Großer Bahnhof in Geislingen: Viele Besucher kamen zur zweitägigen Jubiläumsfeier der Geislinger Steige, die vor 175 Jahren gebaut wurde – damals in Windeseile.
Die Stadt Geislingen ist an diesem Tag vom Tuten und Schnaufen der Loks erfüllt, die die Alb hinauf- und wieder hinabtuckern. Es ist der 28. Juni, und vor genau 175 Jahren befuhr zum ersten Mal eine Eisenbahn die Geislinger Steige. Die Menschen in der Fünftälerstadt feiern das mit einem großen Jubiläumsfest. Zur Steige-Feier rund um den Bahnhof gesellt sich am Sonntag das Oldtimertreffen in der Altstadt mit verkaufsoffenem Sonntag.
Schon morgens herrscht Trubel auf dem Bahnhofsvorplatz: Viele Besucher strömen zur Eröffnung um 10 Uhr mit Verkehrsminister Winfried Hermann und dem Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer, für den dies der letzte offizielle Termin vor seiner Amtsübergabe an Nachfolger Ignazio Ceffalia ist. Bereits drei Minuten vor zehn legt die Stadtkapelle Geislingen los und ist damit pünktlicher als viele der Züge, die nebenan täglich ein- und ausfahren.
„Ich weiß nicht, wie es damals bei der Einweihung der Steige war, aber das Zeitfenster war vor 175 Jahren sicher nicht so eng wie heute“, meint Frank Dehmer. Er begrüßt die Gäste – darunter viele Vertreter der Kommunal- und Landespolitik sowie die Oberbürgermeister der Geislinger Partnerstädte Montceau-les-Mines und Bischofswerda. Winfried Hermann überreicht er eine Märklin-Lok und den Jubiläumswein.
Minister Hermann: ein Mutiges und herausforderndes Bahnprojekt
Der freut sich über das Geschenk, das er erhält „bevor ich überhaupt was gesagt habe“, und wirft dann einen Blick zurück in die Zeit vor 175 Jahren, als sich die Menschen überwiegend noch in Schrittgeschwindigkeit bewegt hätten und der Steige-Bau als „Mega-Projekt einer Gebirgsbahn hineingeplatzt“ sei. Mutig, aber auch herausfordernd nennt Hermann das Pionierprojekt, das eine immens wichtige Bedeutung für das Königreich Württemberg wie für die Stadt dargestellt habe. „In nur drei Jahren haben die Menschen die Zugstrecke damals gebaut – heute brauchen wir so lange, um einen Bahnsteig zu verlängern“, sagt er. Der Steige-Bau zeige, dass man mit Mut und Zuversicht weiterkommen könne. Waren es anfangs sechs Züge, die pro Tag den Geislinger Bahnhof passierten, seien es heute mehr als 100, und dazu kämen noch die Güterzüge, erläutert der Verkehrsminister. Die Steige sei trotz der Neubaustrecke bedeutend und wichtig – „es werden weiterhin viele Regionalzüge hier fahren, pünktlich jede halbe Stunde. Ich glaube, dass wir hier in den nächsten Jahren eine gute Zukunft haben werden“.
Auch die Deutschen Bahn AG würde gerne wieder schneller bauen
Clarissa Freundorfer, Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn AG für Baden-Württemberg, spricht vom viel beschworenen Meilenstein der Ingenieurskunst und verrät, dass sie sich wegen der „wunderschönen Landschaft“ immer freue, wenn sie bei Zugfahrten die Steige passiere. „Wir sind neidisch, wie schnell das damals gegangen ist, ja“, bekennt sie, doch vor 175 Jahren habe es auch noch keine Bauplanungsverfahren wie heute gegeben, keinen Naturschutz oder andere Auflagen. Dennoch „müssen wir auch wieder schneller werden“, bekräftigt sie und wünscht sich die Entschlossenheit und Innovationsfreude von damals. Heute sei die Geislinger Steige von einem deutlich verbesserten und ausgebauten Nahverkehr geprägt, die Eisenbahn sei der wichtigste Hebel, um nachhaltigen Verkehr zu schaffen.
Die „Perle im Bergeskranz“, das Geislinger Lied, erklingt am Vormittag dann gleich zweimal: zuerst zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung mit Stadtkapelle und Gästen und kurze Zeit später – deutlich lauter – am Bahnsteig 1 mit Mitgliedern des Geislinger Rätsche-Chors, der Liederkränze Altenstadt und Bartenbach und von Germania Kuchen bei der Zugtaufe.
Ein MEX 16 erhält den Namen „Geislingen an der Steige“ als Würdigung der besonderen Zugstrecke. Das sei die Premiere für den Zugbetreiber Arverio Baden-Württemberg, erklärt Geschäftsführer Fabian Amini stolz: „Wir hätten uns keinen schöneren Anlass dafür vorstellen können.“ Etwas gezittert habe er, ob der Zug auch pünktlich am Bahnsteig sein werde, sagt er. Es klappt – nur für die riesige Menge an Besuchern, die die Taufe miterleben wollten, wird es auf dem Bahnsteig eng. Dicht gedrängt verfolgen sie, wie Verkehrsminister Hermann davon spricht, dass nun „ein schöner Zug den schönen Namen einer schönen und historisch bedeutsamen Stadt erhält“ und die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen, Dekan Martin Ehrler und Pfarrer Dietrich Crüsemann, den Zug mit Wasser vom Knoll-Denkmal taufen, Gebete und Segenswünsche sprechen.
Ein bunter Reigen an Angeboten schließt sich an. Im Bahnhof, auf Bahnhofsvorplatz und -straße, im Alten Bau und in der Fischhalle gibt es Ausstellungen, Info- und Mitmachstände, dazu Essen und Getränke, Musik von Gruppen und Bands der Musikschule Geislingen sowie eine Podiumsdiskussion mit Minister Hermann bei der Hochschule.
Besucher von außerhalb bestaunen die Zuganlage
Alexander und Sibylle Vogelmann sind extra aus Gärtringen hergefahren – mit dem Zug natürlich. Alexander Vogelmann war vor 50 Jahren das erste Mal an der Steige, damals mit der Kamera seines Vaters. Die ganze Zuganlage habe noch denselben Charme wie damals, erzählt er begeistert. „Wunderbar“ finden die beiden die vielen Angebote; sie haben schon eine Fahrt im Führerstand mitgemacht, und bis ihre Stellwerksführung um 17 Uhr beginnt, wollen sie noch einiges erkunden – ein Abstecher zum Knoll-Denkmal ist fest vorgesehen.
Roland Schrödel hat es aus Zufall nach Geislingen verschlagen, der Mann aus dem bayerischen Mühldorf am Inn ist seit zwei Wochen mit dem Rad unterwegs und lässt sich von Festival zu Festival treiben. Dass ein historischer Schienenbus auf der Zugstrecke unterwegs ist, hat er mit Freude vernommen, „denn das gab’s bei uns früher auch“.