Joy Fleming wird 70 jahre – und denkt nicht ans Aufhören Foto: dpa

An diesem Samstag feiert Fleming ihren 70. Geburtstag – und es gibt wenig, was im Rückblick langweilig war oder richtig schiefgegangen ist. Die Mode gehört dazu.

Sinsheim - Natürlich kann ein Lied eine Brücke sein. Was die Nation spätestens seit 1975 weiß, als Joy Fleming in Stockholm den deutschen Beitrag für den Grandprix Contest in den Saal röhrte. Obwohl es damals nur für den mickrigen 17. Platz reichte, weil außer Monaco, Luxemburg und Spanien alle anderen Länder keinen Punkt für die als Erna Liebenow geborene Nordpfälzerin übrig hatten.

Schwamm drüber. Denn Flemings wirklich großer Hit war schon drei Jahre früher gelaufen: der Neckarbrückenblues. Jene kleeni Gschicht vun geschtern morge. Vum Karl, der schun widder iwwer die Brick is, widder niwwer zu der onnere. Das Lied hat Joy Fleming als Jazz-, Blues- und Rock-Röhre der Nation unsterblich gemacht.

Schau auf dein Leben, was hat es gegeben, Jahre, die drehen sich nur im Kreis? Von wegen! An diesem Samstag feiert Fleming ihren 70. Geburtstag – und es gibt wenig, was im Rückblick langweilig war oder richtig schiefgegangen ist. Die Mode gehört dazu. Vielleicht. Da würde die vierfache Mutter im Nachhinein einiges anders machen. Noch immer kann sie sich darüber aufregen, wenn man sie an das langärmelige grüne Kleid erinnert, das sie in Stockholm trug: „Furchtbar, wie ein Grashüpfer. Wer mich da beraten hat, der gehört heute noch beschimpft.“ Ob ihr der runde Geburtstag Angst macht? Ach was! „Als ich 30 wurde, da dachte ich, die Welt geht unter. Ich hatte einen Horror vor der Zahl 30 – und ab da nie wieder.“ Hauptsache sei, dass die Stimme toll sei. „Und die ist noch voll da mit drei bis dreieinhalb Oktaven.“ Auch auf der Bühne fühlt sie sich fit – wenngleich sie sich bei Auftritten mittlerweile etwas öfter hinsetzt als früher.

Die Geschichte vom Karl, jenem untreuen Schlawiner, der behauptet, dass er mol schnell uff ä Bier geht, und versichert, dass er bald widder zurück is über de Mannemer Neckarbrick – den Blues singt Fleming immer noch gern. Auch nach all den Jahren wird es ihr nicht langweilig. Sie könne gar nicht anders. „Das ist ein Blues, den kann man immer anders singen – wenn man singen kann. Das darf nicht fehlen.“ Ihre Fangemeinde in Mannheim ist noch immer groß. Und nicht nur dort. „Sie ist die herausragende Soulsängerin der ersten Stunde in Deutschland“, schwärmt der künstlerische Direktor der Popakademie Baden-Württemberg, Udo Dahmen. „Mit ihrem Neckarbrückenblues hat sie Musikgeschichte geschrieben und ihrer Heimatstadt Mannheim ein Denkmal gesetzt.“

Seit fast 40 Jahren lebt sie auf einem Bauernhof in Sinsheim – inzwischen zusammen mit ihrem französischen Lebenspartner, zwei Hunden, einer Katze, einem Papagei und vielen Fischen. Nach zwei Scheidungen hat sie die Nase von der Ehe voll. „Ich werde nie wieder heiraten“, sagt sie bestimmt. Ans Aufhören denkt sie nicht. „Udo Jürgens singt ja auch noch mit 80.“ Solange die Leute sagen, die Alte, die fetzt da oben rum, es ist ein Traum, der Frau zuzuhören, habe sie keine Bedenken, weiterzumachen. Also arbeitet sie an einer neuen Platte, die im Januar erscheinen soll. Ihr Stil? Sie orientiere sich an dem, was gerade laufe: „Ich bin immer vorne. Ich will nicht altmodisch sein, auf keinen Fall.“

Natürlich kann ein Lied eine Brücke sein. Denn jeder Ton ist wie ein Stein. Er macht dich stark und fest. Du kannst darüber gehen. Und andere verstehen. Für eine wie Joy Fleming allemol.

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