Begleitet von zahlreichen Journalisten spaziert Tübingens OB Boris Palmer mit den beiden Berliner CDU-Politikern Burkard Dregger (Mitte) und Kurt Wansner durch Berlin. Foto: dpa

Die Welt, behauptet Walter Wüllenweber, ist viel besser als ihr Ruf. Am Sonntag, 17. März, kommt der „Stern“-Autor ins Theaterhaus und diskutiert mit dem Tübinger OB Boris Palmer über „Streitkultur“. Das verspricht spannend zu werden.

Stuttgart - Die deutsche Gesellschaft, sagt der Journalist Walter Wüllenweber, ist ein lernendes Gemeinwesen. Doch seine frohe Botschaft findet nicht überall Gehör. Warum eigentlich nicht?

Herr Wüllenweber, kennen Sie Boris Palmer?

Nur das medial vermittelte Bild von ihm.

Darf ich Sie trotzdem fragen: Ist Boris Palmer ein rechter Grüner?

Ich denke schon. Rechts – links ist aber nicht mehr so entscheidend. Ich glaube, dass die großen politischen Gräben nicht mehr zwischen links und rechts oder arm und reich verlaufen. Sie verlaufen zwischen denen, die sagen: Ja, es geht uns einigermaßen gut. Und denen, die sagen: Nein, wir stehen am Abgrund. Zu den Nein-Sagern, zähle ich die AfD-Wähler. Und Boris Palmer. Ich nehme ihn als Hysteriemaschine wahr. Das kann aber daran liegen, dass nur seine Warnungen bis zu mir nach Hamburg durchdringen.

Mit Hiobsbotschaften findet man eher Gehör?

Ja. Und das hat zur Folge, dass wir die Realität viel schlimmer wahrnehmen, als sie ist. Gerade wir Deutschen tun das. Wenn wir uns aber die Zahlen und Fakten anschauen, dann ist exakt das Gegenteil der Fall. Wir waren noch nie so gebildet, so reich, so frei, so gesund, so sicher wie heute.

Warum bekommen Warner besser an?

Weil unser Gehirn so gepolt ist. Wir nehmen alles, was nach Alarm klingt, eher wahr.

In einem „Welt“-Artikel hat Palmer geschrieben, dass die Luftschadstoffe aus gesundheitlicher Sicht ein untergeordnetes Problem seien. Mehr würde es bringen, würde man Coca-Cola verbieten. Hat er da nicht Recht?

Für die Gesundheit gibt es drängendere Dinge als Fahrverbote, das stimmt. Aber hier geht es um Gesetze, an die sich die Behörden seit Jahren nicht halten. Die Grenzwerte, die heute gelten, wurden vor 20 Jahren beschlossen, unter Mitwirkung der damaligen Bundesumweltministerin Merkel. Für mich geht es in dieser Frage um die Herrschaft des Rechts. Wenn Palmer mit dem Cola-Vergleich kommt, nenne ich das alternative Fakten. Weil einem das eine Thema nicht passt, macht man ein anderes Fass auf.

Was passiert jemanden, der wie Sie in Ihrem Buch „Frohe Botschaft“ behauptet, dass es der Menschheit noch nie so gut gegangen sei?

Er wird angefeindet, selbst von Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen. Aber das überrascht mich nicht. Meine Generation ist mit dem Waldsterben und dem Ozonloch aufgewachsen. Jedes Jahr stand ein neuer Weltuntergang unmittelbar bevor. Wenn dann einer kommt, der fragt: „Stimmt das überhaupt?“, dann empfinden das viele als Angriff auf ihre Grundhaltung. Dabei können wir objektiv feststellen, dass das Ozonloch sich wieder schließt, das Waldsterben abgewendet wurde und die meisten Gewässer erheblich sauberer sind.

Und der Klimawandel?

Der ist eine existenzielle Bedrohung, aber nicht die erste. Wir sollten nicht übersehen, dass bei der Ökologie viele Dinge gelöst wurden. Weil das Engagement von vielen Menschen wirksam war. Wir machen Fehler, aber nicht dieselben wie früher. Gerade die deutsche Gesellschaft hat sich als ein lernendes Gemeinwesen erwiesen. Das ist das größte Kompliment, das man einer Gesellschaft machen kann.

Was ist das häufigste Gegenargument, das sie trotz froher Botschaft zu hören bekommen?

