Barbara Traub von der jüdischen Gemeinde hat Anlass zur Freude und zu Sorge. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Die Israelitische Religionsgemeinschaft erinnert beim Empfang zum Beginn des Jahres 5783 mit 220 Gästen an den Beginn der Zuwanderung vor 30 Jahren und die aktuelle Herausforderung durch die Aufnahme der Geflüchteten aus der Ukraine.

Lautes Stimmengewirr, Lachen, Musik und der Andrang erwartungsvoller Gäste: Endlich konnte die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) nach der pandemiebedingten Zwangspause zum Empfang anlässlich des Jüdischen Neujahrsfestes wieder in den eigenen Gemeindesaal einladen. 220 Gäste aus der Politik, von den Kirchen und Religionsgemeinschaften, von Kultur und Wirtschaft feierten mit der jüdischen Gemeinde den Beginn des Jahres 5783. Mit Zuversicht und dem Wunsch um Frieden, Schalom!

 

70 Jahre neue Synagoge

Für die jüdische Gemeinde ist es auch ein doppeltes Jubiläumsjahr: „1952, vor 70 Jahren, konnten wir als erste Gemeinde in der Bundesrepublik unsere neue Synagoge einweihen“, erinnerte die Vorstandssprecherin Barbara Traub an diesen entscheidenden Schritt der Wiedergeburt jüdischen Lebens in Stuttgart. Als „Beweis, dass die Geschichte des Judentums in Deutschland nach der Shoah nicht zu Ende ist“, habe seinerzeit Leopold Goldschmidt vom Zentralrat der Juden in Deutschland das Gotteshaus zumindest als Nachtrag mit wenig Zuversicht in die Zukunft gewürdigt. „Man hatte sich auf die Aufgabe des Nachlassverwalters eingestellt“, so Traub. Doch 1992, vor 30 Jahren, konnte mit der Zuwanderung jüdischer Familien aus der ehemaligen Sowjetunion ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Die Gemeinde erstarkte und meisterte die Integration, um „eine gemeinsame Zukunft hier in unserem Land aufzubauen“.

Gemeinde aktiv in Flüchtlingshilfe

Nun habe der Krieg, mit dem Putin die Ukraine überzog, die Gemeinde vor neue Herausforderungen gestellt: „Unsere Mitglieder haben bereits Geflüchtete bei sich aufgenommen, als man sich offiziell erst auf die Ankunft der ersten Geflüchteten einrichtete“, betonte Traub und schilderte den engagierten Einsatz und Umfang der Aktionen. Nelly Pushkin, die Ehefrau von Rabbiner Pushkin, habe vom ersten Trag an Geflüchtete in die Gemeinde geholt, Yehuda Pushkin rückte mitten in der Nacht aus, um Ankommende in die Jugendherberge zu begleiten, wo die IRGW ein Zimmerkontingent belegen konnte. Und der Studentenverband sammelte und transportierte Hilfsgüter für und in die Ukraine. „Unsere Gemeinde wuchs in den vergangenen Monaten über sich hinaus“, stellte Barbara Traub fest.

Kritik an Antisemismus

„Ohne die Russen und Ukrainer wäre das deutsche Judentum heute nicht das, was es ist“, betonte auch Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrates, und forderte vom Bund und vom Land den lange versprochenen Härtefallfonds für Kontingentflüchtlinge. „Warum müssen wieder Abertausende von Menschen sterben und Shoah-Überlebende mit 90 Jahren nochmals in einem fremden Land neu anfangen?“, ging auch er auf den Krieg ein und nannte Putin den „größten Antisemiten nach Josef Stalin“. Den Antisemitismus in unserem Land klammerten weder Lehrer, der die Ressentiments gegen Israel und die Juden auf der Documenta geißelte, noch Michael Blume, der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, aus: „Man kann Hass nicht verbieten, aber dafür sorgen, dass er sich nicht mehr lohnt.“

Laubhüttenfest im Gemeindezentrum

Schana Towa, ein gesundes und süßes Jahr, heißt der Wunsch zum Neujahr, der mit Apfelschnitzen in Honig symbolisiert wird. Diese Süßigkeit erwartete neben anderen Köstlichkeiten die Gäste zum Abschluss des Empfangs in der Laubhütte, die zum Laubhüttenfest Sukkot im Innenhof des Gemeindezentrums sieben Tage lang aufgebaut ist.