Die evangelische Kirchengemeinde Riedenberg – Pfarrerin Elisabeth Jooß in der Mitte – richtet einen Projekttag zum Thema „Jüdisches Leben“ aus. Schüler des GSG engagieren sich Foto: /Caroline Holowiecki

Die evangelische Kirchengemeinde Riedenberg hat einen Projekttag zum Thema „Jüdisches Leben“ initiiert. Gymnasiasten beteiligen sich. Im Mittelpunkt ihrer Recherchen stehen drei Künstler, die im Bezirk bis heute sichtbar sind.

Riedenberg - Wie viele Juden tragen eine Kippa? Wo gibt es Synagogen? Sind eigentlich alle männlichen Juden beschnitten, und feiern sie zwangsläufig Chanukka? Sprich: Wie sieht jüdischer Alltag aus? Damit beschäftigen sich an diesem Freitagvormittag Elftklässler aus dem Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG). Im evangelischen Gemeindehaus in Riedenberg haben sie einen Stuhlkreis gebildet. Die Pfarrerin Elisabeth Jooß erklärt gerade, was die Tora ist.

Nebenan, in einem weiteren Raum, verfolgt eine zweite Schülergruppe derweil eine Kunst-Präsentation. Hintergrund des Ganzen: Die Kirchengemeinde Riedenberg richtet am 7. November einen Projekttag zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ aus, und das GSG beteiligt sich daran. Aus gutem Grund, wie die Schülerin Mareike findet: „Unsere Schule trägt den Titel ,Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage’.“

Diese drei Personen stehen im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des Projekttages stehen drei Personen, die mit dem Stadtbezirk verbunden sind: die beiden Malerinnen Käthe Loewenthal (1878 bis 1942) und Klara Neuburger (1882 bis 1945) sowie Fred Uhlman (1901 bis 1985), ebenfalls Maler, außerdem Rechtsanwalt und Schriftsteller. Warum gerade diese drei? Aus zwei Gründen. Zum einen wurden sie in Stuttgart geboren beziehungsweise haben hier lang gelebt. Zum anderen sind nach ihnen Straßen benannt, die sowohl in der Nähe der Riedenberger Kirche als auch des GSG liegen.

Das Kirchen- und das Schulteam arbeiten nicht allein. Der Historiker Ernst Kühnle aus Stetten – Elisabeth Jooß’ ehemaliger Lehrer – hat die Recherche begleitet und unterstützt die Vorbereitungen zum Projekttag. So hat er sich die Akten besorgt, über die sich nachvollziehen lässt, wie sich Anfang der 90er Jahre der örtliche Bezirksbeirat für die Benennung der Straßen im damaligen Neubaugebiet eingesetzt hatte. Er erklärt: Seinerzeit hatten die Lokalpolitiker vorgeschlagen, dass die neuen Straßen nach Verfolgten des NS-Regimes benannt werden. Die Schüler haben diese Unterlagen ausgewertet. „Was Käthe Loewenthal, Klara Neuburger und Fred Uhlman eint, ist, dass sie Künstler und jüdischer Abstammung waren“, fügt Elisabeth Jooß hinzu.

Die Recherche war nicht immer einfach

Die Aufgabe der Schüler ist es, sich mit den Biografien des Trios zu beschäftigen und den Projekttag schließlich unter anderem mit Impulsvorträgen zu bereichern. Ernst Kühnle hat hierzu im Vorfeld viele Informationen eingeholt. „Ich habe mich reingestürzt und alle Quellen gelesen“, sagt er lächelnd. Er spricht von einem Erinnerungsprojekt. Nicht immer sei die Recherche einfach gewesen. „Über Klara Neuburger ist fast nichts bekannt“, sagt der 73-Jährige. Habe man zunächst angenommen, dass sie ihr Leben im KZ verloren habe, hätten neuere Forschungen ergeben, dass sie doch habe flüchten können. Er findet gut, dass sich die Gymnasiasten mit dem Thema befassen und die Ergebnisse dann selbst präsentieren. „Die Schüler müssen das machen, die nächste Generation.“

An diesem Vormittag im Gemeindehaus arbeiten die Jugendlichen voller Eifer. Wie Juden heute leben, das interessiert sie besonders. Finger schnellen nach oben, Fragen werden gestellt. „Man lernt in der Schule die Basics“, sagt Isabella, dass rund ums Geschwister-Scholl-Gymnasium aber Straßen nach Juden benannt seien und wer diese Menschen waren, habe sie nicht gewusst. „Man bleibt ja nicht an den Straßenschildern stehen und liest sich alles durch.“ Auch ihre Mitschülerin Thekla findet es gut, mehr über den jüdischen Alltag zu erfahren. In der Schule gehe es meist um Diskriminierung und die NS-Zeit. Das sei wichtig, aber „ich finde es schade, dass man über das jüdische Leben so wenig erfährt“.

Info

Projekttag
Am Sonntag, 7. November, richtet die evangelische Kirchengemeinde Riedenberg unter dem Namen „Chai – Auf das Leben!“ den Projekttag zum Thema „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ aus. Daran beteiligen sich neben dem GSG auch die Grundschule Riedenberg, die Musikschule Stuttgart und die Sillenbucher Buchhandlung Papyrus.

Programm
Das Programm beginnt um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der Emmauskirche. Danach, zwischen 11 und 12 Uhr, kann man sich an einem Büchertisch mit Literatur versorgen. Um 11.30 Uhr (Start am Gemeindehaus) und um 15 Uhr (Start am GSG) beginnen Spaziergänge. Gymnasiasten werden an ausgewählten Stationen über die Persönlichkeiten sprechen, deren Namen das Gebiet prägen. Die Spaziergänge sind identisch, eine Anmeldung ist nicht notwendig. Der Projekttag endet um 18 Uhr mit einem Konzert in der Grundschule Riedenberg. Die Gruppe „Asamblea Mediterranea“ wird jüdische Musik aus unterschiedlichen europäischen Ländern spielen. Der Eintritt kostet an der Abendkasse fünf Euro für Kinder, zehn Euro für Erwachsene und 25 Euro für Familien. car