Nach einem tragischen Schicksal wollte ein Paar aus dem Landkreis Ludwigsburg einem Pflegekind ein Zuhause geben. Jetzt wurde ihm das Kleinkind entrissen, die Familie wehrt sich.
Die Frage nach dem Warum zermürbt. Immer wieder ist da diese eine Frage: Warum wurde Linus aus der Familie genommen, warum wurde er Eltern und Schwester entrissen. Von jetzt auf gleich hatte das Jugendamt das Kleinkind aus der Familie genommen. Warum? Keine Antwort zu bekommen, diese Ungewissheit, „das ist schlimm“, sagt der Pflegevater Stefan Maier. Er und seine Frau sind verzweifelt. Zum Schutz der Kinder sind in diesem Text alle Namen geändert.
Das Kinderbett ist leer. Dabei schien das Glück in der Familie nach dem Schicksalsschlag zurück zu sein, als Martina und Stefan Maier im November 2024 ein fünf Monate altes Pflegekind aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt sind Martina und Stefan Maier bereits Eltern. Sie hatten Drillinge erwartet, zwei von ihnen schafften es jedoch nicht ins Leben. Nun wollte die kleine Familie aus dem Landkreis Ludwigsburg ihr Leben auch mit einem Pflegekind teilen. Sie nahmen Linus bei sich zu Hause auf, der in eine zerrüttete Familie geboren worden war. Das Jugendamt soll das Kind dort sehr früh weggenommen haben.
Das Jugendamt bittet die Pflegeeltern, ein Baby als Pflegekind aufzunehmen
Die Maiers sind grundsätzlich vorbereitet. Sie hatten wenige Monate zuvor eine Pflegeschulung im Landratsamt erfolgreich absolviert, als sich im Sommer 2024 das Jugendamt meldete mit der dringenden Bitte, doch ein Baby aufzunehmen.
Ein halbes Jahr lang lebt Linus in der Familie Maier, die in dieser Zeit weitgehend auf sich selbst gestellt ist. Der Vormund sei einmal bei ihnen gewesen, der Pflegekinderdienst drei Mal. „Innerhalb der fast sechs Monate hatten wir nie ein Gespräch mit einem Jugendamtsmitarbeiter, aus dem hervorging, dass wir etwas falsch gemacht hätten.“ Insgesamt waren die Kontakte zwischen Eltern und Behörden selten.
Für die Behörden war offenbar zunächst alles in Ordnung – bis Anfang April dieses Jahres. „Ohne dass wir bis heute einen wahren Grund kennen, wurde das Pflegekind ohne Vorgespräche aus unserer Familie genommen“, sagt Martina Maier über den 9. April. Das Datum hat sich ihnen eingebrannt. Es ist der Tag, an dem für sie eine Welt zusammengebrochen ist. Erst viel später erfahren sie, dass das Jugendamt die Sicherheit des Kindes in der Familie nicht mehr gegeben sah.
Die Pflegeeltern reagieren darauf mit deutlichen Worten. Die Gründe, die für die Herausnahme genannt wurden, entsprächen nicht der Wahrheit. „Die Gründe wurden zusammengezaubert, um Linus uns wegzunehmen“, sagt Martina Maier. Sie und ihr Mann untermauern ihre Aussagen mit einer eidesstattlichen Versicherung – wissend, dass Falschaussagen strafbar sind. Darin heißt es: Von Seiten des Jugendamtes seien Falschaussagen angeführt worden, um die Richtigkeit und Entscheidung der Herausnahme ins rechte Licht zu stellen.
Das Ehepaar fühlte sich überrumpelt, zumal das Jugendamt bis zuletzt nichts zu bemängeln gehabt habe. „Wir wurden behandelt wie Kriminelle“, sagt Stefan Maier, der beruflich Polizeibeamter ist. Rasch machte die Nachricht die Runde, dass Linus weg ist. Im Wohnort, auch an seiner Arbeitsstätte. „Wir schämen uns“, sagt der Vater. Er spricht von Stigmatisierung. Weil ausgerechnet er, der schon von Berufs wegen in besonderem Maße für Recht und Ordnung einzustehen hat, ein Kind schlecht behandelt haben soll. In dieser Situation zieht sich das Ehepaar zunächst zurück. Aber dann machen sie sich klar: „Wir haben uns nichts vorzuwerfen.“
Die Pflegeeltern erstatten Strafanzeige gegen das Jugendamt Ludwigsburg
Sie geben ihre Zurückhaltung auf und wehren sich. Inzwischen sind Gerichte am Zug. Zunächst ging es Familie Maier vor allem darum, das Kind zurückzubekommen. Mittlerweile, viele Schriftsätze und Gerichtsverhandlungen später, geht es den Eltern nicht mehr nur darum, Linus gute Pflegeeltern sein zu wollen. Im gleichen Maße wollen sie ihren Ruf wiederhergestellt wissen. Sie haben Strafanzeige erstattet unter anderem gegen Mitarbeiter des Jugendamtes.
