Ganz große Kunst: die deutsche Bluessängerin Joy Fleming Foto: Getty Images Europe

Joy Flemings Kurpfälzer Künstlerseele gehörte dem Jazz und dem Blues. 1975 hat sie Deutschland beim Eurovision Song Contest in Stockholm einen Evergreen beschert: „Ein Lied kann eine Brücke sein“ – unsterblich!

Mannheim - „Her, her mol her, was ich Dir jetzt sag e will!“ Wer nicht einschätzen kann, warum die Kurpfälzer Sängerin Joy Fleming über Jahrzehnte hinweg ein Publikum zu begeistern wusste, der klicke sich bei Youtube einfach mal in ihren „Neckarbrückenblues“ von 1972: „Des is ä kleeni Gschicht vun geschtern morge.“

Da steht eine junge hübsche, sehr selbstbewusste Schwarzhaarige mit dunkler Lederweste über rotem Shirt auf der Bühne und singt. Aber sie singt nicht nett und süß oder klar und rein, so wie andere jener Tage. Sondern einen erdigen, breiten Blues. Und sie singt in Mannheimer Dialekt. „Do is de Briefträger zu ma kumme und hot gsacht, / Klenie kumm mol her, ich hab da was zu sage.“ Klavier und Schlagzeug hämmern den musikalischen Grund, und die damals 28-jährige Fleming lässt darüber außer Rand und Band ihre herrliche Altstimme in Höhen und Tiefen röhren: „Oh, deun Karl is schun widder iwwer de Brick, / iwwer die Brick is er widder niwwer zu der onnere.“

So wurde man allerdings damals in Deutschland keine Plattenmillionärin. So sang man auch nicht als Liebling von Dieter Thomas Heck in der ZDF-„Hitparade“. So sang vielmehr eine junge Frau, die einst mit 16 Jahren nach der Ausbildung als Verkäuferin keine Lust mehr hatte aufs Warenhaus, sondern lieber nachts in Mannheimer Kneipen nach dem deutschen Blues suchte. Amerikanische Soldaten waren Flemings erstes Publikum – und sie waren laut Zeugen völlig überrascht, weil das alles so unglaublich nach Heimat klang, im doppelten Sinne. Ein Auftritt im „Talentschuppen" des Südwestfunks bracht 1968 den Karrierschub. „Oh, hab ich zu dem Briefträger gsacht: / Her mol, des is moin Karl sei Sach. / Oh, ich weeß, der kummt a widder zurück. / Der kummt schun widder, wann er Hunger hot.“ Was soll man da noch einwenden? Hier waren Stimme und Herz offenbar auf dem rechten Fleck.

Ungewohnte Töne aus Deutschland

Wahrscheinlich hätte die Fleming in den Siebzigern wirklich große Schlagerkarriere machen können. Aber das reizte sie nicht. Sie wollte mit guten Musikern auftreten, ihre Band haben, einfach ehrliche, zackige, handfeste Musik machen, und im Zweifel reichten ihr die glänzenden Augen jener, die trotzdem oder gerade deswegen den Weg in ihren Klub gefunden hatten.

Und so hätte es noch lange weitergehen können – wenn sie nicht plötzlich im Jahr 1975 von der ARD auserkoren worden wäre, die Bundesrepublik beim Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm zu vertreten – auch hier lohnen die Klicks bei Youtube. „Ein Lied kann eine Brücke sein“ war ein musikalischer Donnerschlag, die Fleming fetzte und groovte durch einen maximal-undeutschen Soulblues mit großem Orchester-Arrangement und völlig enthemmten Backgroundsängern. Das ging zwar erst mal weit über den Horizont der Juroren (man zählte damals das Jahr 1 nach dem Abba-Sieg), Deutschland kam nur auf Platz 17. Aber Joy Flemings Titel steckt bis heute im Ohr. Und mehr noch: Unter den internationalen ESC-Fans hat er seit Jahren Kult-Status; man muss nur „Joy’s Bridge“ sagen, und viele kriegen auf den Partys gleich weiche Hüften und schnippen den Takt: „oooh Baby!“

Sie unterstützt die junge Mannheimer Popszene

Joy Fleming blieb publikumsnah und unkompliziert, stets für einen guten Groove zu haben, so ein bisschen der Typ „Mutter der Kompanie“. Deswegen begleitete sie den Aufstieg der jungen Mannheimer Popszene seit Beginn der neunziger Jahre mit großer Sympathie, trat als überzeugte Mentorin auf für neue Stars wie Xavier Naidoo und die anderen bunten Söhne der Multikulti-Metropole zwischen Rhein und Neckar. Sie selbst nahm ab und an Auftritte für Schlagershows des SWR wahr. Und man sieht auf den zugehörigen Videos stets auch die Ratlosigkeit des dort versammelten Publikums: Mann, muss die so laut sein? Ja, sie musste.

Wie traurig, dass diese Kurpfälzer Musikwucht nun mit 72 Jahren verstorben ist. Ihre Herzlichkeit, ihr Witz werden fehlen. Die Songs bleiben. Welch ein Glück: „Ein Lied kann eine Brücke sein / Und jeder Ton ist wie ein Stein / Er macht dich stark und fest / Du kannst darüber gehen / andere verstehen“.

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