TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt (li.) hofft in der Rückrunde, möglichst oft mit Trainer Roi Sanchez jubeln zu können – wie hier nach dem Sieg gegen die Rhein-Neckar Löwen. Foto: Baumann/Julia Rahn

Der TVB Stuttgart hinkt den sportlichen Erwartungen in der Handball-Bundesliga hinterher. Geschäftsführer Jürgen Schweikardt spricht über die Gründe, die Clubstrukturen, mögliche Folgen eines Abstiegs und seinen persönlichen Umgang mit Druck.

Stuttgart - Nur wegen der besseren Tordifferenz steht der TVB Stuttgart in der Handball-Bundesliga nicht auf einem Abstiegsplatz. Vor dem Wiederbeginn mit dem Heimspiel gegen den THW Kiel an diesem Donnerstag (19.05 Uhr/Porsche-Arena) schätzt Geschäftsführer Jürgen Schweikardt die Lage ein.

 

Herr Schweikardt, zum Hinrundenende sagten Sie, jeder Einzelne müsse ein paar Prozent drauflegen. Wo setzen Sie bei sich selbst an?

Zunächst einmal trifft dies in der Tat auf jeden Einzelnen zu. Ich bin Teil des Ganzen und kämpfe um die bestmöglichen Rahmenbedingungen für die Mannschaft. Da geht es um die Kaderzusammenstellung und auch um die Zuschauerzahlen bei den Heimspielen. Diesbezüglich haben wir zwar nur beschränkt Einfluss, aber wir tun alles, damit das Team die optimal Rückendeckung von außen erhält.

Was wird das Entscheidende, um am Ende in der Liga zu bleiben?

Wir müssen in allen Bereichen besser werden. Wir brauchen eine Steigerung im Torwartbereich und in der Abwehr. Wir müssen im Angriff die Fehlerquote reduzieren und auch die Wurfquote verbessern. Wenn wir da jeweils nur ein bisschen draufpacken, dann wird in Summe so viel mehr Leistung herauskommen, dass wir genügend Siege einfahren werden.

Wo kann der Trainer sich noch verbessern?

Der Trainer ist natürlich für die taktische Umsetzung hauptverantwortlich. Wobei er nichts dafür kann, wenn die Spieler völlig frei stehend glasklare Chancen versieben.

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Es sei denn, durch das von ihm geforderte Tempospiel, fehlt am Ende beim Abschluss die Konzentration.

Wir haben das schon im Blick, aber da sehe ich nicht das Problem. Wir haben gegen Lemgo 37 Tore geworfen, aber leider 40 bekommen.

Musste Roi Sanchez seine Philosophie bereits modifizieren?

Nein, er musste seine Philosophie nicht ändern, aber bei der Umsetzung dreht er an ein paar Stellschrauben. An welchen, das werde ich öffentlich nicht verraten.

Das Auftaktprogramm ist sehr hart, es geht in den ersten sechs Spielen viermal gegen Clubs aus den Top Fünf. Was passiert mit dem Trainer, wenn alle verloren gehen? Springen Sie zum dritten Mal ein?

Sie werden von mir auf die Frage „Was-wäre, wenn nach den sechs Spielen ...?“ sicher keine Antwort bekommen. Das ist ja völlig hypothetisch. Wir konzentrieren uns auf das erste Spiel gegen den THW Kiel, in dem wir krasser Außenseiter sind, aber dennoch punkten wollen.

So wie Aufsteiger TuS N-Lübbecke bei seinem Heimsieg gegen den THW.

Ganz genau. Deshalb ist das Spiel gegen den THW unsere erste Chance, egal wie groß sie ist, auf zwei Punkte. Gerade in unserer Situation zählt es in jedem Spiel.

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Ist es nicht sehr ernüchternd, dass Sie mit einem ständig steigenden Etat überhaupt in diese bedrohliche Situation gekommen sind?

Also in den vergangenen Jahren, seit dem Aufstieg 2015, haben wir die Plätze zwölf bis 15 erreicht. Für das Geld, das wir in die Mannschaft investieren konnten, war das absolut in Ordnung, das haben wir genau analysiert.

Aber inzwischen geht der Etat doch stramm auf die sechs Millionen Euro zu.

Aktuell können wir mit unserer Platzierung nicht zufrieden sein. Da gibt es Teams wie den TuS N-Lübbecke, die weniger Geld haben, aber vor uns in der Tabelle stehen. Man darf jedoch die Rahmenbedingungen, die wir in Stuttgart haben, nicht außer Acht lassen. Die Porsche-Arena ist wunderschön, kostet aber viel Geld, wir können zum Beispiel nicht selbst bewirten.

Das ist keine neue Erkenntnis.

