Die Jugendämter im Land rechnen damit, dass die Spannung in den Familien steigen angesichts der andauernden Unsicherheit durch die Corona-Krise. Noch schlägt sich das nicht in Fallzahlen nieder. Ist das die Ruhe vor dem Sturm – oder hat das andere Gründe?
Heilbronn - Es ist zurzeit ruhig in der Beratungsstelle für Familie und Erziehung (BFE) in Heilbronn – zu ruhig für Petra Köllings Geschmack. „Das macht uns umso besorgter“, sagt die Leiterin des BFE. Die sonst Alarm schlagen, wenn ihnen Kinder und Jugendliche auffällig erscheinen, können das gerade nicht. Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter in Jugendhäusern, Schulen oder Horten: Sie alle bekommen ihre Schützlinge derzeit wegen der Corona-Pandemie nicht zu Gesicht. Kölling befürchtet, da braue sich in aller Ruhe etwas zusammen. Das BFE hat deshalb unter der Nummer 0 71 31 / 56 41 57 eine „Helpline“ für Kinder und Jugendliche eingerichtet, denen die familiäre Situation zu schaffen macht.
Bisher haben sich vor allem Jugendliche gemeldet, denen daheim allmählich die Decke auf den Kopf fällt, die ihre Freunde vermissen und denen die Eltern auf die Nerven gehen, wenn sie sich etwa einmischen in die Schularbeiten. Auch Auseinandersetzungen mit Eltern und Geschwistern seien angesprochen worden – der Lagerkoller wächst offenbar.
Neben der sozialen Isolation und dem Wegfallen des Alltags wegen der Corona-Krise läuft laut Kölling „zurzeit noch eine große eigene Spur mit“, die das Leben auch der jüngeren Familienmitglieder erschwere: die Sorge der Eltern um den Arbeitsplatz, die Belastung durch das Arbeiten im Homeoffice, womöglich die Angst, dass die Großeltern erkranken könnten – für viele eine drückend schwere Last. „Deshalb melden sich bei uns zurzeit auch Familien, die sonst nicht in Bedrängnis kommen.“ Wie die Mutter von drei temperamentvollen Kindern und ihr Mann, der nun auch noch in der beengten Wohnung sein Homeoffice eingerichtet hat, Telefonkonferenzen führen muss – und deshalb Ruhe braucht. Diese Frau „war am Rande ihrer Nerven“, so Kölling.
„Wir befürchten, dass die Zahlen steigen könnten“
Die Heilbronner Psychologin ist nicht allein mit der Sorge um die Familien im Land. Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAG), Lorenz Bahr, sagte dieser Tage zur Nachrichtenagentur dpa: „Wir haben schon die Wahrnehmung, dass es einen Anstieg von Inobhutnahmen im städtischen Umfeld gibt.“ Darunter versteht man die vorläufige Unterbringung eines Kindes in einer Notsituation durch das Jugendamt. Zahlen gebe es aber noch nicht. Im Land hätten die Jugendämter „noch keine signifikante Erhöhung“ zu verzeichnen, sagt Kristina Reisinger, Sprecherin des Kommunalverbands für Jugend und Soziales im Land. Aber „wir befürchten, dass die Zahlen ansteigen könnten“.
Zusatzbetten für Kinder in Not
Das Stuttgarter Jugendamt ist schon gewappnet für den Fall der Fälle. So wurden bereits städtische Kindertagesstätten festgelegt, die über Schlafplätze verfügen und sich für eine Unterbringung gefährdeter Kinder eignen würden. In Karlsruhe kommuniziert das Jugendamt über Videoportale mit Familien, die der Behörde bereits bekannt sind, und versucht so, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Über Kitas wurden Angebote verschickt an die Familien, wie sich Tage strukturieren lassen. Beate Klehr-Merkl, Leiterin des Mannheimer Jugendamtes, beschreibt die Situation als angespannt. Insbesondere die Erziehungsberatungsstelle und die psychologische Beratungsstelle seien derzeit stark nachgefragt – etwa von Eltern, die um Hilfe bitten.
Auch Gottfried Maria Barth hat sich in dieser Krise auf das Schlimmste gefasst gemacht. Der stellvertretende Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Tübingen betreut die Notfallstation. In Krisenzeiten geht es dort hoch her, weil auch die Psyche leidet. „Wir haben uns darauf eingestellt, vermehrt Krisenaufnahmen zu haben“, sagt der Kinderpsychiater. Dazu kam es nicht, im Gegenteil: So ruhig sei es auf der Station lange nicht mehr gewesen. „Wir fragen uns, woher das kommt“, sagt Barth. Schließlich sei allein die Dauerpräsenz des Corona-Themas wahnsinnig anstrengend. Die Krise werde als bedrohlich empfunden und löse jede Menge Ängste aus – bei Kindern wie Erwachsenen. Nur sei es Erwachsenen seltener bewusst: „In diesen Auseinandersetzungen in den Supermärkten bricht sich das Bahn.“
Die Geschäftigkeit macht Pause
Kinder „sind da sehr abhängig von uns“, so der Psychiater. Wichtig sei, die eigenen Ängste zu benennen – und auch zu bekennen, dass man in der aktuellen Situation vieles nicht wisse. Es gehe darum, zu vermitteln, dass Angst ein natürliches Gefühl sei, das helfe, das Notwendige zu tun, und nicht gleich bedeute, dass man zusammenbricht. Vielen Erwachsenen falle das schwer. „Die Regulation der Affekte hat vor lauter Geschäftigkeit gelitten“, sagt Barth.
Nun macht die Geschäftigkeit Pause. „Wir erproben gerade eine Alternative zu unserem wahnsinnig schnell gewordenen Leben.“ Womöglich werde die Entlastung von der Schule und die Verlangsamung des Alltags von den Kindern und Jugendlichen als wohltuend empfunden. Auch er habe damit gerechnet, dass die soziale Isolation, der Bruch mit dem Alltag und die Sorgen um die Zukunft viele Kinder in psychische Ausnahmezustände bringt. Aber „offenbar funktioniert vieles besser in den Familien als gedacht“, so Barth.