Der Comedian Jürgen von der Lippe unterhält im Stuttgarter Renitenztheater – manchmal auch mit schlüpfrigen Scherzen in der Rolle des alten weißen Mannes.
Manche Fernsehfiguren sind einem in Jahrzehnten so vertraut geworden, dass man glaubt, alles sei so, wie es immer schon war, wenn man sie nach längerer Zeit wiedersieht. Aber da draußen in der großen weiten Medienwelt ist vieles doch ziemlich anders geworden. Das hat auch ein Thomas Gottschalk schon spüren müssen. Und so stellt Jürgen von der Lippe nach 50 Jahren auf der Bühne schon zur Begrüßung am ersten von fünf Abenden im Renitenztheater klar: „Warum ich das mache? Wegen der Privilegien. Dass ich sagen kann: Guten Abend meine Damen und Herren. Als ,Tagesschau‘-Sprecher könnte ich das nicht.“
Gendern bis zum Schluckauf, sechzig verschiedene Geschlechter auf Facebook, Streitigkeiten um eine blanke „weiblich gelesene Brust“ im Schwimmbad – das alles ist nichts für von der Lippe. Zwar mache auch er sich Sorgen über Kriegsschauplätze, hat er jüngst in einem Interview mit dem Mediendienst „Teleschau“ gesagt, aber ihm bleibe „nur Eskapismus, Lachen über Alltagsdinge“.
Er ist zum Lesen da – „Sextextsextett“ heißt sein neues Buch
Ein bisschen politisch wird er zu Beginn seines Auftritts aber doch. Von Trump über Musk landet er bei Bohlen, der ebenso gerne den nächsten Kanzler beraten würde. Warum auch immer kommt Jürgen von der Lippe dann auf Beleidigungen und Robert Habeck mit seinen 800 Strafanzeigen zu sprechen, von denen eine besonders viel Aufmerksamkeit erregte. Zum Effekt sagt er amüsiert: „Inzwischen denkt man bei Schwachkopf automatisch an Habeck – und umgekehrt.“ Aber er hat noch ein paar Titulierungen anderer Politiker und deren Preis auf Lager: „Goebbels der Neuzeit – 600 Euro. Rheinmetall-Schlampe – 1000 Euro.“
Obwohl es Jürgen von der Lippe generell mit Billy Wilder hält („Wenn ich einen guten Witz habe, ist mir egal, wen ich damit beleidige“), ist dann Schluss damit. Schließlich ist er zum Lesen da, weniger aus der Tagespresse, sondern mehr aus seinem neuen Buch, denn ja: Nach TV-Shows wie „Donnerlippchen“, „Geld oder Liebe“ und „Wat is“ und Preisen wie Grimme, Goldene Kamera, Bambi und Deutscher Fernsehpreis – Jürgen von der Lippe schreibt Bücher und spricht auch über andere, inzwischen recht erfolgreich mit „Lippes Leselust“ auf Youtube.
Hubschrauberlandeplatz auf dem Hinterkopf
„Sextextsextett“ heißt sein 16. Buch, und mit dem Titel ist nicht zu viel versprochen, denn Jürgen von der Lippe kennt viele schlimme Wörter. „Genitalreferenziell“ zum Beispiel, was ihm immer wieder vorgeworfen werde, worauf er als studierter Germanist, Linguist und Philosoph ohne Abschluss mit wollüstigen Schopenhauer-Zitaten dagegenhalten kann.
Aber es geht auch um seinen größer werdenden Hubschrauberlandeplatz auf dem Hinterkopf, um Hämorrhoiden und um wenig achtsame Methoden, Schluss zu machen, wobei er zur Gitarre greift und „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“ anstimmt. Es bleibt das einzige Lied an diesem Abend, obwohl von der Lippe auch Musiker ist und in einem früheren Jahrtausend mit „Guten Morgen, liebe Sorgen“ sogar Nummer eins der ZDF-Hitparade war. Jedenfalls: Beim Anrufbeantworterspruch über eine Marienerscheinung fällt das Instrument prompt um und wird zur sicheren Verwahrung ins Publikum gereicht.
Kindliche Freude am Altherrenwitz
Vieles stammt aus einer Zeit, in der es noch Reiserufe im Radio gab. Wenn von der Lippe heute zu Gast in einem Hipster-Sender sei und ihn Stulle, der Moderator, frage, ob es okay sei, wenn man sich duze, lehnt der 76-Jährige dankend ab mit: „Ich habe Socken, die älter sind als Sie!“ Nicht nur als Stand-up-Comedian, sondern auch als Sit-down-Vorleser siezt er sein mitgereiftes Publikum, das viel Spaß versteht. Nur einmal gibt es wohlwollende Buhrufe, als sich von der Lippe eine Frau als James Bond wünscht: „Kaputte Autos, jede Menge Tote und Verletzte und das alles schon beim Einparken.“ Er weiß natürlich um die Wirkung des Altherrenwitzes und hat fast kindliche Freude daran, ihn zu pflegen. Man kann diesem alten weißen Mann also einfach nicht böse sein, denn: Der will doch nur spielen.
Jürgen von der Lippe liest Sextextsextett: am 7., 8. und 9. Februar, Renitenztheater