Der Rohbau der Waiblinger Jugendfarm steht. Foto: Gottfried Stoppel

Die Unterkünfte für die tierischen Bewohner der Jugendfarm Waiblingen sind längst fertig – nun nimmt das Holzhaus für die Menschen Gestalt an. Für seine Belebung gibt es einige Ideen – dazu gehört ein inklusives Projekt.

Die Hasen, Meerschweinchen und Hühner haben auf der Waiblinger Jugendfarm schon seit ihrem Einzug vor drei Jahren ein gemütliches Zuhause. Auf dem Finkenberg stehen für die vierbeinigen Bewohner mehrere Ställe nebst gut gefüllter Futterkammer parat. Die Zweibeiner, die sich auf dem rund acht Hektar großen ehemaligen Deponiegelände tummeln, haben es längst nicht so kommod – noch nicht.

 

Doch der Waiblinger Zimmermeister Michael Fessmann und sein Team sorgen dieser Tage dafür, dass sich das ändert: Gleich beim Eingang zur Jugendfarm haben sie in den vergangenen Wochen viele Fertigteile aus Konstruktionsvollholz zu einem zweigeschossigen Farmhaus in Holzständerbauweise montiert, in dem nun das Richtfest gefeiert werden konnte.

Vor 19 Jahren hat sich der Jugendfarmverein gegründet

Die Jugendfarm koste „en Haufa Geld“, sagte der Oberbürgermeister Sebastian Wolf bei der Feier. Dieses sei aber „sehr, sehr gut investiert“ und komme einem ganz besonderen Ort zugute. „800 000 Euro sind eine Menge Geld“, bestätigte Peter Beck vom Jugendfarm-Verein Waiblingen und versicherte, man werde alles versuchen, um mit diesem Betrag zurechtzukommen. Dazu tragen laut Beck nicht nur ehrenamtliche Bauhelfer bei, sondern auch die beauftragten Handwerker: „Das sind Leute, die ein soziales Herz haben und vernünftige Preise anbieten.“

Dass Waiblingen eine Jugendfarm hat, sei nur möglich, weil der Gemeinderat hinter dem Projekt stehe, betonte Beck. Der Verein wiederum musste einen langen Atem beweisen – seit seiner Gründung mit dem Ziel, eine Jugendfarm zu etablieren, sind inzwischen fast 19 Jahre vergangen. „Einige Male waren wir kurz davor, den Verein zu schließen“, erzählt Peter Beck.

Von der Jugendfarm zur Generationenfarm

Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt. „Die Wände werden jetzt noch von außen gedämmt“, erklärt Michael Fessmann die nächsten Arbeitsschritte am rund 15 Meter langen und zehn Meter breiten Gebäude. Pro Stockwerk bietet es künftig geräumige 120 Quadratmeter Fläche für junge und ältere Besucher sowie die Mitglieder des Jugendfarm-Vereins. Letztere müssen noch manche Arbeitsstunde ableisten. Aus Kostengründen plant der Verein, wie schon beim Bau der Ställe, einen Teil des Innenausbaus in Eigenleistung zu stemmen.

Peter Beck schätzt, dass die Toiletten, der Seminarraum mit Beamer und Leinwand, die Spiel-, Bewegungs- und Aufenthaltsräume, das Büro sowie die geräumige Küche erst im Frühjahr 2026 komplett fertiggestellt sind. Dass die Küche ein großes Fenster und eine Theke bekommt, hat seinen Grund: Hier soll die Außenbedienung des inklusiven Cafés vonstatten gehen, von dem Peter Beck ebenfalls schon seit Jahren träumt: „Längerfristig sollen hier Menschen mit Behinderung arbeiten.“ Mit dem Café-Betrieb an sich hat der Verein schon erste Erfahrungen gesammelt. Diese vier Nachmittage seien ein Erfolg gewesen, berichtet Peter Beck: „Es herrschte eine friedvolle Stimmung.“

Gemeinschaft werde auf dem Gelände groß geschrieben, sagt Peter Beck: „Wir sind als Jugendfarm gestartet, aber durch Projekte wie die urbanen Gärten kommen viele ältere Leute. Insofern ist es eine Generationenfarm und meines Wissens einzigartig.“

Schafe, Ziegen und ein Rehkitz

Marion Zolldann und Peter Beck mit den Schafen der Jugendfarm Foto: Gottfried Stoppel

Die auf der Jugendfarm tätige Sozialarbeiterin Karin Ortlieb ist bei der Stadt angestellt, langfristig will die Kommune aber dem Jugendfarmverein das Personal übertragen. Bereits jetzt ist Marion Zolldann beim Verein angestellt, sie kümmert sich um die Kleintiere sowie die 14 Schafe und drei Ziegen auf der Jugendfarm. Derzeit hat sie noch ein weiteres Tier zu betreuen: ein männliches Rehkitz, das verletzt gefunden und abgegeben wurde. Damit es seine Scheu vor Menschen möglichst nicht verliert, wird es abgeschirmt. In die freie Wildbahn kann der Rehbock zwar nicht zurückkehren, sich aber auf dem weitläufigen Gelände der Jugendfarm niederlassen. Eine potenzielle Gefährtin gebe es da schon, sagt Peter Beck – ein weibliches Reh, das den Finkenberg bereits als Heimat auserkoren hat.

Mehr Informationen zum Projekt unter: www.jugendfarm-waiblingen.de

Der lange Weg zur Jugendfarm

Anfänge
 Den Anstoß zu einer Jugendfarm in Waiblingen hat im Jahr 2006 ein Antrag der Gemeinderatsfraktion Alternative Liste gegeben. Wenig später sprach sich eine Mehrheit des Gemeinderats für eine Machbarkeitsstudie aus, aufgrund der die Stadt die Gründung eines Trägervereins in die Wege leitete.

Probleme
Lange Zeit kam das Jugendfarm-Projekt nur langsam voran. Gründe dafür waren eine langwierige Standortsuche, aus Sicht des Vereins auch das Finanzierungskonzept der Stadt. Dieses sah vor, dass der Verein mit knapp 100 Mitgliedern die Hälfte des für den Aufbau der Farm benötigten Geldes aufbringen müsse. Die Stadt wollte die gleiche Summe beisteuern.

Vertrag
Ende 2019 haben sich der Jugendfarm-Verein und die Stadt Waiblingen darauf geeinigt, dass die Kommune 95 Prozent der Betriebskosten übernimmt. An den Kosten für Investitionen beteiligt sich der Verein. Die Stadt Waiblingen bringt sich in der gleichen Höhe ein und beteiligt sich an den Restkosten mit einem Zuschuss in Höhe von 95 Prozent. Der Verein ist Träger der Farm und für Pflege des Geländes, der Tiere und der Gebäude zuständig.