Wie gewaltbereit sind Jugendliche in Deutschland? Fakt ist: Die Jugendkriminalität ist stark rückläufig. Foto: dpa

Drei Jugendliche Jugendliche stürmen in einen Klassenraum und verprügeln mit Schlagstöcken einen Mitschüler. Nachrichten wie diese scheinen zu belegen: Die Jugend in Deutschland wird immer gewalttätiger. Doch stimmt das überhaupt? Ein Faktencheck.

Goch/Stuttgart - Drei Jugendliche haben während einer Lehrveranstaltung im nordrhein-westfälischen Goch (Regierungsbezirk Düsseldorf) einen 17-Jährigen angegriffen und mit Schlagstöcken verprügelt. Die Täter seien am frühen Mittwochabend in den Klassenraum eines VHS-Hauptschulabschlusskurses in der Leni-Valk-Realschule gekommen und gezielt auf den Jugendlichen losgegangen, teilte die Polizei mit.

Sie hätten unvermittelt mit Schlagstöcken auf den Jungen eingeschlagen. Auch als er fliehen wollte und dabei zu Boden stürzte, habe die Gruppe nicht von ihm abgelassen. Einer der Täter soll zudem mit einer Art Schusswaffe auf den 17-Jährigen gezielt haben. Ob auch geschossen wurde, war einem Polizeisprecher zufolge unklar. Es habe jedenfalls keine entsprechenden Verletzungen gegeben, erklärte ein Polizeisprecher.

Nach einem Bericht der Zeitung „NRZ“ hatten elf Schüler im Alter zwischen 17 und 22 Jahren an dem Lehrgang zum Erwerb des Hauptschulabschlusses unter Leitung eines 69-jährigen Dozenten teilgenommen.

„Besondere Kaltblütigkeit“

Die Gruppe sei anschließend zu Fuß geflüchtet. Eine Jugendliche, die sich während der Tat auf dem Flur vor dem Klassenraum aufgehalten hatte, schloss sich den drei Flüchtigen laut Polizei an. Der verletzte 17-Jährige kam danach in ein Krankenhaus, das er nach ambulanter Behandlung aber wieder verlassen konnte.

„Ein solcher Angriff vor den Augen der anderen Teilnehmer und des Dozenten zeugt von einer besonderen Kaltblütigkeit “, sagte Michael Mertens, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP),

An der Fortbildungsveranstaltung im Kreis Kleve hatten elf junge Leute im Alter zwischen 17 und 22 Jahren sowie ein 69-jähriger Dozent teilgenommen. Sie alle wurden vom polizeilichen Opferschutz betreut. Die Fahndung nach den Tätern und die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauerten an.

Bereits am Nachmittag war in Köln ein 18-jähriger Schüler von einer Gruppe Jugendlicher an einer Bushaltestelle geschlagen, getreten und schwer verletzt worden.

Kriminelle Minderjährige

Immer wieder kommen kriminelle Kinder und Jugendliche wegen schwerer Straftaten in die Schlagzeilen. So stießen Mitte Dezember 2018 vier Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahre im nordrhein-westfälischen Essen eine 80-jährige Frau zu Boden und versuchten sie auszurauben.

Im vergangenen August stahlen ein Zwölf- und ein Achtjähriger einer 29-jährigen Passantin in Herne (ebenfalls NRW) die Brieftasche, als sie gerade aus einer Bank kam. Die Täter flüchteten mit dem Fahrrad.

Im Mai 2018 versuchten zwei zehn- und elfjährige Mädchen in Chemnitz (Sachsen) einer 66-Jährigen die Handtasche zu entreißen, als diese gerade ihr Auto aus der Garage holen wollte. Die Täterinnen schlugen und traten auf die Frau ein. Erst als eine weitere Frau dazu kam, ließen sie von ihrem Opfer ab und suchten das Weite.

Faktencheck: Wie gewalttätig ist die Jugend?

Wie kriminell sind Jugendliche in Deutschland? Nimmt die Zahl der gewaltbereiten Minderjährigen zu? Nein, im Gegenteil. Laut einer 018 veröffentlichten Langzeitstudie der Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem ist die Jugendkriminalität in Deutschland stark rückläufig.

Demnach hat sich zwischen 2007 und 2015 der Anteil der Tatverdächtigen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren pro 100 000 Jugendliche halbiert – ein Minus von 50,4 Prozent.

Schulschwänzen: Risikofaktor für Gewaltverhalten

Faktoren, die diese Entwicklung begünstigen, sind laut der Langzeitstudie „Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland – Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer“ vor allem der Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit, der deutlich gesunkene Alkoholkonsum unter Heranwachsenden sowie der Anstieg des Bildungsniveaus. Auch würden weniger Schüler dem Unterricht fernbleiben. Schulschwänzen ist den Experten zufolge ein „Risikofaktor für Gewaltverhalten“.

Bildung – das beste Mittel gegen Jugendkriminalität

Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg schreibt in seinem neuesten „Faktencheck Jugendkriminalität“: „Auch wenn viele bei Jugendlichen gegen das Gesetz verstoßen, wächst sich dieses Verhalten in der Regel von selbst aus. Der Höhepunkt ist meist mit 14 oder 15 Jahren erreicht, danach nimmt die Neigung, rechtliche Grenzen zu überschreiten deutlich ab.“

Auch die Zahl der Gewalttaten bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist demzufolge deutlich zurückgegangen. Das belegt auch die Untersuchung „Migration und Jugenddeliquenz – Mythen und Zusammenhänge“, die das Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Münster veröffentlicht hat.

Studien aus Städten mit vielen Migranten wie Hannover oder Duisburg haben der Max-Planck-Gesellschaft zufolge gezeigt: „Wenn junge Migranten gleichwertige Bildungschancen bekommen wie deutsche Jugendliche, gehen auch die Unterschiede in der Gewalttätigkeit zurück.“

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