Eine Jugendherber ist nichts für Warmduscher. Foto: Andia

1909 gründete der Lehrer Richard Schirrmann auf Burg Altena die erste Jugendherberge.

Dusche oder Katzenwäsche? Manchmal ist das nicht nur eine Frage der Reinlichkeit. An jenem Morgen ist es draußen nass und nebelig und kalt. Der Weg zu den Duschen führt aber über den Hof, und die Temperatur im Sanitärraum liegt im einstelligen Bereich. Also Katzenwäsche.

So ist das halt, wenn man auf einer Burg aus dem 12. Jahrhundert nächtigt. Erst recht, wenn die Zimmer zu einer Jugendherberge gehören und diese dazu noch die älteste ist in Deutschland, sozusagen die Mutter aller Jugendherbergen. "Wir wollen in unseren Burgzimmern gar keine Duschen einbauen", sagt der Herbergsleiter Dominic Six, "das ist eine Frage des Denkmalschutzes und des Gedenkens an den Gründungsvater. Wir wollen sein Erbe bewusst bewahren."

Willkommen auf Burg Altena im westfälischen Sauerland. Hinter diesen dicken Mauern hat der Lehrer Richard Schirrmann die erste Jugendherberge ins Leben gerufen. Aus der anfangs belächelten Idee ist eine hundertjährige Erfolgsgeschichte geworden, die im Jubiläumsjahr 2009 gebührend gefeiert wird.

Schirrmann war ein Frischluftfan, der "frischfröhliches Wandern als Gegengewicht für die Stubenhockerzeit ihrer Schuljahre" für seine Schüler für unabdingbar hielt. Es war im Sommer 1909, als er mit einer Gruppe eine achttägige Wanderung von Altena nach Aachen unternahm. Eines Abends zog ein Gewitter auf, und sie fanden nur ein notdürftiges Nachtlager auf Stroh. Bei Blitz und Donner kam Schirrmann der Gedanke, an "jedem wanderwichtigen Ort in Tagesmarschabständen" eine gastliche Jugendherberge zu errichten "zur Einkehr für die wanderfrohe Jugend Deutschlands ohne Unterschied".

Ohne Unterschied: Auch für weniger betuchte Schüler sollten die Herbergen erschwinglich sein. 1912 schaffte es der hartnäckige Lehrer auf Burg Altena hoch über der Stadt die erste Jugendherberge einzurichten. Die ursprünglichen Räumlichkeiten können noch im Originalzustand besichtigt werden. Wunderbar ist der Aufenthaltsraum mit seinen langen Tischreihen aus dunklem Holz – wie ein Rittersaal. Unterirdisch sind die Schlafsäle im muffigen Keller: kastenförmige Stockbetten, ein paar Holztruhen, das war alles. Die Matratzen sind mit Stroh gestopft, im Mädchenschlafsaal kann man Probe liegen. Immerhin gab es fließend kaltes Wasser. Die spartanische Einrichtung war jedoch ausdrücklich erwünscht, und es stand außer Frage, dass die Jugend bei allen anfallenden Arbeiten in die Pflicht genommen wurde: zum Kartoffelschälen, Abwaschen, Schlafsaalausfegen. Den schlotternden Gast des 21. Jahrhunderts angesichts des ungemütlichen Wegs zur Hygiene hätte Schirrmann wohl mit erhobenem Zeigefinger zurecht gewiesen: "Eine dargebotene Badegelegenheit ist wahrzunehmen."

1914 gab es in Deutschland bereits 535 Jugendherbergen, in den 30er-Jahren waren es mehr als 2.000, heute sind es knapp 560, und weltweit werden rund 4.000 gezählt. Bejubelt wird heute vor allem, was sich verändert hat. Die Zeiten von Hagebuttentee in Blechkannen, Spüldienst und kratzigen Wolldecken mit der Aufschrift "Fußende" und einer Anleitung zum richtigen Falten sind Geschichte. Das ange-staubte Image ist "modernen Qualitätsstandards" gewichen, wie Dominic Six es ausdrückt. So gibt es beim Frühstücksbüffet auf Burg Altena alles, was das Herz begehrt. Nur keinen Hagebuttentee. Auch wird die Butter anschließend nicht mehr zur Wiederverwendung zusammengekratzt. Die Hygienevorschriften heutzutage sind streng. Deshalb darf die Küche nur vom Personal betreten werden. Deshalb ist der Spüldienst abgeschafft. Dominic Six rollt die Augen: "Spüldienst, gerne als Strafarbeit missbraucht, bedeutete immer viel Bruch und wenig Sauberkeit."