Genauso wenig wie die Tatsache, dass wir vor nicht allzu langer Zeit noch ein kleiner Dorfverein waren und keine jahrzehntelange Tradition im Spitzenhandball haben wie etwa unser Nachbar Frisch Auf Göppingen. Wir sind immer noch dabei, Strukturen aufzubauen und mit unseren Partnern nachhaltig die Bedingungen so zu gestalten, dass wir mittelfristig unter die Top Ten der Liga kommen.

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Und wenn es im verflixten siebten Jahr zum Absturz in die zweite Liga kommt?

Trainer und Mannschaft brauchen sich überhaupt nicht mit dem Thema zweite Liga beschäftigen. Sie müssen sich auf die einzelnen Spielen konzentrieren und schauen wie sie diese gewinnen, damit dieses Szenario niemals eintritt. Wir als Management sind verpflichtet, beide Szenarien zu planen. Die Verpflichtung von Nationalkeeper Silvio Heinevetter auch für die zweite Liga ist der beste Beweis dafür, dass wir eine Idee haben, wie es im Fall der Fälle sofort wieder hoch gehen kann.

Heinevetter und auch der künftige Kreisläufer Oscar Bergendahl sind Emotionsbündel. Wurde nach dem Abgang von Jogi Bitter zu wenig auf die Mentalität der Spieler Wert gelegt?

Wir haben versucht, dies zu kompensieren, aber bisher ist es uns nicht gelungen. Dies ist auch ein Entwicklungsprozess.

Ihr Vater Günter ist Sportlicher Leiter, Ihr Bruder Michael Chefscout. Wer ist im Verein das Korrektiv zum sogenannten Schweikardt-Clan?

Wir haben eine absolut professionelle Struktur, die angelehnt ist an ein Wirtschaftsunternehmen. Wir haben eine Gesellschafterversammlung, der ich berichten muss. Das mit dem Schweikardt-Clan ist völlig absurd. Wir haben so viele Mitarbeiter und eben auch die Gesellschafter mit einer bedeutenden Rolle – denen tut man mit dieser Bezeichnung völlig Unrecht.

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Sie haben einen Vertrag bis 2026, das ist ein großer Vertrauensbeweis.

Im Handball ist das nicht so unüblich, wenn ich da an Leute wie Bob Hanning, Gerd Hofele, Bennet Wiegert, Florian Kehrmann und einige mehr denke.

Warum ist die Fluktuation im Fußball höher?

Weil der öffentliche Druck viel größer ist, weil viel mehr Geld im Spiel ist.

Haben Sie persönlich weniger Druck seit Sie nicht mehr Trainer sind?

Ich habe immer noch Druck, nur eben einen längerfristigen. Ich kann nicht mehr Woche für Woche im Spiel eingreifen, wobei ich bei Spielen nun nervöser bin wie noch als Trainer.

Sehen Sie für sich die Gefahr, einmal ähnlich ausgebrannt zu sein wie der Gladbacher Fußball-Manager Max Eberl?

Der Druck im Fußball ist schon ein wesentlich größerer. In dieser Branche kann doch keiner in ein Restaurant gehen, ohne erkannt zu werden. So ist es im Handball bei Weitem nicht. Ich hatte auch schon sehr, sehr intensive Phasen, aber das Verlangen nach einer kompletten Auszeit hatte ich noch nie.

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Wie schalten Sie ab?

Ich versuche schon immer wieder mal Tage zu finden, in denen ich mich nicht mit Handball beschäftige, den Laptop zugeklappt lasse, das Handy weit weg lege. Ganz wichtig ist auch mal ein Tapetenwechsel, am besten mit der Familie im Sommer in der Sonne oder im Winter beim Skifahren. Da lässt sich der Akku am besten aufladen.

Der Titel der vor Kurzem erschienenen Multimedia-Reportage über den TVB lautet „10 Punkte“. Wie viele Punkte braucht es zum Klassenverbleib?

Neun haben wir, wenn wir insgesamt 24 Punkte holen, haben wir es geschafft.

Welchen Titel sollte die Reportage über Ihren Club denn am Saisonende haben?

Der TVB kann schwierige Saison versöhnlich abschließen.

Zur Person

Vita
Jürgen Schweikardt wurde am 23. April 1980 in Waiblingen geboren. Er begann mit sechs Jahren beim TV Bittenfeld mit Handball. Lediglich in der Saison 2001/02 spielte er kurzzeitig beim TV Kornwestheim. Seit 2008 ist der Diplom-Betriebswirt Geschäftsführer. Zweimal war er seitdem auch schon in einer Doppelrolle als Trainer tätig.

Privates
 Seine Zwillingssöhne Mika und Niko spielen in der U 15 des TVB. Hobbys sind neben Handball Tennis und Skifahren.  (jüf)