Weder die spanische Justiz noch die Politik noch die Presse haben sich lange für die Finanzen von Exkönig Juan Carlos interessiert. Jetzt ist er von der Öffentlichkeit für schuldig erklärt worden. Was steckt dahinter?
Madrid - Die Indizien gegen Juan Carlos, so befand die spanische Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Korruptionsdelikte am 7. September 2018, seien außerordentlich schwach. Man empfehle, die Ermittlungen einzustellen. Der Untersuchungsrichter am Nationalen Gerichtshof folgte der Empfehlung. Juan Carlos de Borbón, Ex-König der Spanier, blieb unbehelligt.
An diesem Montagabend hat Juan Carlos das Land verlassen, weil er glaubt, dass „gewisse vergangene Ereignisse“ aus seinem Privatleben dem Sohn und Nachfolger Felipe die Ausübung seines Amtes erschweren. Man muss nicht viel raten, um zu dem Schluss zu kommen, dass König Felipe VI. seinen Vater ins Exil geschickt hat. Wenn die Gerüchte vom Dienstag stimmen: in die Dominikanische Republik. Warum hat Felipe das getan? Was ist in den vergangenen knapp zwei Jahren geschehen? Vor allem: Was ist in den letzten Wochen geschehen? Ein plötzlicher medialer und politischer Sturm hat Juan Carlos davongetragen. Wahrscheinlich werden erst die Geschichtsbücher sagen können, warum er sich gerade jetzt erhob.
Den Stein ins Rollen brachte ein mutmaßlich krimineller Polizist
Wenn der 82-jährige Exmonarch nach Schuldigen sucht und nicht bei sich selber anfangen will, könnte er auf den früheren Kommissar José Manuel Villarejo verfallen. Der hatte es sich, bevor er am 17. November 2017 in Untersuchungshaft kam, zur Angewohnheit gemacht, nur mit Aufnahmegerät aus dem Haus zu gehen, mutmaßlich, um seine kriminellen Aktivitäten abzusichern. Der Expolizist stach aus der Haft an mehrere Netzzeitungen drei Jahre alte Ton-Aufzeichnungen durch, in denen die deutsche Geschäftsfrau Corinna zu Sayn-Wittgenstein dem Exkönig Geldwäsche unterstellte.
Die spanische Justiz schreckte kurz auf, ermittelte ein wenig und fand dann, das seien doch „außerordentlich schwache“ Indizien. Akte geschlossen. In Genf aber fand ein Staatsanwalt, Yves Bertossa, die Indizien schwerwiegend genug, um sich ernsthaft an die Arbeit zu machen. Er bat die deutsche Adlige dreimal zur Vernehmung und ließ das Büro eines Genfer Vermögensverwalters durchsuchen. In Spanien nahm davon keiner Notiz. Deswegen traf es die meisten Spanier unvorbereitet als Schweizer Zeitungen am 3. März dieses Jahres die Welt darüber informierten, dass Bertossa bemerkenswerte Geldbewegungen von und zu Juan Carlos aufgedeckt hatte. Ob sie auch illegal waren, ist bis heute nicht geklärt.
Der Reputationsschaden für das spanische Königshaus ist enorm
Am 8. August 2008 hatte der – mittlerweile verstorbene – saudische König Abdullah 100 Millionen Dollar auf das Schweizer Konto einer panamaischen Stiftung von Juan Carlos überwiesen. Der Reputationsschaden für das spanische Königshaus war enorm.
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In den vergangenen Wochen nun hat sich die spanische Presse angewöhnt, wegen dieser 100 Millionen Euro von „Schmiergeldern“ und einem „Finanzskandal“ zu sprechen. Ganz so gewiss ist das aber nicht. Warum hat König Abdullah seinem spanischen Königskollegen so viel Geld geschenkt? Mutmaßlich aus Dankbarkeit für seine Vermittlungstätigkeit bei einem Großauftrag für die spanische Eisenbahnindustrie: dem Bau der Schnellbahnstrecke zwischen Mekka und Medina. Nach einem Bericht der Zeitung El País glaubt Ermittler Bartossa, dass Juan Carlos bei den spanischen Auftragnehmern einen Preisnachlass um beinahe 30 Prozent herausgehandelt hat. Das klingt nicht nach klassischer Korruption und erst recht nicht nach einem Schmiergeldfall.
Der König verschenkte das Geld an eine deutsche Adlige
Dass Juan Carlos sich allerdings eine Stiftung in Panama für das viele Geld einrichten ließ, erlaubt die Vermutung, dass er den Fiskus betrügen wollte. So oder so aber tat er im selben Jahr etwas Ungewöhnliches: Er verschenkte das Geld weiter, an die schon erwähnte Corinna zu Sayn-Wittgenstein.
Juan Carlos hatte zu Sayn-Wittgenstein bei einer Jagd in Spanien Anfang 2004 kennengelernt. Damals begann eine enge Freundschaft zwischen den beiden, vielleicht auch mehr. 2014 trat Juan Carlos zurück – und trennte sich auch von seiner deutschen Freundin. Die Umstände dieser Trennung sind unbekannt.
Zu Sayn-Wittgenstein hatte jedenfalls noch ein Hühnchen mit dem Königshaus zu rupfen, von dem sie sich unfreundlich behandelt fühlte. Im März 2019 ließ sie König Felipe die Information zukommen, dass die panamaische Stiftung seines Vaters auch ihn selbst, Felipe, als Begünstigten führte. Worauf Felipe offenbar in Panik geriet und notariell versicherte, niemals ein Erbe antreten zu wollen, dessen Herkunft „nicht im Einklang mit der Legalität“ stehen könnte. Juan Carlos war nun so tief gesunken, dass er kaum noch tiefer sinken konnte. Blieb nur die Frage: Welche Strafe konnte man Juan Carlos auferlegen, für die es keine juristische Begründung brauchte? Seit Montagabend wissen wir es: Exil.