Max Herre und Joy Denalane wollten „bisschen mehr als Freundschaft“ – daraus wurde eine Liebesgeschichte und eine musikalische Partnerschaft. Foto: Oliver Helbig

Joy Denalane und Max Herre genießen neue Freiheiten, seit ihre Söhne aus dem Haus sind. Wie sie die Zeit zu zweit gestalten, warum bei ihnen keine Wehmut aufkommt und wie sie auf die vergangenen 25 Jahre zurückblicken, verraten sie im Interview.

Die Musiker Joy Denalane und Max Herre lernten sich durch ein gemeinsames Duett für den Song „Mit Dir“ kennen, verliebten sich, bekamen zwei Söhne, trennten sich und kamen wieder zusammen. Musikalisch haben sie ihre Liebesgeschichte nun auf dem gemeinsamen Album „Alles Liebe“ verarbeitet, das am 1. November erscheint.

 

Frau Denalane und Herr Herre, vor 25 Jahren haben Sie zum ersten Mal für den Song „Mit Dir“ zusammengearbeitet, jetzt kommt Ihr erstes gemeinsames Album auf den Markt. Warum erst jetzt?

Herre: Weil wir in einer neuen Phase in unserem Leben sind. Wir haben zwei große Söhne, die zu Hause ausgezogen sind. Früher mussten wir sie versorgen. Das heißt, wenn einer von uns eine Platte und eine Kampagne gemacht hat, ist der andere zu Hause gewesen. Und das ist seit ungefähr zwei Jahren anders. Die Idee war immer, wenn unsere Söhne mal raus sind, gehen wir entweder auf Reisen oder wir gehen ins Studio. Wir haben uns für die Platte entschieden und haben zwei Jahre daran gearbeitet. Das wäre in der Intensität zusammen vorher nicht möglich gewesen.

In dem Song „Auf Tour“ beschreiben Sie den Kontrast, in dem Sie als Paar gelebt habt, wenn einer auf der Bühne stand, während der andere die Kinder versorgt hat. Da heißt es „Für jeden Schritt, den man macht, einen, den man verpasst.“ Schwingt da ein Bedauern mit?

Denalane: Ich denke, man verpasst immer mal etwas bei den Kindern. Man bekommt nicht jeden Schritt von ihnen mit. Außerdem habe ich dieses Leben als Musikerin, wenn ich auf Tour bin oder im Studio, nie als außergewöhnlich empfunden. Das ist schon früh in meinem Leben meine Arbeit gewesen, und ich habe keinen Vergleich, weil ich nie etwas anderes gemacht habe. Auch auf Tour hat man einen Alltag, muss die Kräfte und Ressourcen einteilen, um am Abend eine gute Show zu performen. Aber im Familienleben muss man ebenso die Kräfte einteilen, um den eigenen Ansprüchen und den Kindern gerecht zu werden.

Haben Sie sich immer abgewechselt mit Kinderbetreuung und Beruf?

Herre: Ja. Natürlich waren die Kinder auch irgendwann im Kindergarten und in der Schule, sodass wir in den normalen Bürozeiten auch gemeinsam im Studio arbeiten konnten. Aber wenn man auf Tour war oder Kampagnen hatte, haben wir uns aufgeteilt. Nun können wir zum ersten Mal arbeiten, ohne auf Stundenpläne, Termine und die Taktung, die Kinder vorgeben, Rücksicht nehmen zu müssen.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, bedeutet das eine große Veränderung. Der Song „Skyline“ erzählt davon – allerdings schwingt dort Aufbruchstimmung statt Wehmut mit.

Denalane: Wir werden oft gefragt, ob das schwierig für uns war. Ich habe das Gefühl, man wächst zusammen mit den Kindern. Und der Trennungsschmerz ist nicht so groß, wie man ihn vermutet, wenn man diese Erfahrung noch nicht gemacht hat.

Herre: Es ist auch jetzt eine sehr schöne Lebensphase, weil wir andere Freiheiten haben. Wir haben sehr früh in unserer Beziehung Kinder bekommen und deshalb manchmal Freunde beneidet, die machen konnten, was sie wollten. Die Beziehung zu den Kindern transformiert sich. Sie hört nicht auf, nur weil sie ausgezogen sind. Ich genieße es, mit meinen erwachsenen Söhnen Austausch zu haben.

Denalane: Es gibt bei jungen Menschen immer die Phase, die sie brauchen, um sich zu lösen. Sie distanzieren sich von ihren Eltern, um ihre eigene Identität zu finden. Wenn dann aber der Moment kommt und sie freiwillig anrufen und fragen: „Hey, was machst du so? Hast du Zeit?“, ist das ein schönes Gefühl. In dieser Phase sind wir jetzt.

War es von Anfang an klar, dass es auf dem ersten gemeinsamen Album um das Thema Liebe gehen soll?

Herre: Es war klar, wenn man eine Platte im Duett macht, dass es dann viel um die Beziehung geht, aber es war uns wichtig, dass es darüber hinaus geht. In dem Song „Vor unserer Tür“ geht es zum Beispiel um Elternliebe und um Verlustängste. Aber auch um die Frage, was von einem Zuhause bleibt, wenn die Menschen, die es ausgemacht haben, nicht mehr da sind. Wir wollten aber auch die gesellschaftliche Komponente von Liebe als Empathie, als Solidarität zeigen.

