Der Denkendorfer Gemeinderat billigt erste Anträge aus dem Jugendbeteiligungsprojekt „Jugend entscheidet“. Sie sollen 2023 umgesetzt werden.
Als eine von deutschlandweit zehn Kommunen und einzige Gemeinde in Baden-Württemberg wurde Denkendorf aus mehr als 150 Bewerbungen für das Programm „Jugend entscheidet“ der gemeinnützigen Hertie-Stiftung ausgewählt. Das Motto heißt „Politik, die sich was traut“. Seit dem Startschuss im Frühjahr hat sich viel getan: Bei Thementagen, die der Verein „Politik zum Anfassen“ moderierte, trafen sich im Juli rund 60 junge Menschen zwischen zwölf und 17 Jahren im Kinder- und Jugendzentrum Focus, um nicht nur einen Crashkurs in Kommunalpolitik zu durchlaufen, sondern auch ganz konkrete Ideen, Vorschläge und Projekte zu erarbeiten und zu diskutieren. Zwölf verschiedene Anträge wurden formuliert und in einer fiktiven Ratssitzung präsentiert. Begleitet wurden sie dabei unter anderem von Gemeinderäten. Auch ein kommunales Team, an dem unter anderem Vertreterinnen und Vertreter des Focus und der Schulsozialarbeit beteiligt sind, hat sich gebildet. Es begleitet das Projekt.
Die Anträge der Jugendlichen wurden von der Gemeindeverwaltung geprüft und überarbeitet. In einer Nachfolgeveranstaltung im Oktober erarbeiteten die Jugendlichen daraus dann drei Anträge, die nun dem Gemeinderat zur Entscheidung vorgelegt wurden. Zwei davon – die Erstellung einer Graffitiwand und die Erneuerung der Skateranlage – können im nächsten Jahr und damit rasch realisiert werden. Die Steigerung der Attraktivität des Denkendorfer Freibads muss noch etwas warten.
Wie in der „richtigen“ Politik begründeten die Jugendlichen vor dem Gemeinderat ihre Anliegen. Die Graffitiwand, die bei der Skateranlage hinter dem Focus entstehen soll, könne die Kreativität fördern und würde illegales Sprayen verhindern, so die Argumente. Ein freiwilliges Team, das über das Focus organisiert wird, soll sich um die Wand kümmern, Farben bekommt man unter anderem im Jugendzentrum. Die Gemeinde rechnet mit Kosten von rund 15 000 Euro.
Mit etwa 130 000 Euro wird die Erneuerung der Skateranlage erheblich teurer. Der Parcours ist nicht mehr in allzu gutem Zustand. Die Elemente sollen ausgetauscht, die Anlage aber nicht wie ursprünglich von den Jugendlichen gewünscht, vergrößert werden. Statt Rampen aus Glasfaser sollen Elemente aus Beton installiert werden, die weniger laut und auch langlebiger sind. Die genaue Ausgestaltung will man mit den Jugendlichen absprechen. Dafür soll es Anfang des nächsten Jahres Workshops geben. Im Prozess haben die jungen Menschen auch gelernt, Kompromisse zu schließen. Fürs Freibad hatten sich die Jugendlichen eigentlich ein zusätzliches Becken mit zwei Rutschen gewünscht. Allerdings wurde ihnen bald klar, dass dies zu teuer werden würde. Stattdessen machten sie Vorschläge, wie das Freibad trotzdem attraktiver werden könnte: Baden bei Nacht mit beleuchteten Becken, ein Parcours oder eine Kletterwand im Wasser und längere Öffnungszeiten in den Abend hinein stehen nun auf der Liste. Einzelne Ideen könne man bei Veranstaltungen in der kommenden Freibadsaison berücksichtigen, kündigte der Bürgermeister Ralf Barth an.
Barth ist stolz auf das Engagement der jungen Denkendorfer. „Man bekommt eine ganz andere Sichtweise auf Themen, wenn Jugendliche mitmachen“, sagte er. Und auch von den Gemeinderäten gab es viel Lob. Johannes Henzler (SPD) ist begeistert, „wie viele mitgemacht haben und welch gute und attraktive Sachen rausgekommen sind“. Peter Nester, Vorsitzender der CDU-Fraktion, gefällt vor allem auch deren Sinn für Realität. „Sie haben ein Gefühl dafür, was geht und was nicht“, meinte er mit Blick auf das Thema Freibad. Dem Gemeinderat ist es ernst mit der Jugendbeteiligung: „Das soll keine Alibi-Beteiligung sein. Wir wollen ein Zeichen setzen, dass sich Engagement lohnt“, sagte Wolfgang Schabert (FWV), der sogar hofft, dass einige der jungen Menschen einmal selbst im Gemeinderat sitzen werden.
Zwar findet das Projekt „Jugend entscheidet“ mit der Einweihung von Skateranlage und Graffitiwand seinen Abschluss. Doch es sollen sich nachhaltige Strukturen bilden, betonte Barth. Wie diese genau aussehen können, darüber mache sich das kommunale Team Gedanken. Ihm ist es wichtig, „dass die Jugend mitentscheidet, was vor der eigenen Haustür passiert“, oder flapsig ausgedrückt: „Nur wer mitmacht, darf hinterher motzen.“
Für Vertrauen in die Demokratie
Programm
Unter dem Motto „Politik, die sich was traut“ sollen junge Menschen ermutigt werden, sich politisch zu beteiligen. Sie sollen lernen, dass es sich lohnt, sich vor Ort für die Demokratie einzusetzen und dadurch Vertrauen in die Demokratie gewinnen. Durch die Auswahl für das Projekt bekam die Gemeinde Denkendorf professionelle Begleitung und einen Sachkostenzuschuss von 5000 Euro.
Beteiligung
Eine Beteiligung junger Menschen an kommunalpolitischen Fragen ist nicht ganz neu in Denkendorf. Erste Ansätze gab es bei den Kommunalwahlen 2014 und 2019 in Form einer Podiumsdiskussion und Wahlwünschen, die Jugendliche dem Gemeinderat übergaben. Auch bei der Bürgermeisterwahl 2018 präsentierten sich die Kandidierenden eigens vor Jugendlichen. Allerdings mündete dies damals nicht in einen dauerhaften Austausch.