„Wenn es jemandem schlecht geht, nützt ihm der allgemeine Fortschritt wenig. Womöglich ist es für den sogar besonders schmerzlich, wenn er die Verbesserungen im Leben der anderen sieht.“ Ein anderes Argument ist ein ökonomisches – und das wiegt wirklich schwer: Die Wirtschaft in Deutschland und der Welt ist ungerechter geworden.

Weil die Reichen immer reicher werden?

Ja. Seit der Wiedervereinigung hat es bei uns eine enorme Steigerung des Reichtums gegeben. Aber das meiste Geld ist nur an die oberen fünf Prozent geflossen. In dem Zusammenhang hört man immer wieder: Die Reichen sind reicher geworden – und dann stimmt der Chor ein: Und die Armen ärmer. Aber das stimmt nicht. Die Armen sind auch reicher geworden, aber eben viel weniger.

Und das schadet der Gesellschaft?

Ja. Diese obszöne Ungerechtigkeit vergiftet die positive Bilanz und hemmt den Fortschritt. Ich recherchiere gerade für einen Artikel über die Familie Quandt, der ein Großteil von BMW gehört. Da tritt die Ungleichheit besonders krass zutage. In einer Zeit, in der die Löhne um 50 Prozent stiegen, wuchs die Dividende um das Dreizehnfache.

Angenommen, wir schaffen diese Ungerechtigkeit ab und bekommen die Klimaveränderung in den Griff – leben wir dann im Paradies?

Jedenfalls sind wir näher dran als je zuvor. Denn die anderen Geißeln der Menschheit, - Hunger, Krieg und Unterdrückung – haben wir in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgedrängt. Wichtig ist aber, zu erkennen, dass unser Fortschritt nicht unumkehrbar ist. Er wird bedroht von den Populisten. Deren Botschaft ist die Mutter aller Fake News: Es wird immer schlechter. Welche Folgen dieser Irrglaube haben kann, sehen wir an England und den USA. Beide Länder haben den Rückwärtsgang eingelegt. Aber ich habe Hoffnung, dass wir in Deutschland nicht dieselben Fehler machen.

Was lässt Sie hoffen?

Die Erfolgsmethoden, die auch die bisherigen Fortschritte ermöglicht haben: Freie Medien, die uns in die Lage versetzen, aus Fehlern zu lernen, freie Wahlen, eine unabhängige Justiz, freier Handel, eine unabhängige Wissenschaft und ganz wichtig: Die Zusammenarbeit in multinationalen Organisationen wie der EU, der Nato und der UN. Merken Sie was? Das sind genau die Angriffsziele der Populisten.

Waren Sie schon immer ein so positiv gestimmter Mensch. Oder haben Sie sich diese Sicht der Dinge über Ihren Beruf erarbeitet?

Von Haus aus bin ich ein klassisch ausgebildeter Journalist, der nach der Maxime handelt: Neuigkeiten sind das, was jemand nicht veröffentlichen möchte. Alles andere ist Reklame. Wenn man 30 Jahre lang in dem Job arbeitet, schreibt man über Themen, die man früher schon am Wickel hatte. Nur: Damals waren die Probleme größer.

Mit Palmer diskutieren Sie in Stuttgart über Streitkultur. Wie ist es um die bestellt?

Gar nicht so schlecht, jedenfalls in der analogen Welt. Ich habe das Gefühl, wir streiten offener als früher und es kommen mehr Standpunkte zu Wort. Ich gehöre auch zu jenen, die es richtig finden, dass die AfD in den Parlamenten sitzt. Es gibt in Deutschland eine Minderheit von Leuten, die Vorbehalte gegen die EU, Flüchtlinge und Zuwanderung haben. Auch diese Stimmen müssen im Parlament zu Wort kommen. In den Medien sind diese Außenseitermeinungen jedoch deutlich überrepräsentiert. Wenn es etwa um Innere Sicherheit geht, kommt in Talkshows gern der Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft zu Wort. Obwohl dessen Verein der unwichtigste unter den Polizeigewerkschaften ist. Er vertritt eine rechte Außenseiterposition, aber er schreit am lautesten.

Und wie schaut’s in der digitalen Welt aus?

Dort ist der Mechanismus noch viel ausgeprägter: Da wird nur noch Alarm gebrüllt. Der Wahrheitsgehalt ist überhaupt kein Faktor mehr. Manches stimmt, manches nicht. Es gibt keinen erfolgreichen Post, in denen ein Erfolg verkündet wird.

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