Martina und Stefan Maier können nach wie vor nur spekulieren, was ihnen die Behörden vorwerfen. Die Gerichtsbeschlüsse geben zumindest Hinweise auf die Argumentation des Jugendamts.
Kinderschutz: Die Gerichte stützen sich auf den Bericht des Jugendamtes Ludwigsburg
Den Pflegeeltern wurde demnach unter anderem „eine eingeschränkte Feinfühligkeit im Umgang mit dem Kind, eine unzureichend ausgeprägte Bindung sowie eine durchgängig wahrnehmbare emotionale Übererregung seitens der Pflegemutter“ bescheinigt, wie es das Amtsgericht Ludwigsburg und das Oberlandesgericht Stuttgart formulieren. Die Gerichte stützen sich auf den Bericht des Jugendamtes. Das Amt wiederum beruft sich laut dem Oberlandesgericht auf „mündliche Stellungnahmen und Warnungen“ der Ärzte. Gleichwohl stellt das Oberlandesgericht fest, dass „keine schriftlichen ärztlichen Berichte vorliegen, die zu Beanstandungen Anlass gäben“.
Die zentrale Frage der Pflegeeltern bleibt unbeantwortet: Warum? „Vielleicht haben wir zu viel Engagement reingelegt?“ Sie wissen es nicht. Das direkte Gespräch mit dem Jugendamt gestaltet sich schwierig, Welten prallen aufeinander. Martina und Stefan Maier stehen vor einer Mauer des Schweigens, so empfinden sie die Situation.
Datenschutz blockiert Antworten des Jugendamts Ludwigsburg: Amtsvormund verweigert Auskunft
Die Kreisbehörde in Ludwigsburg schweigt auf Anfrage unserer Zeitung mit Verweis auf den Datenschutz. Eine Entbindung von der gesetzlichen Schweigepflicht könne nur durch den gesetzlichen Vertreter des Kindes erfolgen. „In diesem Fall wurde eine solche Entbindung jedoch verweigert“, teilt der Behördensprecher mit. Gesetzlicher Vertreter ist hier der Amtsvormund – eine beim Jugendamt tätige Person, die vom Familiengericht mit der Vormundschaft betraut wurde. Die Arbeit des Amtsvormunds unterliegt ausschließlich der Aufsicht des Familiengerichts.
Sieht das Jugendamt das Kindeswohl gefährdet, nimmt es in einem allerletzten Schritt das Kind aus der Pflegefamilie – wenn zuvor Maßnahmen wie Beratung und Unterstützung durch Fachkräfte des Pflegekinderdienstes und andere Experten erfolglos geblieben sind.
Die Pflegeeltern wollen freigesprochen werden von den Vorwürfen
Die Maiers sind fix und fertig: „Das Jugendamt hat ein Stück weit unsere Familie zerstört.“ Sie wenden all ihre Kräfte auf, um in dieser Situation eine sogenannte Amtshaftungsklage anzustrengen, also ihre Möglichkeit zu nutzen, um nach einem ihrer Ansicht nach rechtswidrigen und schuldhaften Handeln der Behörde Ersatz für den erlittenen Schaden zu fordern: Sie wollen freigesprochen werden von all den Vorwürfen. Doch das kostet Geld, das sie immer weniger haben, je länger sie für ihre Rehabilitierung kämpfen.
„Wir wollen, dass jemand feststellt, dass das, was am 9. April passiert ist, auf Lügen basiert“, sagt Martina Maier. Und dass offenbar das Amt für seine Argumentation zumindest fragwürdige Belege anführte.
Mittlerweile haben sich die Maiers hilfesuchend per Mail auch an den Landrat Dietmar Allgaier gewandt, außerdem ging die Mail an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und die Fachreferentin für Kinderschutz und Jugendhilfe im Bundesfamilienministerium.
Als einzige Erinnerung bleiben den Pflegeeltern Fotos
Darin formuliert das Ehepaar seine Vorwürfe und fordert den Landrat auf, anzuordnen, dass Linus bis zum Abschluss der Gerichtsverfahren dort bleibt, wo er jetzt ist – in einer temporären Pflegefamilie. Das Jugendamt hat den Maiers zufolge bereits eine neue dauerhafte Pflegefamilie gefunden.
Wo der kleine Junge jetzt ist, wissen Martina und Stefan Maier. Kontakt zu ihm haben sie aber nicht. Ihnen bleiben nur die Fotos eines lachenden Jungen aus einer kurzen, glücklichen Zeit zu viert.