Der Stürmer Joselu wurde in Stuttgart geboren, kickte einst bei der TSG Hoffenheim und zahlreichen anderen Clubs. Ausgerechnet gegen Ende seiner Karriere glänzt er bei seinem Herzensverein Real Madrid. Wie ist das möglich?
Bei Hannover 96 kamen sie kürzlich ja kaum mehr hinterher mit dem Mitzählen. Erst wurde Niclas Füllkrug für den deutschen Kader für die Europameisterschaft nominiert. Füllkrug, der Ex-Hannoveraner. Dann folgten Waldemar Anton und Maximilian Beier. Anton, der frühere 96-Kapitän, Beier, der zwischen 2021 und 2023 als Leihgabe der TSG Hoffenheim am Maschsee stürmte. Dann war einige Tage Pause – bis Joselu nominiert wurde.
Joselu? Der frühere Spieler von Hannover 96? Genau! Joselu? Für Deutschland? Mitnichten! Obwohl das gar nicht so abwegig erscheint beim Blick in den Reisepass des Spaniers. Denn dort steht unter der Rubrik Geburtsort: Stuttgart. Wie übrigens auch bei Jamal Musiala.
Der deutsche Mittelfeldspieler Musiala zog mit seiner Mutter einst nach England, Joselu kehrte Deutschland noch früher den Rücken, seine Familie und der Bub kehrten nach Spanien zurück. Dort begann dann die Laufbahn des Fußballers José Luís Mato Sanmartín, wie Joselu vollständig heißt. Und es dauerte bis über den 34. Geburtstag des Angreifers hinaus, bis sie ihren Höhepunkt erreichte. Den vorläufigen. Denn für den endgültigen gibt es in absehbarer Zeit zwei weitere gute Gelegenheiten.
Am Samstag trifft Joselu mit Real Madrid im Londoner Wembleystadion nun auf Borussia Dortmund. Es geht um nicht weniger als den Henkelpott, um die Trophäe des Siegers der Champions League. Ermöglicht hat das den Königlichen: Joselu.
Vier Treffer gegen deutsche Teams in der Königsklasse
Kürzlich, im Halbfinal-Rückspiel der Madrilenen gegen den FC Bayern, lief die 81. Minute. Real lag 0:1 zurück, was das Aus bedeutet hätte. Dann wurde der Mann eingewechselt, der im vergangenen Sommer eher nach einem Verlegenheitstransfer aussah, nachdem Stürmerstar Karim Benzema Real verlassen hatte und kein hochkarätiger Nachfolger gefunden werden konnte.
Sein Ruf störte Joselu in der Folge dann aber recht wenig. Er traf in der 88. Minute, er traf in der Nachspielzeit – Real stand im Finale. Und die Verwunderung über den Entscheider wurde größer und größer.
Denn die jüngere Geschichte des heute 34-Jährigen ist das eine, sein Werdegang in den vergangenen Jahren das andere. 2012 kam der damals 22-Jährige nach Deutschland. Aus Madrid nach Hoffenheim. Mit den Vorschusslorbeeren, aus der Nachwuchsschmiede von Real zu stammen. Man habe, erinnert sich Andreas Beck, damals Rechtsverteidiger bei der TSG, „schnell gesehen, dass er große Qualitäten mitbringt“. Die Konkurrenz sei aber auch groß gewesen damals in Hoffenheim. Unter anderem kickte der spätere Liverpool-Star Firmino zu dieser Zeit noch im Kraichgau.
Sein erstes Bundesligator ließ dennoch nicht lange auf sich warten. Joselu erzielte es in seiner Geburtsstadt – beim 3:0-Auswärtssieg gegen den VfB überwand er Sven Ulreich mit rechts. Dennoch weiß Andreas Beck: „So ganz durchgesetzt hat er sich bei uns nicht damals.“ Weshalb für Joselu die Tingelei begann: Eintracht Frankfurt, Hannover 96, Stoke City, Deportivo La Coruna, Newcastle United, Deportivo Alaves, Espanyol Barcelona. Klingt wild – aber, das hat Andreas Beck weiter verfolgt: „Er hat überall seine Spiele gemacht, hatte auch überall eine ordentliche Torquote.“ 22 Treffer in 79 Bundesligapartien, zehn Tore in 68 Partien in der Premier League, 68 Erfolgserlebnisse in 199 Spielen in der spanischen ersten Liga.
Joselu ist der Schwager von Daniel Carvajal
Im Herzen, so heißt es, blieb Joselu immer ein Madridista, einer der Königlichen. Entsprechend willig stimmte er wohl dem Leihgeschäft im vergangenen Sommer zu, das ihn zurückbrachte an seine Lieblingsstätte, zumal es dort auch noch familiäre Verbindungen gibt. Die Zwillingsschwester seiner Frau ist die Angetraute von Real-Außenverteidiger Daniel Carvajal. Und siehe da: Im Herbst seiner Karriere blühte Joselu so richtig auf.
Schon im März 2023 wurde er im Alter von damals fast 33 Jahren spanischer Nationalspieler, traf gleich beim Debüt gegen Norwegen doppelt. Von Herbst an spielte er dann erstmals in der Champions League, erzielte in zehn Spielen fünf Tore, vier davon gegen deutsche Mannschaften (je zwei gegen Union Berlin und den FC Bayern). Und in La Liga stand er für Real zwar nur 15-mal in der Startelf, immerhin zehn Treffer gelangen ihm dennoch. „Dass er gegen Ende seiner Karriere noch einmal so einen Peak hat, ist schon stark“, sagt Andreas Beck, „aber das ist bei ihm kein Zufall. Stattdessen zeigt es, dass es sich lohnt, immer dranzubleiben.“ An sich zu arbeiten, sich zu entwickeln. Und so Spuren zu hinterlassen.
Das kann Joselu, der nun erstmals spanischer Meister geworden ist, in diesem Sommer noch zweifach tun. Am Samstag mit Real im Finale der Champions League gegen Borussia Dortmund – in London. Dann mit Spanien bei der EM – in Deutschland. Beziehungsweise: in Baden-Württemberg, weil die Spanier ihr Quartier in Donaueschingen aufschlagen. Im Kraichgau ist er sowieso in Erinnerung geblieben.
Denn als er aus Madrid kam, hat Joselu nicht nur sportlich Eindruck hinterlassen bei den Mitspielern. Er hatte Schienbeinschoner, die individuell gestaltet und speziell angepasst waren. Schnell nahm er dann Bestellungen der Kollegen entgegen und organisierte den Mitspielern ebenfalls individuelle Teile. „Ich habe zwei Paar bestellt“, erinnert sich Andreas Beck, „und die habe ich bis zum Ende meiner Karriere getragen.“
Das zeigt: Joselu steht für Qualität – auch wenn sie erst nach Jahren so richtig ersichtlich ist.