Im Außenbereich des Fellbacher Waldorfkindergartens wird eifrig gefilzt. Foto: Gottfried Stoppel

Beim Fellbacher Förderverein Waldorfpädagogik hat sich in den vergangenen 50 Jahren viel getan. Die erste Gruppe fand 1971 in einer Werkswohnung eine Heimat.

Fellbach - Wer mit Waltraut Maier durch die Waldorfkindergärten in der Fellbacher Werner- und Täschenstraße läuft, der sieht Blumen, Holzmaterialien, traumhaft angelegte Außenbereiche und jede Menge Liebe zum Detail – und der hört Geschichten und Anekdoten. Zum Beispiel die von der scherzhaften Verunglimpfung der Einrichtung als Leichenhalle. „Das Gebäude war vielen zu dunkel. Als wir es bunt gestrichen hatten, entstand die Assoziation nicht mehr“, erinnert sich Waltraud Maier.

 

Ein langer Kampf ging der Eröffnung voraus

Die 83-Jährige weiß genau, wann welcher Baum gepflanzt und welche Wand in welcher Farbe gestrichen wurde, warum es anfangs durch das Oberlicht reingeregnet hat, wo das goldene Band gespannt war, und welche Kinder morgens mit ihr in der Frühgruppe bereits um 6.30 Uhr den Tag begrüßt haben. Und sie weiß, was für ein Kampf es damals war, bis in Fellbach eine Einrichtung nach den Prinzipien der Waldorfpädagogik eröffnen konnte.

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Als Mutter von vier Kindern gehörte Waltraut Maier 1970 zu den treibenden Kräften im Förderkreis zur Einrichtung eines Waldorfkindergartens in Fellbach. Mit ihrem bereits verstorbenen Mann Hans-Günther Maier, dem langjährigen Geschäftsführer des Fellbacher Traditionsunternehmens AMF, erlebte sie viele „Sandkastengespräche“ mit Familien. „Zu der Zeit ging es darum, dass bereits Kindergartenkinder lesen lernen sollten. Nicht jeder war davon begeistert“, sagt Waltraut Maier. Sie tauschte sich mit anderen Müttern aus, die offen waren für die anthroposophischen Erziehungsansätze, die der Entwicklung Raum lassen. 1971 wurde dann der Verein zur Förderung kindgemäßer Erziehung, heute Förderkreis Waldorfpädagogik Fellbach, gegründet.

Und der feiert dieses Jahr 50. Geburtstag. Waltraud Maier, deren unermüdliches Engagement für die anthroposophische Bewegung nicht abreißt, ist zu Recht stolz, was in der Zeit alles bewegt wurde. Und auch heute noch ist sie aktiv und leitet die Eltern-Kind-Gruppen. „Das geht gerade wegen Corona nicht, aber ich freue mich schon, wenn auch das wieder möglich ist“, sagt Waltraut Maier.

Das Jubiläum soll noch gebührend gefeiert werden

Auch Sara Koenen wartet darauf, dass wieder mehr Normalität einkehren kann. Dann soll auch das Jubiläum – gleich mit mehreren Veranstaltungen – gebührend gefeiert werden. „Jetzt ist es erst mal wichtig, dass wir weiter so gut durch diese Zeit kommen. Wir haben ein Jubiläumsjahr, da ist es nicht schlimm, wenn nicht direkt am Stichtag gefeiert wird“, sagt die pädagogische Koordinatorin der Waldorfkindergärten in Fellbach.

Geplant ist, wenn es die Lage der Pandemie zulässt, im September ein Puppenspiel. Zudem sollen Vorträge, eine Baumpflanzaktion und natürlich ein Fest für die Eltern das Jubiläum zelebrieren. „Man muss sich das klarmachen, in den 50 Jahren hatte ich als Gründerin des Fördervereins mit vier Oberbürgermeistern zu tun“, sagt Waltraut Maier. Und auch wenn die Waldorfpädagogik längst in Fellbach angekommen und die Stadt beim Thema Kinderbetreuung sehr offen wäre, sei das nicht immer so gewesen, sagt sie. „Es waren viele, teils harte Gespräche nötig, und auch die finanzielle Unterstützung war nicht immer da.“ Die Spendentrommel hat sie ihr Leben lang gerührt. Es gelang ihr mit beharrlichem Charme, Geldgeber für ihr Lebenswerk zu gewinnen.

Die erste Gruppe fand in einer Werkswohnung am Sandgraben eine Heimat. 1973 war das. Vor allem der Fellbacher Industrielle Ferdinand Heine, selbst ohne Kinder, förderte diese Pädagogik. „Die Geschwister-Heine-Stiftung unterstützte uns und war Bauherr des Waldorfkindergarten-Neubaus in der Wernerstraße“, sagt sie. Die Grundsteinlegung war 1975. Und so zogen 1976 zwei Gruppen in den Neubau ein. Später dann, in der Zeit von 1990 bis 2014, waren weitere Gruppen in der Höhenstraße untergebracht.

Anfänge im Industriegebiet

An diese Anfänge in dem Fellbacher Industriegebiet kann sich die Erzieherin Sabine Müller noch gut erinnern. „Wir hatten so viele Unterstützer, die uns Wiesen und Gärten in der Umgebung zur Verfügung stellten, sodass wir immer raus in die Natur konnten“, sagt sie. Aber auch im Inneren konnte sich der heimelige Charme der Pädagogik mitten im rauen Industriegebiet durchsetzen. „Es war wie eine kleine Oase, draußen brandete der Verkehr, drinnen hatten wir Kerzen an, und es roch nach frischen Brötchen“, sagt Sabine Müller. Es gehe darum, Mensch zu sein und kindgerechte Erziehung zu fördern.

Jahr um Jahr kamen mehr Gruppen und größere Spielflächen hinzu, auch die Anforderungen an die Betreuung wandelten sich. „Wir hatten die allererste Ganztagsgruppe im Rems-Murr-Kreis mit Öffnungszeiten von 6.30 bis 16.30 Uhr“, sagt Waltraud Maier. Im Jahr 2011 kaufte der selbstverwaltete Förderkreis Waldorfpädagogik, der auch ein Ausbildungsbetrieb ist, ein Nachbargrundstück zur Wernerstraße in der Täschenstraße. Ende April 2014 zogen die Kinder aus der Höhenstraße ein – viele weitere folgten.