Jetzt singen sie wieder: Nikolai Ott und die Karlshöhen-Kantorei. Foto: Simon Granville

Statt stimmgewaltig in ihr Jubiläumsjahr zu gehen, verstummte die Ludwigsburger Karlshöhen-Kantorei zum Jahreswechsel – pandemiebedingt. Jetzt legt sie wieder los.

Ludwigsburg - Darf man das als Chor? In einer noch nicht überwundenen Pandemie „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ singen? Man darf, sagt Nikolai Ott, Leiter der Karlshöhen-Kantorei. Zwar war die Wahl auf Mendelssohn-Bartholdys Sinfoniekantate „Lobgesang“ fürs 50-Jahr-Bestehen des Chores schon gefallen, als von Corona noch niemand auch nur etwas ahnte. Sie passt aber nicht nur in die Zeit, „weil das Atmen in unserem Bewusstsein jetzt eine ganz neue Dimension hat“, wie Ott sagt, „sondern weil das Werk ganz gut beschreibt, was wir durchgemacht haben“. Allein der Beginn mit 500 Takten Chor-Pause und Passagen wie „Stricke des Todes hatten uns umfangen“ oder „Hüter, ist die Nacht bald hin?“ lassen sich sinnträchtig ins Heute herunterbrechen.

 

Die Kantorei, eine der größeren Playerinnen in der gehobenen regionalen Amateur-Chorszene, hat also das halbe Jahrhundert voll – und die Hoffnung, das am 13. November tatsächlich mit einem Jubiläumskonzert feiern zu können. Seit wenigen Wochen probt sie wieder. Natürlich nicht kuschelig nebeneinandersitzend, sondern einzeln in der ganzen Karlshöhen-Kirche verteilt. Und auch noch nicht in Komplettbesetzung wiedererstarkt. Mancher wartet lieber noch etwas.

„Chorsingen funktioniert nur in Präsenz“

Trotzdem sorgen das Wiedersehen und -hören, sorgen auch gutmütig-launige Chorleiter-Kommentare wie „Da war schon sehr viel Schönes dabei“ oder „Gut, man kann dieses Stück auch als Kanon singen, aber so komponiert ist es eigentlich nicht“ für Wonne. Denn wer setzt sich schon gerne alleine zum virtuellen Proben vor den Rechner? „Chorsingen ist ein soziales Konstrukt“, sagt Nikolai Ott. „Das können Sie nicht simulieren. Es funktioniert nur in Präsenz. Und in einem richtigen Raum.“ Um seine Choristen nicht ganz aus den Augen zu verlieren, hatte Ott sie im Lockdown regelmäßig online „auf ein Glas mit Nikolai“ eingeladen. Nicht, um sich die Misere schönzutrinken, sondern um über Komponisten und Werke zu plaudern. Und darüber, wem es wie geht.

Jetzt singt und klingt es also wieder in der Kirche auf der Karlshöhe – nach rund einem halben Jahr. Verstummt war der Chor kurz vor drei vorgesehenen, coronakonformen Kurz-Auftritten in der Friedenskirche im November, „die wir mit einem Riesenzinnober geplant hatten“, wie Ott erzählt. „Allein auszubaldowern, wer in welchen Gruppen wann probt, kostete mich Tage. Es war bitter, das dann absagen zu müssen, vor allem wegen der freiberuflichen Musiker, denen wir eine Auftrittsmöglichkeit verschaffen wollten.“

Unterhaltsame Jubiläums-Website

Auftreten, endlich wieder Zuhörer entflammen: Welcher Chor träumte nicht davon? Die Karlshöhen-Kantorei brachte in ihrer 50-jährigen Geschichte – darunter alleine 30 mit ihrem Gründer Siegfried Bauer – so viel auf Podeste und Bühnen, dass die Beteiligten abendfüllend davon erzählen können. Oratorien, Passionen, nächtliche Kantatengottesdienste zur Jahreswende oder Intermezzi in Richtung szenisches Musiktheater gehören zur Historie. Ebenso Reisen – etwa in die Partnerstädte Montbéliard oder Jewpatorija – Schallplatten- und CD-Aufnahmen, Probenwochenenden und rauschende Feste. Die Fäden eben, die einen Chor neben dem rein Musikalischen zu einer verschworenen Gemeinschaft verweben.

Statt all diese Rückblenden in eine Festschrift zu packen, die „von Insidern freudig in Empfang genommen und einmal durchgeblättert wird und anschließend daheim im Regal verstaubt“, wie Chor-Pressesprecherin Gertrud Schubert die Sachlage einschätzt, richtete ein harter Kern in den Corona-Monaten eine Jubiläums-Website ein. Sie bietet ein unterhaltsames Quodlibet aus Sehens-, Hörens- und Erinnernswertem. In einem Choralphabet finden sich unter Einträgen wie „R wie Rampensau“ oder „V wie Vaterunser-Flashmob“ viele Anekdoten. Meist lustige. Aber es gab auch Reibungen: Nicht immer harmonierten die Vorstellungen von Chorleiter und Chor automatisch.

Wie eine riesige Wundertüte

Apropos Vorstellungen: Dass Nikolai Ott zu seinem Einstand in der Kantorei eine Uraufführung des zeitgenössischen Komponisten Jan Kopp mit Händels „Israel in Egypt“ zusammenspannte, war für manchen gewöhnungsbedürftig. Doch die anfängliche Skepsis wandelte sich. „Es ist wie eine riesige Wundertüte, bei der man anfangs noch nicht weiß, was herauskommt. Aber wenn ein Chor merkt, dass da etwas draus wird, wächst Vertrauen“, sagt Ott. Zudem sei es seine Aufgabe, die Menschen mit Neuem bekannt zu machen und sie anzuregen. „Es ist sekundär, ob es ihnen zunächst vielleicht nicht gefällt. Das Gefallen ist nicht das Kriterium, mit dem man an Musik herangehen sollte.“

Konsequenterweise geht die Kantorei nicht nur mit Mendelssohn-Bartholdy, sondern wiederum auch mit einer Auftragskomposition von Jan Kopp in ihr zweites halbes Jahrhundert. Wenn denn im Herbst alles kommt wie erhofft. Doch in Covid-19-angekränkeltem vorausschauendem Pessimismus schon mal kleinere Brötchen zu backen, ist Nikolai Otts Sache nicht: „Wir brauchen Ziele“, sagt er. „Und wir sind optimistisch.“

Fakten zum Jubiläum

Der Anfang
Der spätere Landeskirchenmusikdirektor Siegfried Bauer gründete die Kantorei im September 1971 als Chor der Mitarbeiter der Karlshöhen-Einrichtungen. Sie wuchs rasch, etwa durch Studierende der Pädagogischen Hochschule, die er in Chor- und Orchesterleitung unterrichtete.

Die Gegenwart
Der Schwerpunkt liegt auf geistlicher Musik, vor allem auf großen oratorischen Werken. Siegfried Bauer leitete die Kantorei bis 2001, ihm folgten Tobias Horn und 2017 Nikolai Ott. Der Chor zählt heute an die 100 Sängerinnen und Sänger. Das Festkonzert ist für den 13. November um 19 Uhr in der Friedenskirche geplant. Mehr zu Kantorei und Jubiläum unter kantorei-karlshoehe.de