Kann man das Album auch als politische Botschaft werten, als Gegenmodell zu zunehmendem Hass?

Herre: Man kann es gerne auch politisch lesen. Ich glaube, dass Liebe auf jeden Fall politisch ist. Was wir erleben, die Diskurse der Zeit, spielen auch in unsere Beziehungen mit rein. Wenn man Liebe wirklich skaliert als Empathie, als einen Blick auf seinen Nächsten, dann zieht man die Kreise größer. Und das ist natürlich das Gegenmodell zu dem Hass, den Parteien wie die AfD predigen. Die sich entkoppeln von ihren Mitmenschen und egoistische, exkludierende, völkische, faschistische Gedanken in die Welt posaunen.

In jeder Beziehung gibt es nicht nur die schönen Zeiten, sondern auch Krisen, die auf dem Album auch behandelt werden. Ist es nicht schmerzhaft, in diese schweren Zeiten zurückzugehen, wenn doch jetzt alles gut ist?

Denalane: Vielleicht gerade, weil alles gut ist, ist man da auch besser gewappnet. Beim Schreibprozess versuche ich, ganz aus mir herauszutreten und meine Gedanken, meine Gefühle zu analysieren und daraus einen Text zu formen. Ich kann dabei nicht zu emotional werden, weil mich das am Arbeiten hindern würde.

Herre: Wir haben inzwischen viel Abstand dazu. Aber es ist ein Teil unserer Geschichte. Ich finde, wenn man die Platte „Alles Liebe“ nennt, muss es auch ans Eingemachte gehen. Wir hatten früher schon solche Lieder. Wir wurden zum Beispiel immer mit dem Song „Geh jetzt“ verbunden, der reine Fiktion ist und den ich 2002 für Joys Album „Mamani“ geschrieben hatte. Damit hatte ich jahrelang zu tun.

Denalane: Immer noch! Followerinnen haben geschrieben, dass Max mich doch betrogen habe und wie ich noch mit ihm zusammen sein kann. Das war komisch für uns, weil es ein fiktionaler Text ist.

Aber auf dem aktuellen Album geht es tatsächlich um Ihre Beziehung?

Herre: Ja, das ist natürlich viel näher dran an uns. Das sind Erfahrungsschätze.

Joy Denalane und Max Herre im Jahr 2004. Foto: IMAGO / Sven Simon

Zu Anfang des Gespräches sagten Sie, dass Sie vor der Wahl standet, eine große Reise zu machen oder das Album. Warum haben Sie sich gegen die Reise entschieden?

Herre: Joy war gar nicht so begeistert davon, eine lange Reise zu machen, das fand eher in meinem Kopf statt. Wir hatten jahrelang die Vorstellung, mal in einer anderen Stadt zu leben. In den Nullerjahren war es noch New York, irgendwann war es London. Das passiert jetzt erst mal nicht. Aber wir können uns hin und wieder Auszeiten nehmen.

Für manche wäre es der perfekte Zeitpunkt für einen Wohnortwechsel, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Herre: Joy ist so eine Berliner Pflanze, die bekommt man da schlecht weg.

Stuttgart kommt als Wohnort nicht mehr in Frage?

Herre: Wir sind natürlich oft da, weil meine Eltern dort leben. Wir haben auch viel für die Platte in Stuttgart gemacht. Zum Beispiel haben wir das Video zu „Bisschen mehr als Freundschaft“ dort gedreht, es soll sich ja ein bisschen anlehnen an das Video von „1ste Liebe“. Es war eine Reise in die Vergangenheit zu dem Ort, an dem wir uns getroffen hatten. Uns war es wichtig, einen Kreis zu schließen. Und dazu gehört auch, dass wir mit Leuten zusammengearbeitet haben, die uns schon lange kennen. Alte Verbindungen . . .

...die Sie immer wieder nach Stuttgart führen?

Herre: Ja genau. Ich habe da 27 Jahre lang gelebt. Mittlerweile kenne ich nicht mehr jeden Kiesel, aber die wichtigen Steine kenne ich noch.

Max Herre und Joy Denalane gehen auf gemeinsame „Alles Liebe“-Tour

  • Montag, 2. Dezember, Leipzig, Haus Auensee
  • Dienstag, 3. Dezember, München, TonHalle München
  • Mittwoch, 4. Dezember, Frankfurt, Jahrhunderthalle
  • Freitag, 6. Dezember, Stuttgart, Porsche-Arena
  • Samstag, 7. Dezember, Berlin, Uber Eats Music Hall
  • Montag, 9. Dezember, Bielefeld, Lokschuppen
  • Dienstag, 10. Dezember, Hamburg, Sporthalle Hamburg
  • Mittwoch, 11. Dezember, Köln, Palladium Köln

Musikalische Erfolge
Die Soul-Sängerin Joy Denalane hat Alben wie „Mamani“, „Let Yourself Be Loved“ und zuletzt „Willpower“ herausgebracht, während sich Max Herre zunächst mit seiner Band Freundeskreis und später als

Privates
Kennengelernt haben sich die beiden im Jahr 1999, als Freundeskreis für das Duett „Mit Dir“ eine passende Sängerin suchten und in Joy Denalane fanden. Der Song wurde zum Sommerhit des Jahres, Herre und Denalane verliebten sich, wurden ein Paar, heirateten, bekamen zwei Söhne, trennten sich und fanden doch wieder zueinander.