Jürgen von der Lippe stellte in der Stadthalle in Sindelfingen sein neues Buch „Sextextsextett“ vor. Der Autor, Entertainer und Synchronsprecher gab vor dem Publikum zwei Zugaben.
Jürgen von der Lippe war mit seinem inzwischen 16. Buch „Sextextsextett“ in der Sindelfinger Stadthalle zu Gast. Es ist sehr fraglich, ob auch nur eine einzige Person im Publikum diesen Buchtitel beim ersten Versuch fehlerfrei über die Lippen bringt. Und was soll er eigentlich bedeuten? Schon, wenn sich jemand mit diesem Gedanken trägt, dürfte Jürgen von der Lippe erfreut sein. Schließlich sind Sprache und das Spiel damit seit jeher sein Steckenpferd.
Damit trumpft er insbesondere in der zweiten Hälfte seines Programms auf. Der 77-Jährige redete sich herrlich in Rage über sprachlich fehlgeleitete Werbeversprechen („Dann sind die Blähungen wie weg – also sind sie ja noch da“), aufgeblähte Zeitungsmeldungen oder die inzwischen verbreitete „Duz-Kultur“. „Das Siezen ist ein gutes Mittel, um jemanden auf Distanz zu halten“, betonte er. Zudem sei die deutsche Sprache eine der wenigen, die überhaupt über dieses verfügt – „dann sollte man es auch nutzen“.
Das Witzige nicht vergessen
Konsequenterweise siezte er an diesem Abend in der Sindelfinger Stadthalle auch sein Publikum. Und nahm die Anwesenden, dem Alter der Mehrheit entsprechend, mit auf eine nostalgische Zeitreise zurück zur Kirmes und der Frage, was man sich von dem „ganzen Geld“ (50 Pfennig) denn nun kaufen könnte. Lieber eine Fahrt mit der Raupe zum Knutschen seines Schwarms? Autoscooter? Oder einen Liebesapfel, an dem man sich die Zähne ausbeißt? „Ich wollte als Kind nie Milliardär werden“, las er aus seinem Buch. „Und bin es auch nie geworden.“ Glücklicher sei ohnehin der, der abwägen müsse.
Apropos glücklich: Auch wenn die aktuelle weltpolitische Lage dies gerade nicht sei, gebe es auch noch gute Nachrichten, machte von der Lippe gleich zu Beginn seiner Comedy-Lesung deutlich. Munter gab er aktuelle Schlagzeilen zum Besten, die ihn – und damit auch das Publikum – zum Lachen brachten. Ebenso, als er seinen „Tagebucheintrag“ des Lesungstages vorlas, gespickt mit kleinen Seitenhieben gegen den Bundeskanzler, Lars Klingbeil, Helene Fischer und den wenig erfolgreich ins Fernsehen zurückgekehrten Stefan Raab.
Gesellschaftskritik in zotiger Form
Aber auch sich selbst verschonte Jürgen von der Lippe nicht vor Spott. Das Publikum durfte ihm mehrfach im Chor die Frage stellen: „Hatten Sie früher nicht mal volles Haar?“, um dann jedes Mal eine neue, wunderbar komische Erwiderung zu erhalten. Ein Beispiel: „Mir war mal nach einer ausgefallenen Frisur“.
Bei der Lesung von „Sextextsextett“ gleitet der Autor auch gerne mal ins Zotige ab, man könnte einige Pointen als klassische Altherrenwitze bezeichnen. Sein Publikum in Sindelfingen schien das nicht zu stören. Die Halle war voll von leidenschaftlichen Fans, die sich vor Lachen ausschütteten. Und tatsächlich bringt von der Lippe auch die wirklich flachen Scherze mit so einer Spielfreude rüber, dass man ihm nie böse sein könnte. Anders als so manche Kollegen, positioniert sich von der Lippe nicht in einer Opfer-Rolle à la „Man darf ja gar nichts mehr sagen“. Nicht, dass er diese Kritik nicht anbringen würde. Durchaus kommt er auf seine Sorge zu sprechen, dass der Humor in der Gesellschaft verloren gehe („Wenn die Klugen nicht mehr denken dürfen, damit die Dummen sich nicht verletzt fühlen“). Doch er schafft es, unverkrampft darüber zu sprechen. So gibt er unumwunden zu, dass es für ihn ein Genuss ist, auf Klischees herumzureiten. Weil sie so übertrieben seien, dass klar sei, dass von der Lippe sie nicht ernst meine. Wer das nicht versteht, dem möchte er offensichtlich gar nicht auf die Sprünge helfen.
Spielfreude endet nicht mit der Show
Jürgen von der Lippe ist nicht nur für seine Sprache bekannt, sondern auch für sein musikalisches Talent. Zweimal griff er in Sindelfingen zur Gitarre. Auch eine Passage seines neuen Buches packte er später im Programm in musikalisches Gewand.
Wie sehr sein Publikum ihn schätzt, wurde beim Schlussapplaus noch mal deutlich. Mit nicht enden wollendem Beifall und Pfiffen „erjubelten“ sich die Sindelfinger zwei Zugaben. Die ein oder andere weitere dürfte es am Büchertisch gegeben haben, wo er Ausgaben seines neuen Werkes für die Käufer signierte. Wie gesagt: schier unendliche Spielfreude.
Zur Person
Werdegang
Jürgen von der Lippe wurde 1948 als Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp in Bad Salzuflen im Kreis Lippe geboren. Hier hat sein Künstlername seinen Ursprung. Er studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie, bevor er Ende der 1970er-Jahre mit seinem ersten Bühnenprogramm und kurz darauf auch durch seine ersten TV-Auftritte Berühmtheit erlangte.
Karriere
Seither ist er als Moderator, Entertainer, Schauspieler, Synchronsprecher, Autor und Musiker nicht aus der deutschen Unterhaltungslandschaft wegzudenken. Sein 16. Buch „Sextextsextett“ erschien im Januar 2025 im Penguin-Verlag.