Ein Abend zwischen schwäbischen Rentnern und französischen Schülern: In der Stuttgarter Jugendherberge treffen sich Menschen aus allen Ländern und allen Generationen.
Die Zwillinge aus der südenglischen Hafenstadt Brighton pennen längst in ihrem Stockbett. Es ist 23 Uhr. Eine Frühlingsnacht in der Jugendherberge Stuttgart. Toby Burfield und sein Bruder Reuben, beide 18 Jahre, bekommen in ihrem Vierbettzimmer vom Johlen, Poltern und Plaudern der Schüler nebenan nichts mehr mit. Die beiden sind mit ihren Fahrrädern auf Europa-Tour – und schlafen nun seelenruhig. Kein Wunder, denn die Teenager spulen tagtäglich mehr als 100 Kilometer runter. Abends sind sie oft bereits nach dem Essen groggy. Am nächsten Tag geht die Reise im Radsattel für die zwei Briten früh am Morgen weiter. Also wird nun geratzt.
Gut sechs Stunden zuvor. Die Ruhe vor dem Sturm – vor dem Ansturm von etwas mehr als 200 Kindern und Jugendlichen sowie ein paar Erwachsenen auf das Abendessen. Helge Dörr steht hinter der Theke der Bar. Dörr ist 45 Jahre alt, hat Politik und Betriebswirtschaftslehre studiert – und während seines Studiums nie im Leben daran gedacht, eines Tages mal als Leiter einer Jugendherberge (gängige Kurzform: Juhe) zu arbeiten. Nach dem Zivildienst in der Juhe Stuttgart hat Helge – in den Jugendherbergen duzten sich alle – zur Finanzierung seines Studiums als Minijobber einfach weitergearbeitet. „Eigentlich wollte ich zur Lufthansa“, erzählt er.
Die Zahl der Übernachtungen ist hoch
Es kam anders. Nach dem Abschluss wurde ihm die stellvertretende Leitung der Jugendherberge Stuttgart angeboten. Dörr hat angenommen – und diese Entscheidung ganz offenkundig nie bereut. Seit 2019 leitet er das vor 70 Jahren eröffnete Haus in der Haußmannstraße. Die Juhe mit rund 60 Mitarbeitern und 311 Betten ist seine zweite Heimat. Oft ist der Leiter schon morgens zum Frühstück da und mitunter auch noch an den Abenden. Die Jugendherberge Stuttgart, sagt er nicht ohne Stolz, sei mit Blick auf die Zahl der Übernachtungen „die Nummer eins im Land“. Im vergangenen Jahr wurden 30 725 Übernachtungsgäste gezählt.
Wie gewöhnlich ist Helge Dörr auch an diesem Tag viel unterwegs in seiner Juhe mit den verschachtelten Gängen. Im Saal St. Louis wird noch gearbeitet: eine Tagung des Diakonischen Werks mit jungen Leuten, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FJS) machen. In einem der vielen Treppenhäuser ist eine fünfköpfige Familie auf der Suche nach ihrem Zimmer. „Das ist ein Labyrinth“, sagt die Frau und grinst freundlich.
Manche Gäste bleiben länger
Die Eltern der drei kleinen Kinder erzählen, dass sie aus Rumänien stammen, bis dato in Berlin gelebt haben, und dass sie nun in Stuttgart eine neue Heimat finden wollen. Der Familienvater sagt, er suche in der IT-Branche einen Job sowie für sich, die Gattin und die Sprösslinge eine Wohnung irgendwo in der Region. Berlin sei ihnen schlicht zu groß und zu hektisch. Bis auf Weiteres ist die Familie in der Juhe untergekommen. Helge Dörr und sein Team haben immer wieder Gäste, die länger bleiben, für ein paar Wochen oder auch mal für drei, vier Monate. Wer ein Doppelzimmer allein belegt, bezahlt etwa 550 Euro monatlich. Viele WG-Zimmer in Stuttgart sind teurer.
18 Uhr. Eine Berufsschülerin sitzt zum Abendessen im Speisesaal mit dem grandiosen Blick auf den Stuttgarter Talkessel und erzählt: Sie sei immer wieder während ihres Blockunterrichts in Feuerbach wochenweise zu Gast in der Herberge. Zufrieden? Die Zimmer, das Essen und der Service seien „ähnlich wie in einem Hotel“, sagt sie.
Gäste, die noch nie oder schon länger nicht mehr in einer Jugendherberge gewesen sind, wären vermutlich sehr erstaunt. Schlafsäle mit vielen Betten, ein strenger Herbergsvater, ein Einheitsessen? Gibt’s alles schon nicht mehr, sagt Helge Dörr und lacht. Herbergsvater – so möchte er keinesfalls genannt werden.
Jeder muss sein Bett selbst abziehen
Das Essen, sagen ein paar befragte Gäste an diesem Abend, schmecke wie im Restaurant. An der Bar gibt es bis Mitternacht Bier und Cocktails. Die einzigen Reminiszenzen: jeder Gast sollte nach dem Essen sein Geschirr und das Besteck abräumen und am Morgen sein Bett selbst abziehen.
