das Thema Altersvorsorge Angst mache.

Rund 32 Millionen Einzahlende

Einzahlende
Die Zahl der Menschen, die in das deutsche Rentensystem einzahlen, bewegt sich in den vergangenen Jahren bei rund 32 Millionen. Zuletzt waren es nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung am 31. Dezember 2023 rund 31,1 Millionen versicherungspflichtig Beschäftigte und 237 000 freiwillige Einzahler. Aktiv versichert waren 41,1 Millionen Menschen, die zum Teil nicht einzahlen wie etwa Studierende, Menschen, die Kinder erziehen, und andere. Rund 18,7 Millionen Menschen bezogen eine Altersrente (in Baden-Württemberg knapp 2,2 Milllionen), die Ausgaben lagen bundesweit bei rund 397,4 Milliarden Euro.

Rentenanstieg
Der durchschnittliche Rentenanpassungsbetrag (West) liegt seit 2010 bei rund 2,6 Prozent, seit 2020 bei rund 3,6 Prozent. Zuletzt wurde 2025 um 4,2 Prozent erhöht. 2023 wurde die Rente in den Bundesländern der ehemaligen DDR zu 100 Prozent an den Westen angeglichen. Eine Senkung gab es nie, denn der Rentenwert ist gesetzlich lebenslang garantiert. Jedoch gab es Jahre, in denen keine Erhöhung stattgefunden hat – zuletzt 2021 in den „alten“ Bundesländern.

Selbstständige
Auch selbstständige Unternehmer können Pflichtversicherte sein. Zum 31. Dezember 2023 gab es rund 326 000 selbstständige Pflichtversicherte (inklusive Künstlerinnen und Künstler sowie Publizistinnen und Publizisten). Auch unter den 237 000 freiwillig Versicherten sind Selbstständige, die aber nicht separat gezählt werden.