Vor zweihundert Jahren zeigte der Wanderbursche Karl Gottfried Dinkelacker, wie man ein gutes untergäriges Bier braute. Zweihundert Jahre später zeigt die Schönbuch Braumanufaktur, wie man in einem schrumpfenden Biermarkt erfolgreich bleibt.
Die Schönbuch-Braumanufaktur wird 200 Jahre alt: Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, um zu zeigen, dass das älteste Böblinger Unternehmen anders tickt, fand der Presseempfang am Dienstag nicht im Bierzelt statt, sondern im Böblinger Metropolkino.
Warum die Schönbuch Braumanufaktur erfolgreich am Markt geblieben ist, während bei so vielen anderen Brauereien der Zapfen längst dicht ist, wollte der Filmemacher Oliver Koblenzer herausfinden, der mit viel Fingerspitzengefühl einen dokumentarischen Film zum Jubiläum gedreht hat. Es wäre für Koblenzer leicht gewesen, den Erfolg der Böblinger Traditionsmarke mit den allbekannten Werbe- und Managersprüchen zu illustrieren, die selbst nach dem fünften Bier noch schwer verdaulich sind. Er hat versucht, den Erfolg der kleinen großen Brauerei aus sich selbst heraus zu erklären.
Karl Gottfried ist nun ein Warhaholic
Einer der auszog, das Brauen zu lernen, war Karl Gottfried Dinkelaker (ohne „ck“). Als Wanderbursche wandte er sich kühn und ohne tiefere Sprachkenntnisse ins Ausland – also nach bayerisch Franken – und lernte in Nürnberg das Verfertigen von untergärigem Rotbier. Das Nürnberger Rezept brachte er zurück in sein Heimatstädtchen Böblingen und gründete 1823 zunächst am Markt-, dann am Postplatz eine Bierbrauerei.
Der Urahne ist denn auch die Galionsfigur des Jubiläums und ihm zu Ehren gibt es jetzt auch ein neues Bier: Das „Karl Gottfried“ mit einem Etikett, auf dem der rührige Firmengründer prangt, und zwar knallbunt im Stil eines Gemäldes von Andy Warhol – als „Warhaholic“ wenn man so will.
Der neue Geschmack aus Nürnberg kam in Böblingen an, das Geschäft florierte und eine Entwicklung vom Wein zum Bierkonsum setzte ein, die bald ganz Deutschland ergriff. Mit der Erfindung der Kältetechnik bekam das untergärige Bier einen ganz neuen Schub, bis es wieder einen Trend zum obergärigen Bier gab.
Das Lebenselixier
„Bier ist unser Lebenselixier“, sagte der amtierende Brauerei-Chef Werner Dinkelaker (auch ohne „ck“) am Dienstag beim Presseempfang. Aber es ist nicht nur das: Bier, von allen Gesellschaftsschichten getrunken, ist gewissermaßen der Kitt, der die zerfallende Gesellschaft wieder zusammenhält. Und das schon in den Frühzeiten der Brauerei. Aus der fein säuberlich in Sütterlin-Schrift verfassten Familienchronik ist folgende Anekdote überliefert. Als die 48er Revolution in Deutschland entflammte, in der die Bürger für Demokratie und Bürgerrechte gegen den Adel stritten, muss es auch im Brauerei-Gasthof hoch hergegangen sein. Doch bevor die Fäuste flogen, hatte die damalige Seniorchefin einen der Aufrührer mit folgenden Worten kalt gestellt: „Hock dich hin und trink dein Bier!“ Ein guter Rat, um die Streithähne zusammenzuführen, statt sie zu kriminellen Taten zu verführen. Kitt statt Kittchen könnte man sagen. Auf alle Fälle war die 48er Revolution damit im Gerstenkeim erstickt.
