Auch die selbst ernannte „Nachwuchshoffnung“ der Landtags-SPD, Andreas Kenner (links), hat sich beim Forum im Landratsamt den Fragen des Publikums gestellt. Foto: Rudel

Rund 100 Jugendliche haben im Esslinger Landratsamt den Politikerinnen und Politikern aus dem Landtag und aus dem Kreistag auf den Zahn gefühlt. Aber auch die Abgeordneten haben ein Anliegen gehabt.

Esslingen - „Löchern willkommen“ – hat der Esslinger Landrat Heinz Eininger als Begrüßungsredner den rund 100 jugendlichen Teilnehmern zum Auftakt der 2. Jugendkonferenz im Landkreis Esslingen zugerufen. Damit hat er im Großen Sitzungssaal des Esslinger Landratsamts ins Bild gesetzt, was in Sonntagsreden unter Teilhabe, unter politischer Mitwirkungsmöglichkeit und unter Interessensvertretung verstanden wird.

Als dann auch noch die, die es zu löchern galt – 20 Politikerinnen und Politiker aus dem baden-württembergischen Landtag und aus dem Esslinger Kreistag – die dreistündige Diskussion mit heiler Haut überstanden haben, sind die Beteiligten zufrieden auseinander gegangen. Wohl wissend, dass die strengen Regeln der Turbo-Diskussion – eine Minute pro Antwort war das Maß der Dinge – keine vertiefende Beschäftigung mit den aufgerufenen Problemfeldern zugelassen haben.

Ob es vor diesem Hintergrund den Jugendlichen gelungen ist, ihre Themen in die Notizbücher der Politiker zu bringen und in welcher Form sie von dort wieder in die Wirklichkeit zurückgespielt werden, wird ohnehin die Zukunft weisen müssen.

Themen abgearbeitet

Das Bemühen, das zeigt der Blick zurück, ist der Politikerriege nicht abzusprechen. Auf einer Stellwand im Foyer des Landratsamts sind die Themen der 1. Jugendkonferenz vom Herbst 2017 noch einmal in Erinnerung gerufen worden – als eine Art Rechenschaftsbericht der Politik. Ausbau von WLAN und Glasfaseranschlüssen? Der Landkreis hat einen Zweckverband gegründet, mit dem Ziel, das schnelle Internet bis zum Jahr 2030 flächendeckend an jeden Haushalt zu bringen.

Medienkompetenz als Baustein an Schulen fördern? Der Landkreis hat für das Schuljahr 2018/2019 eine landesweite Konzeption ausgeschrieben.

Günstigere Mobilität im öffentlichen Raum? Das Anliegen ist weitergeleitet worden. Am 1. April greift die Tarifreform, die das Bus- und Bahnfahren auf breiter Basis günstiger macht.

Private Feiern im Jugendhaus?

Auch eineinhalb Jahre später ist die Forderung nach einem besser getakteten öffentlichen Nahverkehr auf der Wunschliste der Jugendlichen ganz oben gestanden – bis hin zu einem autofreien Sonntag pro Quartal. Die Politikerrunde hat mit Stadttickets, Nachtbussen, dem Wiener Modell für den Landkreis und dem Bekenntnis nach engeren Taktzeiten dagegen gehalten.

Sind die Positionen hier und bei der Förderung eines europäischen Bewusstseins noch nahezu deckungsgleich gewesen, hat die Frage, wie weit die Landes- und Kreispolitiker es unterstützen, dass selbstverwaltete Jugendräume auch zu privaten Feiern benutzt werden dürfen, eine größere Kluft im Denken offenbart. Während auf Politikerseite reflexartig das Loblied auf die Selbstverwaltung und -verantwortung als „Lernfeld im Echtbetrieb“ gesungen wurde, hat sich dem unbefangenen Beobachter der Eindruck aufgedrängt, dass es den Jugendlichen einfach nur nach unbeschwertem Feiern zumute ist.

Keine Roten Karten

Ansonsten aber hat das jugendliche Publikum von den zuvor verteilten Roten Karten („Ich verstehe Ihren Satz gar nicht“) und von den Gelben Karten („Ich verstehe Ihren Satz ein bisschen“) nur sehr zurückhaltend Gebrauch gemacht. Eine grüne Karte, so es sie denn gegeben hätte, wäre für das griffigste Politikmotto an den Esslinger FDP-Kreisrat Ulrich Fehrlen gegangen. Der Liberale war zu spät gekommen und vom Moderatorenwunsch nach einer kurzen persönlichen Vorstellung wohl auf dem falschen Fuß erwischt worden. Mit seinem spontanen „Leben und leben lassen“ hat er den Ton der Jugendlichen trotzdem getroffen.

Für die Landtagsabgeordneten Andrea Lindlohr (Grüne), Karl Zimmermann (CDU), Andreas Kenner und Nicolas Fink (SPD) und die sie flankierenden Kreispolitiker ist es nicht nur darum gegangen, die Fragen der Jugendlichen zu beantworten, sondern auch um Werbung in eigener Sache zu machen. „Wir sind hier die alten Knochen. Wir vermissen auf allen politischen Ebenen die jungen Leute“, brachte es der Grünen-Kreisrat Jürgen Lewak auf den Punkt. Noch deutlicher wurde Andreas Kenner. „Mischt euch ein, das ist eure Zukunft, nicht unsere“, sagte der 62 Jahre alte Abgeordnete mit dem selbstkritischen Hinweis darauf, dass er als jugendpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion die Nachwuchshoffnung seiner Partei sei.

Ob der Wunsch seines 24 Jahre alten Parteifreunds Michael Medla in Erfüllung gegangen sein wird, wird sich allerdings erst nach der übernächsten Kreistagswahl zeigen. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele von euch einmal hier neben mir als Kreisräte oder Kreisrätinnen in diesem Saal sitzen“, sagte er. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kreistagswahl-esslingen-knapp-100-jahre-erfahrung-weniger.358c9303-a8cb-4925-987b-d54b7a9124d2.html

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