Nach einem Konzert des 2003 verstorbenen Wolle Kriwankek und anderen Kulturdarbietungen in der Caritas-Tagesstätte hat alles begonnen. Foto: / Gottfried Stoppel

OB Fritz Kuhn lobt das „großartige Engagement“ des Vereins, der vor zehn Jahren „Kultur für alle“ möglich machte. Der Vorsitzende und Mitbegründer Harald Wohlmann kann sich eine Ausweitung des Programms vorstellen.

Stuttgart - Wenn man so will, hat mit dem 2003 verstorbenen Wolle Kriwanek („I muss di Strassaboh no krieaga, bloß dr Fünfer bringt me hoim“) alles begonnen. Der Mundart-Poet und Sänger gab den Armen und Obdachlosen ein Konzert bei einer Tageseinrichtung der Caritas. Die Begeisterung war so groß, dass sich bei diesem und anderen Kulturdarbietungen der Wunsch nach mehr entwickelt hat. Harald Wohlmann erinnert sich gut, wie seine Gäste ihn bestürmten und fragten: „Darf ich das nächste Mal jemanden dazu mitbringen?“ Wohlmann ist der Chef der Tagesstätte Olga 46. Er legte die Stirn in Falten und schüttelte sein Haupt: „So viel Platz haben wir nicht.“

Doch aus dem Mangel entstehen oft die besten Sachen. Dies gilt wohl auch hier. Denn Wohlmann hat gemeinsam mit dem früheren Bürgermeister Werner Wölfle, der heutigen Staatssekretärin Petra Olschowski („In meiner Erinnerung lag das Thema vor zehn Jahren in der Luft.“) und anderen über die Jahre die Idee entwickelt, allen Menschen in der Stadt Kultur zugänglich zu machen. Mit Hilfe eines Runden Tisches der Bürgerstiftung entstand so ein Erfolgsmodell, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert: die Initiative Kultur für alle Stuttgart e.V.

Lob vom OB

„Aus diesem Anlass bedanke ich mich sehr herzlich bei allen Beteiligten, die mit ihrem großartigen Engagement dabei helfen, Menschen mit geringem Einkommen am kulturellen Leben teilhaben zu lassen“, lobt OB Fritz Kuhn (Grüne) zum Jubiläum. Werner Schretzmeier ergänzt: „Das Theaterhaus ist seit Beginn Partner und unterstützt diese Initiative, da sie sich auch mit dem Auftrag des Theaterhauses deckt: vielen Menschen – insbesondere Personen mit einem geringeren Einkommen – den Zugang zu kulturellen Veranstaltungen zu ermöglichen.“ So kamen viele Menschen zum Beispiel in den Genuss, auch die teuren Tanzproduktionen von Eric Gauthier auf der Bühne erleben zu können.

Aber das Theaterhaus ist nur ein Kulturpartner von rund 100 in der Stadt. Sie ermöglichten in den vergangenen Jahren Bürgern mit wenig oder keinem Einkommen die Teilhabe am kulturellen Leben. 100 000 Inhaber der „Bonuscard + Kultur“ konnten so Häuser wie das Kunstmuseum, die Schauspielbühnen, das Porsche- und Mercedes-Museum, aber auch kleinere Einrichtungen wie das Laboratorium, das JES oder das Studiotheater besuchen.

Nach den Worten von Harald Wohlmann, dem Vorstandsvorsitzenden von Kultur für alle, liegt dem Verein ein „breiter Kulturbegriff zugrunde“. Möglichst viele verschiedene Angebote sollen niedrigschwellig und nichtdiskriminierend sein. Daher wünscht sich Wohlmann, dass die beteiligten Kulturpartner weiterhin so zahlreich bleiben und die Anzahl eher noch größer wird: „Ich wünsche mir eine fantasievolle Weiterentwicklung der Angebote, damit alle Menschen in Stuttgart die Kultur schwellenlos erreichen können. Kultur ist eine der wesentlichen Säulen unserer Stadtgesellschaft, deshalb dürfen wir nicht ruhen alle mitzunehmen.“

Yoga? Warum nicht

Der Fantasie sind bei einer Weiterentwicklung keine Grenzen gesetzt – eher den Strukturen des Vereins, der von Eva Ringer in Rahmen einer Halbtagesstelle und mit einem Gesamtbudget von 50 000 Euro im Jahr geführt wird. Dennoch könnte sich Wohlmann vorstellen, dass über eine Art Freikartensystem auch Angebote wie Yoga oder Tanzen vermittelt werden könnte. Nach ähnlichem Muster verfahre man auch bei Veranstaltungen wie den „Flammenden Sternen“ oder bei Zirkusvorstellungen. „Da sind wir offen“, sagt er und ergänzt: „Auch die Kinos könnten sich mal einen Ruck geben.“

Aber offenbar fürchtet so mancher Kulturanbieter, es könne etwa bei einem Wohnsitzlosen zu einer olfaktorischen Belästigung kommen. Harald Wohlmann kennt diese Bedenken, weiß aber auch, wie problemlos sich solche Fälle in der Regel lösen lassen. Er erinnert sich noch gut, wie er einen aufgeregten Anruf aus dem Porsche-Museum bekommen hatte. Eine Familie, die das Kultur-für-alle-Angebot genutzt hatte, startete plötzlich auf der Museumstreppe ein Picknick.

Heute wie gestern stellt man in solchen Fällen Stühle bereit, damit man sein Vesper nicht mitten im Museum verzehren muss. „Es gibt immer eine Lösung“, sagt Wohlmann, der selbst einen gewissen Stolz über zehn Jahre Kultur für alle nicht verbergen kann. Er weiß, wie dankbar die ärmeren Menschen dieses Angebot annehmen. Allerdings sagt er auch: „Eigentlich müssten sie nicht dankbar sein. Denn es ist die Pflicht der Stadtgesellschaft alle mitzunehmen.“

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