„In diesem Haus gehört mehr dazu, als nur zu sagen, ich mache Jugendarbeit, man muss politisch sein“, sagt der scheidende Jugendhausleiter Peter Hauser. Foto: Eva Herschmann

Vom Zivi zum Fellbacher Jugendhausleiter: Nach fast 45 Jahren pädagogischer Arbeit geht Peter Hauser aus Tirol Ende des Monats in so etwas wie einen Teilzeitruhestand. Noch ist kein Nachfolger für ihn in Sicht.

Fellbach - In dem Jahr, in dem Peter Hauser 22-jährig aus Matrei in Osttirol nach Fellbach kam, wurde in Deutschland das Alter der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre gesenkt, und der Vietnamkrieg ging zu Ende. Jetzt ist er 65 Jahre und noch immer in der Stadt unterm Kappelberg, jener schwäbischen Erhebung, die so gar nichts gemein hat mit den Bergen seiner Heimat. 1975 hatte er als langhaariger Zivildienstleistender, zumeist in bunten Kaftans gekleidet, im Fellbacher Jugendhaus begonnen. Nach fast 45 Jahren sozial- und theaterpädagogischer Arbeit geht Peter Hauser zum 31. Januar als Jugendhausleiter in den Ruhestand, bleibt der Stadt aber als Theatermacher, Autor und Regisseur erhalten.

1974 bekamen Fellbachs Jugendliche einen zum Abriss bestimmten Altbau in der Kirchhofstraße von der Stadt zur Verfügung gestellt. Eigentlich hatten sie ihr Haus autonom verwalten wollen. Doch sie mussten Zugeständnisse machen. Die Stadt setzte ihnen als Leiter den Jesuiten-Pater Sigmund Kripp, Begründer des bekannten Innsbrucker Jugendzentrums John-F.-Kennedy-Haus, hinein. Pater Kripp, wie ihn alle nannten, setzte auf eine „Pädagogik ohne Belehrung“, förderte kritische Reflexion und Diskurse sowie konsequente demokratische Selbstverwaltung.

Peter Hauser: „Ich habe das Jugendhaus gesehen, und mein Herz ging auf“

Sigmund Kripp und Peter Hauser hatten sich in Innsbruck kennengelernt. „Er rief mich nachts um halb zwölf Uhr an und meinte, er brauche vertraute Klänge“, erzählt Hauser. Er folgte dem Ruf seines „Patrones“, wie er ihn nennt. Mit einem Koffer, in dem er, warum auch immer, einen Briefbeschwerer, einen Locher und einen Kugelschreiber hatte, begann er seinen Zivildienst in Fellbach. Das Haus, in dem Jugendliche Thekendienst in der Teestube machten, mit ihren Bands im Keller probten, künstlerisch kreativ waren, eine eigene Zeitung herausbrachten und in die Friedensforschungsgruppe gingen, taugte dem jungen Zivi sofort. „Ich habe das Jugendhaus gesehen, und mein Herz ging auf“, schwärmt er noch heute von den „dynamischen, schönen Anfangsjahren“.

Peter Hauser kommt aus einer Arbeiterfamilie, ging auf eine Benediktinerschule, in der Prügelstrafen an der Tagesordnung waren. Er hat eine abgeschlossene „Verlegenheitsausbildung“ als Apothekenhelfer, vier Semester Theologie studiert und an der Fachschule für Sozialarbeit in Wien gelernt. „Ich gehöre zu den Pädagogen aus Überzeugung, die die 68er ernst genommen haben.“ Schon früh hat Hauser Theater gemacht und seinen inneren Widerstand nach außen gekehrt. Nicht umsonst hätten seine Theaterstücke häufig mit dem Thema Gewalt und Autorität zu tun, sagt er. Dass er in Fellbach mit seiner direkten, unangepassten Art nicht aneckte, mag verwundern. Es hängt indes mit seiner inneren Unabhängigkeit zusammen, die es zuließ, auch den für ihn eigentlich in der falschen Partei verorteten damaligen Oberbürgermeister Guntram Palm als „offen und souverän“ zu erkennen. „Mein Vorteil war, dass ich von außen gekommen bin und zu keiner Seilschaft gehört habe.“

Der Umzug von Tirol nach Fellbach entpuppte sich als Glücksfall

Was für seine Tiroler Eltern eine Katastrophe war, der Wegzug des Buben hinter den Brenner, nach Deutschland, entpuppte sich für Peter Hauser als Glücksfall. Nicht nur weil er sich hier auch als freier Autor – etwa der Fernsehkinderserie „Fabbrixx“ einen Namen machte. „Ich habe nie Heimweh gehabt, nur das Skifahren und das Berggehen habe ich vermisst, aber das habe ich eben im Urlaub nachgeholt“, sagt Peter Hauser, der österreichischer Staatsbürger geblieben ist. Hier sei er Migrant, in seiner Heimat Tourist, ergänzt er augenzwinkernd. „So um 1980 herum wollte ich eigentlich wieder gehen, aber dann kam die Ebersberger Sägemühle dazwischen“, erzählt er. Die Außenstelle des Jugendhauses habe es ja schließlich nur gegeben, weil die Theatermacher mit ihren Jugendlichen überall hinausgeflogen sind. „Wenn ich sehe, was die Sägemühle heute ist, bin ich schon stolz.“

Peter Hauser ist länger geblieben, als er eigentlich wollte. In Fellbach sowieso, aber auch auf dem Chefposten im Jugendhaus. Beides hat er gerne und aus freien Stücken getan. Die Geschichte der Jugendarbeit und der Kulturarbeit mit Kinder und Jugendlichen in Fellbach ist zu großen Stücken seine Geschichte. Ebenso wie die des Jugendhauses zu ihm gehört. Peter Hauser und die Fellbacher, nicht nur die Jugendlichen, haben sich perfekt ergänzt. „Ich habe hier eine Chance und Bühne bekommen, auf der ich viele Ideen umsetzen konnte“, sagt Peter Hauser. Dankbarkeit schwingt in seiner Stimme mit. Auch für die vielen Freundschaften, die vielen Menschen, die seinen Weg von Anfang an begleiteten, ist er dankbar.

Mit der Suche nach einem Nachfolger tut sich die Stadtverwaltung schwer

Nicht nur im Theater im Polygon war und ist Peter Hauser bestrebt, aus jedem Menschen das Beste herauszuholen. Oft genug ist ihm das gelungen. „In diesem Haus gehört mehr dazu, als nur zu sagen, ich mache Jugendarbeit, man muss politisch sein“, sagt der scheidende Jugendhausleiter. Vielleicht auch daher ist noch kein Nachfolger für ihn in Sicht. Fellbachs Erster Bürgermeister Johannes Berner und der designierte Leiter des Amtes für Bildung, Familie, Jugend und Sport, Stephan Gugeller-Schmieg, geben zu, dass sie sich mit der Suche schwertun. Gemeinhin wird von großen Fußstapfen gesprochen, die der Vorgänger hinterlassen hat. Peter Hausers Persönlichkeit ist raumfüllend.

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