Christian bekam auch eine Brauerei
In den nächsten Jahren wurde nicht nur die Brauerei größer, auch die Familie Dinkelacker, die inzwischen das „c“ im Nachnamen führte. Ein Enkel Karl Gottfrieds, Carl Christian Dinkelacker kaufte eine kleine Brauerei in Stuttgart, damit er ein Auskommen habe und wurde zum Gründer der heutigen Dinkelacker-Brauerei. Die Böblinger ließen wieder das „c“ weg, wegen der Verwechslungsgefahr. Die bestand aber weiterhin, bis die Dinkelakers ( ohne „ck“) die Firma in Schönbuch-Brauerei umbenannten und den Jäger zur Symbolfigur erkoren. Das war Anfang des 20sten Jahrhunderts und passte perfekt zum Zeitgeist, der Waldeinsamkeit und Wildbret liebte – und natürlich Bier.
Ein Mann sticht in dem Film von Oliver Koblenzer besonders hervor: Das ist Götz Habisreitinger, den der Brauereichef Werner Dinkelaker wahlweise als „Fels in der Brandung“ oder als „Starke Schulter“ bezeichnet. Nach der Dinkelakerschen Definitionen ist er ein unverrückbarer Bestandteil der Firmenführung, selbst jetzt noch, wo er offiziell in Rente ist. Er kam in den achtziger Jahren in den Betrieb, als das Brauereiensterben begann und sagte nicht zu Unrecht: „Wir haben den Ersten und den Zweiten Weltkrieg überlebt“ und folgerte, man müsse auch die Achtzigerjahre überstehen können. Er brachte eine Unzahl von neuen Ideen in die Brauerei, was ihm eine ebenso große Unzahl von „Das geht nicht“, „Das haben wir immer schon so gemacht“, einbrachte – aber er gab nicht auf.
Orte, wo sich jeder wohlfühlt
Eine alte Remise, ein Fahrzeugschuppen im Hof der Brauerei, wurde zum ersten Brauhaus der Manufaktur und zu einem wichtigen Aushängeschild. Drei dieser großen Gastronomiebetriebe hat die Brauerei inzwischen, wo sie 100 Mitarbeiter beschäftigt. Einen in Stuttgart Mitte beim Königsbau, einen in Calw und einen eben in Böblingen.
Die Brauhäuser spiegeln den Dinkelakerschen Gedanken wieder, Orte zu schaffen, wo sich jeder wohlfühlt, und wo alle, egal welchen Alters, welcher Gesellschaftsschicht oder welchen gesellschaftlichen Lagers einträchtig an den langen Biertischen zusammen sitzen.
Einer der auszog, die Kunden zu kennen, ist Werner Dinkelaker, 55. Er hatte ebenfalls eine Menge neuer Ideen und zusammen mit Götz Habisreitinger setzte er sie um. Er fühlte in den Stuttgarter Szene-Kneipen vor, zapfte die Meinungsträger an, fand heraus, was dort angesagt war und schuf schließlich das „Jäger Spezial“ mit seinem knallorangenen Etikett, das mittlerweile ein Viertel des Ausstoßes ausmacht.
Wie also hält man ein Unternehmen 200 Jahre erfolgreich am Markt? Ein gutes Produkt, einen klaren Markenbotschafter, das Unternehmen am Zeitgeist ausrichten und eine Community bilden. Fast so einfach, wie aus Hopfen, Hefe, Malz und Wasser ein gutes Bier zu brauen – und genauso schwer.
Brauerei mit Maß und Ziel
Gründliches
Die Brauerei wird 1823 gegründet durch Karl Gottfried Dinkelaker, Biersieder und Stadtrat.
Brüderliches
Die Söhne Christian und Wilhelm übernehmen 1860 die Brauerei.
Familiäres
Christian zieht 1873 nach Stuttgart, sein Sohn Carl Christian gründet 1888 in Stuttgart die Brauerei Dinkelacker, daraufhin streicht Wilhelm zur Unterscheidung das „c“ wieder aus seinem Nachnamen.
Unfassbares
Das Flaschenbier wird im Jahr 1903 eingeführt.
Gastliches
Einrichtung eines Biergartens auf dem Brauereihof im Jahr 1991.
Künftiges
Eintritt von Diplom-Braumeister 1997 Werner Dinkelaker in das väterliche Geschäft.
Treffliches
Im Jahr 2016 führt die Schönbuch Braumanufaktur die Sorte „Jäger Spezial“ ein.