Bemühung um Begegnungen: eine Führung in der Stuttgarter Synagoge. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es braucht mehr Begegnungen mit jüdischem Leben, findet Jan Sellner, Leiter des Lokalessorts. Sie sind ein Impfstoff gegen Anfeindungen und Antisemitismus.

Stuttgart - Wie viel wissen wir voneinander? In dieser Frage schwingt kein Argwohn mit. Gemeint ist nicht eine Anhäufung von Informationen und Daten mit dem Ziel, die Menschen möglichst gläsern zu machen. Vielmehr geht es um einen positiven Wissensbegriff – um das Interesse am anderen, um ein Verstehen- und Kennenlernenwollen. Wie viel wissen wir in diesem Sinne voneinander? Wie viel wissen wir beispielsweise vom jüdischen Leben in dieser Stadt? Und darüber hinaus?

 

Am nächsten Dienstag gibt die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart einen Empfang. Anlass ist das Neujahrsfest Rosch ha-Schana, das seit Freitagabend und noch bis Sonntagabend gefeiert wird. Deshalb: alle gute Wünsche fürs neue Jahr! Im jüdischen Kalender schreiben wir übrigens das Jahr 5781. Hätten Sie’s gewusst? Eine Woche später, am 27./28. September, feiern die Juden Jom Kippur, das Versöhnungsfest. Dann, vom 2. bis 9. Oktober, das Laubhüttenfest Sukkot, das in das Schlussfest (9./10. Oktober) und das Fest der Torafreude (10./11. Oktober) mündet. Es ist die Zeit der hohen jüdischen Feiertage. Gefeiert wird – Corona-gerecht – überall, wo Juden leben. Auch in Stuttgart.

„Antisemitismus wird spürbarer“

Was wissen wir jenseits der Feiertage von der jüdischen Gemeinde? Wissenswert ist, dass sie in diesem Jahr – 75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager – das 75-Jahr-Jubiläum ihrer Wiedergründung feiert. Am 2. Juni 1945, nur 25 Tage nach der Kapitulation von Nazideutschland, fand in der Reinsburgstraße 26 wieder ein jüdischer Gottesdienst statt. Ein Ausdruck des Überlebens- und Hier-Lebens-Willens. Die Nazis hatten von Stuttgart aus mehrere Deportationszüge losgeschickt, den letzten „großen“ im August 1942. Danach gab es hier fast kein jüdisches Leben mehr.

Heute zählt die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg 2900 Mitglieder. Die Zahl der jungen Familien steigt, bedingt auch durch Zuwanderung. Es gibt einen jüdischen Kindergarten und eine jüdische Grundschule; beide sind gut besucht. Allerdings gibt es eine Grundsorge, die mal stärker, mal schwächer ausgeprägt ist, die aber nie ganz verschwindet: die Sorge vor Ablehnung, Anfeindungen und Antisemitismus.

Zurzeit ist diese Sorge wieder stärker vorhanden. „Antisemitismus wird spürbarer“, sagt Barbara Traub, die Vorstandssprecherin. Sie sieht einen schleichenden Prozess ausgehend von rechtsextremen Umtrieben im Internet und Anschlägen wie den auf die Synagoge in Halle. Mit Genugtuung stellt sie fest, dass die Politik reagiert, klar Position bezieht und in Sicherheit investiert.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Die Antwort der jüdischen Gemeinde auf diese Entwicklung besteht erfreulicherweise nicht in einem Rückzug, sondern in einer Einladung. Dafür stehen die jüdischen Kulturwochen im November oder das Begegnungsprogramm des Zentralrats mit dem provokant-ansprechenden Titel „Meet a Jew“, das sich an Schulen, Hochschulen und Sportvereine richtet. Sein Leitgedanke: „Wer Jüdinnen und Juden schon mal persönlich getroffen hat, ist weniger anfällig für Stereotype und weiß, dass es viel mehr Themen gibt, über die wir sprechen können als Antisemitismus, die Schoah und den Nahostkonflikt.“

Martin Buber, der große jüdische Religionsphilosoph, hat es so ausgedrückt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Zugleich ist Begegnung ein Impfstoff gegen Vorurteile. Das gilt auch im Verhältnis zu Muslimen. Man sollte mehr miteinander sprechen und mehr voneinander wissen. Im Grunde wissen wir das, wir müssen es nur beherzigen.

jan.sellner@stzn.de