An einem der Tische direkt an der großen Glasfassade sitzt Albrecht Eisemann beim Nachtessen. Der 66-Jährige ist mit ein paar Freunden auf Radtour. Die Rentner erzählen, dass sie während des dreitägigen Trips etwa 300 Kilometer auf ihren E-Bikes herunterspulen. Gestartet sind sie daheim in Wüstenrot im Landkreis Heilbronn. Später am Abend wollen die Männer unten im Fernsehraum der Jugendherberge ein Fußballspiel schauen. Albrecht Eisemann blickt auf einen Gegenstand, der vor ihm liegt: die Fernbedienung für das Fernsehgerät. „Die habe ich uns gesichert“, sagt er verschmitzt. Niemand soll ein anderes Programm einschalten können als das Fußballspiel.
An der Bar arbeitet Hanaa Chafik. Die 22-jährige Frau aus Schorndorf steht hinter dem Tresen und erzählt, dass sie eigentlich nur ein paar Wochen in der Juhe habe jobben wollen, nun sei sie aber bereits seit gut zwei Jahren da. „Cooler Job“, sagt sie – ihre Schicht beginnt immer erst am Nachmittag, Schluss ist gegen Mitternacht.
Knapp die Hälfte aller Gäste sind Schüler und Lehrer
Demnächst will Hanaa mit einem Sozialarbeit-Studium beginnen. Gut möglich, dass sie dann nebenher in der Jugendherberge ein bisschen weiter arbeiten wird. So wie es ihr Chef Helge Dörr damals während seiner Studienzeit auch getan hat.
19 Uhr, der Speisesaal ist rappelvoll. Zu Gast sind mehrere Schulklassen aus Deutschland und Frankreich. Die Jugendlichen machen ordentlich Radau. Auf einem Schild ist zu lesen: „Herzlich willkommen in Stuttgart. Nie 0815. Immer 0711.“ Neben der Bar spielen ein paar Jungs Billard. Helge Dörr berichtet, dass knapp die Hälfte aller Juhe-Gäste Schüler und Lehrer seien.
Eine halbe Stunde später sind die meisten Bäuche gefüllt. Ein paar französische Lehrer haben sich auf den großen Balkon zurückgezogen. Ihnen zu Füßen liegt der Stuttgarter Talkessel mit der gigantischen Stuttgart-21-Baustelle. Zu hören ist das Brummen der Autos auf den Hauptverkehrsstraßen der Landeshauptstadt.
Manche Gäste kommen gar nicht zum Übernachten in die Juhe – zum Beispiel die Organisatoren des Stuttgarter Lebenslaufs. Die Handvoll Frauen und Männer treffen sich einmal im Monat abends an einem der Tische mit dem grandiosen Ausblick zur Vorbereitung der Sportveranstaltung, die in diesem Jahr am 21. September stattfindet. Sie debattieren, essen, trinken – und fahren dann nach Hause. Auch über Mittag oder am Abend kommen Tagesgäste auf eine Mahlzeit oder auf ein Bier. Viele Stuttgarter wissen vermutlich gar nicht, dass die Juhe ein schöner Ort zum Einkehren ist.
Jungen versuchen, zu den Mädchen zu kommen
21 Uhr. Einige Schüler aus Hessen schleichen im Gebäude umher – was einem Lehrer aus Österreich nicht passt. Die Buben, sagt er, hätten an Türen seiner Schülerinnen geklopft. Jungen in Mädchenzimmer – das geht gar nicht! Und wird sofort unterbunden.
Helge Dörr erzählt, dass die Jugendlichen mitunter erfindungsreich seien, wenn es darum geht, in fremde Gemächer vorzudringen. Es sei schon vorgekommen, dass Schüler von außen über die Fenster von Zimmer zu Zimmer gestiegen seien – unbemerkt von den Lehrern, die froh gewesen seien, weil auf den Gängen alles ruhig war.
22 Uhr, die Sonne verabschiedet sich für heute. Die Lehrer machen einem letzten Kontrollgang. Alle Kinder sind dort, wo sie hingehören: in ihren Zimmer.
Am Morgen geben sich die Gäste wortkarg
Auch im TV-Raum kehrt nun Ruhe ein. Albrecht Eisemann zieht sich mit seiner Rentnergruppe zurück – am nächsten Morgen wollen die Männer auf ihrer Radtour durchs Ländle frisch und munter weiterfahren. Gegen 23 Uhr ist die Bar verwaist. Hanaa räumt noch ein bisschen auf und sagt dann: „Ich bin morgen um 15.45 Uhr wieder da.“ Toby und Reuben, die Teenager aus Brighton, schlafen zu diesem Zeitpunkt längst.
Der nächste Morgen. Als die ersten deutschen Schüler zum Frühstück schlendern, haben ihre französischen Eleven schon fast aufgegessen. Helge Dörr ist auch schon wieder im Dienst. Er erkundig sich an der rund um die Uhr besetzten Rezeption, wie die Nacht war. Die kurze Antwort: „Alles okay.“ Der Lehrer aus Österreich sammelt ein paar seiner Schüler vor dem Gebäude ein, die draußen Ball gespielt haben.
Die wenigen erwachsenen Gäste der Juhe sind an diesem Morgen wortkarg. Eine allein reisende Frau erzählt auf Nachfrage lediglich, dass sie Verwandte in Stuttgart besuche und in der Jugendherberge unterkomme, „weil das so preiswert ist“. Rund 40 Euro die Nacht, inklusive Frühstück.
Kurz vor neun Uhr. Albrecht Eisemann und seine Kumpels genießen noch einmal den Blick vom Balkon auf die Stuttgarter Dächer. Die Engländer Toby und Reuben sitzen derweil längst schon wieder auf ihren bepackten Rädern. Die Brüder haben vorab für die nächste Nacht ein Zimmer gebucht: in der Ulmer Jugendherberge.