Jürgen Seeberger hat viele Gesichter Die Ich-AG des Kickers-Trainers

Von Joachim Klumpp 

Jürgen Seeberger liebt die Kommunikation. Foto:Baumann Foto:  
Jürgen Seeberger liebt die Kommunikation.  Foto:Baumann

Sportlich verlief der Einstand des Kickers-Trainer Jürgen Seeberger nicht nach Maß: Aus im Pokal, 0:2 in der Liga in Völklingen. Der der 53-Jährige gilt als Motivator, wollte aber keine Versicherungen verkaufen.

Stuttgart - Die Stuttgarter Kickers stecken tief im Abstiegskampf, das wird keiner bestreiten. Also geht die Angst um auf Degerlochs Höhen vor dem Sturz in die Fußball-Oberliga. Ein Fall für Jürgen Seeberger? Der hat im Rahmen seiner Vorstellung als Trainer den Satz fallen lassen: „Angst verkaufen, das mag ich nicht so.“ Der Hintergrund der Aussage liegt lange zurück – aber ebenfalls in Stuttgart. Genauer, in der Uhlandstraße. Da hatte der junge Seeberger einst eine Ausbildung bei der Allianz AG gemacht – zum Versicherungskaufmann. Aber das war nicht so sein Ding, weil er eben Verträge an den Mann/die Frau bringen sollte, hinter denen er nicht überzeugend stand.

Jetzt ist er mit ganzem Herzen Fußballtrainer. Wobei auch das etwas gespalten ist. Denn Seeberger schaut über den Tellerrand hinaus. Das fängt ja damit an, dass er bei den Kickers ohne festen Vertrag arbeitet, so wie es auch in der Schweiz der Fall war. Nicht umsonst, sondern gewissermaßen auf Honorarbasis, die bei den Blauen mit einer hübschen Nichtabstiegsprämie gepaart sein dürfte. Er sei „selbstständiger Geschäftsmann“ mit mehreren Berufsfeldern. In der Schweiz zum Beispiel als TV-Experte für die Challenge League, die dortige zweite ­Liga. Reden kann er. Der 53-Jährige beschreibt sich selbst als kommunikativen Menschen – und da wird keiner widersprechen. Nur beim Privatleben ist er kurz angebunden: geschieden, aber liiert. Der Kickers-Sportdirektor Martin Braun hat den Weg des gebürtigen Konstanzers verfolgt, seit er beim SC Freiburg unter der Trainerlegende Volker Finke hospitiert hat: „Wir haben ­jemanden mit Erfahrung gesucht, der aber auch noch jung genug ist, um Lust auf eine neue Aufgabe zu verspüren.“

Über Aachen zum VfB II

Tut Seeberger – und betont: „Die Mannschaftsdynamik ist das Entscheidende“ – auch wenn die in Völklingen offensichtlich nicht richtig gestimmt hat, nachdem es beim Schlusslicht eine 0:2-Niederlage setzte. „Enttäuschend“, sagte Seeberger, nachdem zuvor das Pokal-Aus gegen die SGS Großaspach noch als gelungener Auftritt gewertet worden war.

2007 stand er schon einmal vor einem Engagement bei den Kickers, zog dann aber gegen Peter Zeidler und auch Günter Rommel in der Endauswahl des damaligen Präsidiums den Kürzeren. Über Alemannia Aachen landete er dann 2010 beim VfB Stuttgart II, und der damalige Sportdirektor Jochen Schneider erinnert sich sofort: „Er ist in meinen Augen ein exzellenter Trainer, sowohl in fußballerischen Fragen, aber auch wie er eine Mannschaft führen kann.“ Er wurde übrigens vom damaligen Schweizer Chefcoach Christian Gross wärmstens empfohlen, nachdem Seeberger jahrelang beim FC Schaffhausen erfolgreich gearbeitet hatte. „Das hat sich auch alles bestätigt“, sagt Schneider im Nachhinein. Warum es dann doch zur Trennung kam? „Er hat bei uns etliche Spieler hochgeführt“, sagt Schneider, „aber eine zweite Mannschaft hat immer besondere Konstellationen, und Jürgen Seeberger ist ein Mann für eine erste Mannschaft.“

Seeberger liebt die Herausforderung

Also für die Kickers? Das werden die nächsten drei Spiele zeigen müssen. Die Zeit rennt davon, das weiß auch Seeberger, der deshalb betont hat, „bei den kleinen Dingen anzusetzen“. Soll heißen: Er wird den Fußball in Degerloch nicht neu erfinden, zumal er zugibt: „Ich bin kein Systemfanatiker.“ Sondern einer, der über die Kommunikation und Motivation kommt. Nicht von ungefähr hält er – als drittes Standbein seiner Ich-AG – noch Vorträge in Sachen Coaching bei Firmen oder Unternehmen. Nicht aufgeben, lautet sein Motto. „Wir werden bis zum letzten Tropfen kämpfen“, betonte er nach dem Völklingen-Debakel. Dabei erinnerte er sich vielleicht an ein Alles-oder-nichts-Spiel mit dem FC Kosova Zürich, als es bis zur 82. Minute 3:3 stand „und wir gewinnen mussten, um aufzusteigen“ – am Ende hieß es 6:3. Fast alle Spieler des Viertligisten stammen aus dem Kosovo. Seeberger: „Der Fußball leistet einen großen Beitrag zur Integration. Das finde ich spannend.“

Genauso spannend wie Abstiegskampf vielleicht. „Ich nehme die Herausforderung an“, hat Seeberger bei Amtsantritt mit der ihm eigenen Verve gesagt. „Ich traue ihm zu, dass er den Klassenerhalt schafft und langfristig bei den Kickers arbeiten kann“, fügt sein ehemaliger Weggefährte Schneider aus der Ferne hinzu. Da hätte wohl kein Blauer etwas dagegen.

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