Großes Vorbild für die Kleinen, wie beispielsweise Teilnehmerin Ella Kopsch (re.): Aylin Mill (li.) hängt sich auch hinter den Kulissen voll rein. Foto: Vanessa Frey

Das internationale Judo-Turnier des VfL Sindelfingen verwandelte den Glaspalast in eine Bühne für über 1800 Teilnehmer aus aller Welt. So ein Großereignis klappt nur mit viel Herzblut.

Der Glaspalast hat sich erneut in ein internationales Judo-Zentrum verwandelt. Zum 23. Mal richtete der VfL Sindelfingen das inzwischen größte europäische Turnier dieser Art im Glaspalast aus. Über 3000 Menschen aus aller Herren Länder bewegten sich durch die Halle, auf den Matten standen Kinder bis hin zu erfahrenen Sportlern. Doch was nach reiner Wettkampfatmosphäre klingt, ist in Wahrheit eine logistische und emotionale Meisterleistung – getragen von über 200 Helfern.

 

Riesiges Engagement: Simon Kristen, im Verein für den Bundesliga-Bereich verantwortlich, übernahm gemeinsam mit seinem Team die sportliche Leitung. „Dieses Turnier funktioniert nur, weil viele Rädchen ineinandergreifen. Von sechsjährigen Kids bis zu 85-jährigen Omis, vom Waffelstand über die IT bis zur Siegerehrung“, zählt er auf. Die Ehrenamtlichen sorgen für einen reibungslosen Ablauf – oft bis spät in die Nacht. Das Catering beginnt um 5.30 Uhr morgens und läuft bis 23 Uhr, denn die insgesamt 1800 Kämpfer müssen bis auf die Schlafenszeit fast rund um die Uhr versorgt werden. „Zudem ist hier alles unglaublich multikulturell“, so Kristen. „Manche Gespräche laufen mit Händen und Füßen. Aber genau das ist es, was dieses Turnier so besonders macht.“ Auch für Abteilungsleiter René Schneider ist klar: „Die wahre Leistung bringt wirklich der gesamte Verein mit den Freiwilligen.“ Er selbst ist Ansprechpartner für alles und nimmt jede der insgesamt 98 Siegerehrungen selbst vor. Auch seine Begeisterung reißt nicht ab: „Wann haben Neun- oder sogar Siebenjährige sonst die Möglichkeit gegen Leute aus der ganzen Welt anzutreten? Es ist eine unheimliche Erfahrung.“

Abteilungsleiter René Schneider (li.) und Trainer Andi Finkbeiner präsentieren den Pokal für das Siegerteam: Der große Pott ging dieses Mal nach Holland. Foto: Vanessa Frey

Größte Vorbilder für die Kleinsten: Für viele Buben und Mädels ist es die erste große und internationale Bühne überhaupt. So auch für die siebenjährige Ella Kopsch vom VfL Sindelfingen, die stolz erzählt: „Ich habe zweimal gewonnen und zweimal verloren. Eigentlich kämpfe ich in der U9, aber heute durfte ich bei der U11 mitmachen.“ Und was macht ihr am meisten Spaß? „Ich mag es, wenn ich gewinne und wenn ich verliere. Dann lerne ich auch mal was Neues dazu.“ Viermal die Woche übt sie bereits mit ihrem Trainer Andi Finkbeiner. „Von den 1800 Kämpfern waren lediglich 200 Erwachsene, der Rest besteht aus Kindern und Jugendlichen“, zeigt sich dieser begeistert. Aylin Mill kann den Antrieb von Ella Kopsch komplett nachvollziehen, denn auch sie fing im Glaspalast als kleines Mädchen mit dem Judo an. Heute ist sie amtierende deutsche Meisterin und ein Vorbild. Ihre sportliche Teilnahme am eigenen Event wurde zwar dieses Mal durch eine Fußverletzung im Halbfinale jäh beendet, dennoch blieb die 30-Jährige vor Ort, denn sie unterstützt die Abteilung mittlerweile auch in Sachen Werbung und Social Media. „Klar ist es anstrengend neben dem Sportlichen noch stark in die Organisation eingebunden zu sein“, räumt sie ein, „aber es ist mein Verein, und es lohnt sich, etwas zurückzugeben.“

Spitzenleistung auch neben der Matte: Auch jenseits des sportlichen Geschehens wird bei diesem Großereignis auf höchstem Niveau gearbeitet. Der Bundeskampfrichterreferent des Deutschen Judo-Bundes, André Lippeck, betont: „Wir haben hier 50 Personen im Einsatz – viele davon auf internationalem Niveau. Jeder einzelne Kampf wird bewertet, das fließt in nationale Ranglisten ein.“ Ein Livestream übertrug auf YouTube alle Duelle und verzeichnete allein am ersten von zwei Tagen über 18 000 Aufrufe. Auch das Deutsche Rote Kreuz war wie jedes Jahr mit einem Team des Ortsvereins Sindelfingen im Einsatz. „Bei einem Turnier wie diesem ist die Belastung natürlich höher“, nennt Bereitschaftsleiter Christian Jost Stürze, Atemprobleme oder kleinere Verletzungen als Beispiel. „Aber bisher verlief alles glimpflich.“ Die Sprachbarrieren seien meist kein Hindernis, notfalls kommuniziere man eben mit Gesten. Auch der noch amtierende Oberbürgermeister Bernd Vöhringer ist unter den DRK-Sanis zu finden. „Ich bin schon viele Jahre hier dabei, es ist großartig, was hier ehrenamtlich gestemmt wird“, schwärmt er.

Stürze, Atemprobleme, kleinere Verletzungen: Der DRK-Ortsverein Sindelfingen hat einiges zu tun. Foto: Vanessa Frey

Kulinarischer Kraftakt mit Herz: Ein besonderer Kraftakt läuft stets im Hintergrund: das Catering. Verantwortlich dafür ist seit über 15 Jahren Susanne Häßner. „Ich nehme mir extra eine Woche vorher Urlaub, um alles einzukaufen. Ab zwei Tage vor dem Start fahren mein Mann und ich sämtliche Supermärkte in der Region ab“, berichtet sie. Mittlerweile läuft die Koordination untereinander digital, doch der persönliche Kontakt ist ihr nach wie vor wichtig. Rund 100 Freiwillige kümmern sich ausschließlich um Essen und Getränke. „Manche davon sind gar nicht mehr im Verein – aber die Verbindung bleibt.“ Ihre ganze Routine fußt auf unzähligen Listen mit Mengenangaben an Lebensmitteln und der dazugehörigen Teilnehmerzahl. Susanne Häßner ist mit Herzblut Judo-Mama: „Ich mache es immer noch unheimlich gerne, meine ganze Familie gehört hier dazu.“

Seit 15 Jahren fürs Catering verantwortlich: Susanne Häßner (li., hier im Bild mit Sohn Daniel) übernimmt diese Aufgabe unheimlich gern Foto: Vanessa Frey

Meisterleistung der Gemeinschaft: In der Teamwertung aller Altersklassen gewinnt der niederländische Verein Kenjamu Haarlem, gefolgt vom TSV München-Großhadern und dem JC Kim-Chi aus Wiesbaden. Doch was der VfL Sindelfingen an diesem Wochenende auf die Beine gestellt hat, ist weit mehr als die sportlichen Ergebnisse. Es ist gelebter Vereinsgeist, interkultureller Austausch und Spitzenleistung. Bei diesem internationalen Turnier gewinnen am Ende alle – nicht nur auf der Matte.