Josua Reichert, Komposition mit Q, 1970 Foto: /Galerie Schlichtenmaier

Josua Reichert ist tot, melden die „Stuttgarter Nachrichten“. Wie die Familie des Documenta-Künstlers bestätigte, starb der Drucker und Typograph bereits am 31, Oktober in seiner Wahlheimat Stephanskirchen.

Stuttgart - 22 Jahre jung ist der in Stuttgart geborene Josua Reichert, als er im Winter 1959 im Atelierhaus des Holzschneiders und Malers HAP Grieshaber auf der Achalm Gottfried Benns Gedicht „Pap­pel“ als vier Meter hohe Gedichtfahne druckt. Trotzig fast beansprucht Reichert mit dieser Initialzündung einen eigenen Platz in der mit Grieshabers Jahren an der Kunstakademie Karlsruhe (1955-1960) verbundenen Neuen Figuration.

Kunst trifft Literatur

Im Spannungsfeld des unmittelbar Existenziellen der Grieshaber-Schüler Walter Stöhrer und Horst Antes auf der einen und des betont Reflektiven bei Dieter Krieg auf der anderen Seite, spitzt Reichert im letzten Karlsruher Grieshaber-Jahr die Frage des Figurativen wie die Verbindung von Kunst und Literatur auf ganz eigene Weise zu. Der gelernte Typograph macht den Buchstaben selbst zum Typ im eigentlichen Sinn. ­Grieshabers Reduktion der Form wie die Buchstabenfiguren des Niederländers Hendrik Nicolaas Werkman (1882-1945) befeuern Reicherts Idee, die Buchstaben auftreten, ja, tanzen zu lassen.

Documenta-Teilnehmer 1968

Noch in der jeweils leichten erdigen ­Tönung von Reicherts Gelb, Rot, Blau und Weiß klingt von Beginn an ein weiterer Doppelbezug in die Niederlande und nach Dänemark durch: Die mit Mondrian verbundene Geschichte von De Stijl auf der einen und die zunächst vor allem durch Constant und ­Karel Appel geprägte Welt der einflussreichen Gruppe Cobra. Reicherts Buchstabenfigurationen bestimmt eine eigene Spannung zwischen gewollter Ordnung und der über den Bildraum hinaus drängenden Intensität. Reicherts Teilnahme an der Weltkunstausstellung Documenta 4, 1968 in Kassel, belegt den ­Widerhall solcher Bildkraft.

Raumgreifendes Werk

Buchstäblich raumgreifend ist Reicherts Schaffen seinerzeit – und 1970 wird die neu eröffnete Württembergische Landesbibliothek zur Bühne für die stockwerkübergreifende Folge der „Stuttgarter Drucke“. Buchstaben werden „Keimlinge“ (Reichert), aus denen Gedichte, Wörter oder Sätze hervorgehen. Programmatisch zeigt sich im Aufruf von Friedrich Hölderlins Gedicht „An die Parzen“ oder Gertrude Steins Minimal-Kultstück „A rose is a rose is a rose“ Reicherts Verwurzelung im Dialog von Kunst und Poesie.

Kunst soll demokratisch sein

Die Folge öffentlicher Aufträge rückt Josua Reicherts Werk, in Stuttgart vor allem in den Galerien Andreas Henn und Schlichtenmaier erlebbar, indes zu früh aus dem Blickfeld des internationalen Ausstellungsgeschehens – obgleich sein Schaffen zeitlich parallel zur Buchstabenlust der US-amerikanischen Pop-Art (1966 entsteht etwa Robert Indianas Folge „Love“) zu sehen ist. Nicht zu unterschätzen ist hier jedoch der (gesellschafts-)politische Grundzug des Werks. Vor allem Reicherts raumgreifenden Bildfahnen führen den Gedanken der Karlsruher Grieshaber-Kerngruppe um Stöhrer, Antes, Dieter Krieg und den deutlich älteren Heinz Schanz fort, Malerei und unterschiedliche Druckverfahren über plakatgroße Blätter in Form überdimensionaler Straßenzeitungen zu präsentieren.

Betont bescheiden: Selbstbezeichnung „Drucker und Typograph“

Auch auf solchen Pfaden der Aktionskunst verfolgt Josua Reichert, der 1972 von Stuttgart in das bayerische Stephanskirchen in die Nähe von Regensburg zieht, den Gedanken einer demokratischen Kunst. Parallel zur Neuentdeckung Reicherts in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren forciert er selbst Mappenwerke und Künstlerbücher – gerade so, als wolle er noch einmal unterstreichen, wie ernst er es meint, wenn er immer wieder betont, er sei „Drucker und ­Typograph“. Als wichtige Stimme der Kunst insgesamt wird Josua Reichert in Erinnerung bleiben – am 31. Oktober ist er im Alter von 83 Jahren in Stephanskirchen gestorben.

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