Hundert Jahre Schnarchgemeinschaft

Dennoch weht gerade auf Burg Altena noch viel vom alten Geist der Juhes. Selbstverständlich am Platz: die obligatorische Tischtennisplatte. Und während sich in größeren Städten und moderneren Herbergen Internet-Terminals, Zimmer mit Dusche, eine Lounge und manchmal auch eine 24-Stunden-Rezeption als Standards etablieren, beschränkt sich die technische Ausstattung in Altena auf einen Fernseher, die Rezeption ist nur drei Stunden am Tag besetzt und die Luft im 14-Bett-Schlafsaal mag man sich bei voller Belegung eigentlich gar nicht vorstellen. Weil die Duschen ja – sagen wir mal – so schwer erreichbar sind.

Ob mitten im Zentrum einer Stadt, in Fußreichweite von Sehenswürdigkeiten, ob auf einer Burg, einem Schiff oder in einem Naturpark – Jugendherbergen sind immer dort, wo Deutschland am schönsten ist. Altena punktet mit seinem Burgcharme. In den Sommermonaten kann man draußen an Tischen aus riesigen Mühlsteinen tafeln. Burggespenst spielt Dominic Six nicht, dafür gibt es Fledermäuse. In einem der Zimmer flattern sie überdimensional an Decken und Wänden, in einem anderen lassen sich Knappen zum Ritter ausbilden. Und dann ist da ja noch die restliche Burganlage – ideal für nächtliche Gruselausflüge.

Gestern wie heute: Die Betten beziehen und abziehen muss nach wie vor jeder selbst, in allen Juhes. Und sein Geschirr abräumen. "Das", sagt Knut Dinter vom Deutschen Jugendherbergswerk (DJH), "sind die kleinen erzieherischen Maßnahmen, an denen wir bewusst festhalten." Endgültig vorbei sind jedoch die Zeiten des strengen, grimmigen Herbergsvaters, der unerbittlich jeden Fehltritt überwacht. Der frühmorgens "Im Frühtau zu Berge" intonierend durch die Flure stapfte. Aus dem Radio schmettert heute die Rockröhre Pink ihre Hits, als der gelernte Bäcker Six erzählt, dass er sich selbst gerne Herbergsvater nennt, weil das dem engen Kontakt zu seinen Gästen entspricht, aber auch aus Tradition und Verbundenheit zu einem Beruf, der doch etwas Besonderes sei: Schließlich gibt es ihn nur 560 Mal in Deutschland.

Vorbei sind die Zeiten, als motorisiert Reisende entweder die Kiste weit weg parkten oder hochkant aus der Jugendherberge flogen, weil diese nur Wanderern und Radfahrern vorbehalten war. Vorbei ist allerdings auch die Zeit, als es immer ein Zimmer gab für spontane Wandergäste, das nicht reserviert werden konnte. "Eine Jugendherberge muss heute wie ein Unternehmen wirtschaften", sagt Six. War früher das Spielen eines Musikinstruments Einstellungsvoraussetzung für einen Herbergsvater, sind es heute eher Managementkenntnisse.

"100 Jahre sind ein guter Anfang", überschreibt das DJH das Jubiläumsjahr. Trotz allen Wandels soll die zentrale Idee der Jugendherberge bestehen bleiben: Gemeinschaft, Toleranz und Verständnis (er)leben. Darum, so Dinter, wird an Mehrbettzimmern weiterhin festgehalten – vier bis sechs Betten sind heute die Regel. "Hotelstandard ist nicht unser Ziel." Dafür bieten viele Jugendherbergen eigene Profile (Umwelt, Kultur, Sport, Familien, internationale Begegnung), ein umfangreiches Jugend- und Familienferienprogramm mit Aktivitäten wie Wandern und Radeln, Zirkusprojekten und Hochseilgärten, Reiten oder Wassersport. Diesen Sommer erwartet das DJH das zweimillionste Mitglied. Geduscht oder ungeduscht – das ist in dem Fall ausnahmsweise nachrangig.

Info Mitgliedschaft: Um in einer Jugendherberge übernachten zu können, braucht man einen Jugendherbergsausweis. Die Mitgliedschaft kostet 21 Euro im Jahr, Familien zahlen den gleichen Preis. Junioren unter 27 Jahren 12,50 Euro. Für Schulen und Vereine gibt es Sondertarife. Eine Übernachtung mit Frühstück kostet rund 20 Euro, Halb- und Vollpension kommen extra dazu.

Burg Altena: In der mächtigen Burganlage gibt es neben der Jugendherberge das Museum Weltjugendherberge (erste JH im Originalzustand), das Museum der Grafschaft Mark sowie das Burgrestaurant Kastell. Die Jugendherberge (Fritz-Thomée-Str. 80, 58762 Altena, Telefon 0 23 52 / 2 35 22, http://www.djh-wl.de/burg.altena) verfügt über 36 Betten in der Burg und über 24 Betten in einer Jugendstilvilla direkt unterhalb der Anlage.

Auskunft über alle Juhes in Deutschland, Profile und Ferienprogramme beim Deutschen Jugendherbergswerk, Tel. 052 31 / 740 10, http://www.jugendherberge.de.

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