Bei der Lesbentagung 1987 in Bad Boll war es für Teilnehmerinnen riskant, sich zu zeigen. Doch die Sehnsucht nach Austausch und Solidarität war stärker. Foto: Herta Leistner

Die Pionierin Herta Leistner begründete die Zusammenkünfte lesbischer Frauen an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Heute ist das ein Grund zum Feiern und Weiterdenken.

Es war ein mutiger Schritt, als sich 1985 lesbische Frauen in der Evangelischen Akademie Bad Boll zu einer Tagung trafen. Mutig für die Institution der Landeskirche, noch mutiger für die Teilnehmerinnen. Die lebten damals meist im Verborgenen – aus Angst vor Diskriminierung, Arbeitsplatzverlust und gesellschaftlicher Ächtung. 40 Jahre ist das her. Jetzt lädt die Akademie vom 12. bis 14. Dezember zur Jubiläumstagung für lesbische und queere Frauen ein.

 

Und sagt: „Herzlichen Glückwunsch!“ Auf die Teilnehmerinnen warten theologische Inspirationen und gemeinschaftliche Erlebnisse. Der Festsaal wird gemeinsam gestaltet, sie lernen die Confiserie Bosch in Uhingen kennen. Der Tagung voraus geht ein Entspannungstag.

Alles andere als entspannt waren die Anfänge. Herta Leistner, Studienleiterin an der Akademie Bad Boll, war die treibende Kraft. Die Sozialpädagogin aus dem Schwarzwald, aufgewachsenen in einem frommen Elternhaus, holte die Tagung nach Bad Boll, wo sie auf Dauer ihre Heimat findet. Das Angebot trug den Titel „Lebensformen von Frauen“, die Einladung erfolgte vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda, berichtet die Akademie. „Sichtbarkeit war riskant, doch die Sehnsucht nach Austausch und Solidarität überwog.“

Klerikale Vertreter verlangen, dass diese Themen gestrichen werden

Lesbische Frauen – das war damals für die Kirche etwas Neues. Herta Leistner und einige Mitstreiterinnen hatten mit einem Aufruf zwei Jahre zuvor gefragt: „Gibt es überhaupt lesbische Frauen in der Kirche? Wenn ja, so meldet euch doch!“ Nach und nach meldeten sich rund 300 Frauen. Für manche Kirchenleute war das unerträglich. Herta Leistner wurde unter Druck gesetzt. Nach fortgesetzten Lesben-Tagungen und dem Buch „Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind?“ gibt es Überlegungen, gegen die Studienleiterin disziplinarisch vorzugehen, weil sie in diesem Buch mit ihrer Dienstadresse als Anlaufstelle für lesbische Frauen genannt wird.

So steht es in der Biografie, die Ulrike Helwerth über sie verfasst hat. „In einem regelrechten ‚Inquisitionsverhör‘ werfen ihr klerikale Vertreter vor, sie habe aus der Akademie einen ‚Tempel der lesbischen Liebe‘ gemacht. Und sie verlangen, dass alle diese Themen aus dem Programm gestrichen werden.“ Das gelingt nicht. Herta Leistner bleibt, und die Tagungen auch.

1996 wird Herta Leistner mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Die Akademie Bad Boll „bleibt ein Ort des Dialogs und der Solidarität“. Auch die „evangelikalen Kreise“, die Jahre später verhindern wollen, dass auf Ebene der EKD ein Frauenstudien- und Bildungszentrum eingerichtet wird und Herta Leistner dort eine der beiden Studienleiterinnen werden soll, verlieren den Machtkampf. 12.000 Unterschriften haben sie gegen Herta Leistner gesammelt. Anerkennung bekommt die Pionierin von der Politik. 1996 wird sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet: für ihre „Verdienste um die Wahrnehmung und Emanzipation lesbischer Frauen in Kirche und Gesellschaft”.

Aber auch in der Kirche gibt es andere Stimmen: Bei der Lesbentagung 2018 sagt Gabriele Arnold, Prälatin in Stuttgart, bei der Abendmahlsfeier: „Ich habe um Vergebung gebeten dafür, dass Menschen aus dem LSBTTIQ-Bereich in unserer Kirche sehr viel Leid und Unrecht erfahren haben. Sie sind diskriminiert worden. Sie konnten sich nicht zeigen und man hat ihre Liebe im Grunde schlecht gemacht oder mit Füßen getreten, würde ich sogar sagen. Etwas Schlimmeres, finde ich, kann eine Kirche nicht tun.“

Der jüngste Versuch, die Gleichstellung einzuführen, scheiterte knapp

So dokumentiert das die Akademie Bad Boll. Gleichzeitig stellt sie fest: Die Realität bleibt dahinter zurück. Die Württembergische Landeskirche erlaubt nur Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare. Trauungen nicht. In 14 anderen Landeskirchen gibt es sie. Der jüngste Versuch, die Gleichstellung einzuführen, scheiterte neulich in der Landessynode knapp. Damit bleibt es beim Kompromiss von 2019. Für die Evangelische Akademie zeigt dieses Ergebnis: „Die Debatte ist nicht abgeschlossen.“

Es bleibt noch viel Arbeit

Anlass
  40 Jahre Lebenstagungen seien ein Grund zum Feiern und Weiterdenken, so die Akademie. Die Jubiläumstagung würdigt die Wegbereiterinnen, blickt auf die Anfänge und richtet den Blick nach vorn. „Wie gestalten wir Zukunft in Kirche und Gesellschaft, in der Vielfalt selbstverständlich ist?“

Sorge
Viel sei erreicht, aber: Autoritäre und homophobe Tendenzen nähmen wieder zu. Interessierte können sich anmelden auf der Homepage der Akademie Bad Boll unter https://www.ev-akademie-boll.de/home.html